Gersters stumpf-eitles Outfit

Kommentar Die Millionen der Bundesanstalt für Arbeit

Der Vorfall könnte Werbung schlechthin in Misskredit bringen: Er suggeriert, wenn Leistung fehlt, muss Reklame für einen aufpolierten Ruf sorgen. Der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, hielt 25 Millionen Euro für angemessen, um mehr zu scheinen als zu sein. Die Arbeitslosenzahlen sind unter seiner Ägide zwar im Sturmschritt nach oben geschnellt, trotz Bereinigung der Statistik und vielerlei Tricks, mit denen Arbeitslose als Drückeberger und Verweigerer denunziert werden.

Gerster, dieser selbstgerechte Verfechter von Hartz-Gesetzen und Agenda 2010, der ein gegenüber seinem Vorgänger verdoppeltes Gehalt als Voraussetzung für sein edles Tun forderte und erhielt, kommt gar nicht auf die Idee, seine eigene Leistung zu bilanzieren. Zu schauen, ob irgendeine der getroffenen Maßnahmen zu messbaren Erfolgen geführt hat, ist für ihn und andere, sich Topmanager nennende Spitzen der Gesellschaft unbotmäßiges Tun. Denn es hieße, die für andere so heiß gepriesenen wirtschaftlichen Kriterien auf die eigene Arbeit anzuwenden.

Frau Engelen-Kefer und die Gewerkschaften sind empört, "dass die Ausgaben der Bundesanstalt für Marketing drastisch steigen, während die Mittel für die Arbeitsmarktpolitik drastisch zurück gefahren werden". Sprich: Es wird immer weniger für Arbeitslose getan. Dieses Versagen aber mit immer mehr Geld kaschiert. Was hätte ein Mann wie Gerster davon, würde er anders verfahren? Riskierte er den eigenen Arbeitsplatz? Will das einer? Es wäre schon viel erreicht, wüsste der Mann, dass er von den Beiträgen der Versicherten gut lebt und ihnen dafür etwas schuldig ist. Vielleicht neben Zählkünsten gelegentlich ein paar Ideen, wie neue Felder für gesellschaftlich notwendige Arbeit erschlossen werden? Dann dürfte er bei seinen monatlichen Auftritten darauf verweisen, was die Bundesanstalt getan hat, um gegen zu steuern, wenn die Arbeitslosenzahlen hoch zu schnellen drohen. Das würde ihm und der Anstalt ein etwas weniger stumpf-eitles Outfit verpassen, und zwar ganz ohne Millionen.

Aber hat der Mann das nötig? Er ist schließlich nicht aus Leipzig. Bei den Hilfsschülern in Demokratie irgendwo östlich der Elbe wären fehlende Bilanzen und ein Beratervertrag wie der von Gerster mit dem ehemaligen Bertelsmann-Manager Schiphorst, der mit den in Aussicht gestellten 1,3 Millionen Euro Honorar in keiner Relation zu den Ergebnissen solcher Tätigkeit steht, ein garantierter Entlassungsgrund. Selbst Bundestagspräsident Thierse begreift inzwischen, dass und wie in dieser Republik zweierlei Maß gelten, wenn er bemerkt, dass bei Leipzigs Olympiabewerbung etwas "madig gemacht" werde und "Neid im Spiel" sei. Auch dort geht es um viele Millionen Euro. Doch merke: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch längst nicht Dasselbe.


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