Komödianten, so oder so

Brüche und Wurzeln In zwei breit angelegten türkischen Erzählbänden dominieren überraschenderweise die weiblichen Helden

Es ist schon lange nicht mehr so, dass türkische Literatur in Deutschland unbekannt oder auf zufällige Begegnungen beschränkt bleibt. Mit Yasar Kemal und Orhan Pamuk erhielten in den letzten Jahren gleich zwei herausragende Romanciers den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Pamuk 2006 auch den Nobelpreis für Literatur. Selbstverständlich sind beide auch in der sehr repräsentativen Auswahl Türkische Erzählungen des zwanzigsten Jahrhunderts vertreten, die in einer erweiterten und ergänzten Auflage jetzt erschienen ist. Dazu kommen so bekannte Autoren wie Sait Faik, der als Mitbegründer der modernen türkischen Erzählliteratur gelten kann und ganze Generationen jüngerer Autoren beeinflusste oder Sabattin Ali, der die Tradition des engagierten Realismus mit begründete.

Zusammen mit dem Band Alles Blaue, alles Grüne dieser Welt ermöglichen die fünfzig Autoren einen sehr umfassenden Blick auf eine türkische Kultur, die wir allzu gern als bekannt abtun, obwohl wir nicht mehr wissen, als die einseitigen Blicke auf eine türkisch-deutsche Gesellschaft, deren Probleme meist mehr mit Deutschland als mit der Türkei zu tun haben, uns ermöglichen. Diese beiden Bände öffnen das Sichtfeld, sie führen ins anatolische Bergland ebenso wie in die großen türkischen Städte, sie schaffen die Verbindung zwischen der modernen und der archaischen Türkei, zwischen Aufbruch, Anpassung und Enttäuschung, und liefern das facettenreiche, bunte Bild einer Gesellschaft, die auf einem anspruchsvollen Weg ist, der nicht alle ans Ziel bringen wird. Einige streben sogar rückwärts, weil die Entwicklung mit zu vielen Vorstellungen bricht, nicht alle Ideale erfüllt, hinter bereits erzielte Fortschritte wieder zurückfällt oder einfach zu viel Kraft erfordert.

Ganz prägnant kommt das in der Erzählung Großvater von Tashin Yücel heraus. Begeistert von den Ideen Atatürks, versucht der Großvater und Schuldirektor die modernen Methoden und Gesellschaftsauffassungen in seine dörfliche Schule zu holen und schafft es sogar, entgegen seinem Naturell, öffentlich dafür zu werben, Reden zu halten, zu überzeugen - und kommt am Ende doch nicht über sinnlose Rituale und auswendig zu lernende Inhalte hinaus. Da hilft auch der beste Ansatz nichts, wenn er so ad absurdum geführt wird. Die Ambivalenz eines in sich nicht einheitlichen Prozesses zerstört am Ende, was aufzubauen wäre: die moderne Gesellschaft. Ein Problem, das die Türkei bis heute begleitet. Wie viel Kemalismus muss, wie viel darf, wie viel ist vermittelbar? Die Figur des Großvaters transportiert alles, den Aufbruch, die Begeisterung, die Verselbständigung hohl gewordener Formen und schließlich ihre Überwindung in beide Richtungen: in die Moderne, aber auch in die dörfliche Überlieferung mit ihren festen Formen und traditionellen Strukturen.

Es fällt auf, dass viele der älteren Autoren mit großer Liebe und Genauigkeit das Leben in türkischen Dörfern schildern. Illusionslos und akribisch, aber mit viel Wärme, großartigen Bildern, aber auch einer gewissen Distanz. Denn die meisten Autoren beschreiben - wie den Anmerkungen zu entnehmen ist - ihre eigenen Wurzeln, die sie genau kennen und mit ebenso nostalgisch wie überlegen blickenden Augen zur Kenntnis nehmen. Niemals ist ganz entschieden, wohin es sie eigentlich zieht, ein Sowohl-als-auch dominiert.

In dieser Dorfprosa dominieren oft - und das ist vielleicht doch überraschend - weiblichen Helden. Ihre Tugenden werden gepriesen, Bewunderung ist zu spüren und auch Respekt. Nachzulesen bei Orhan Kemal in seiner Erzählung Hühnerfleisch. Sorge und Opferbereitschaft von Frauen spielen zwar eine gebührende Rolle, Witz und Gerissenheit und eine große Portion Selbstbewusstsein aber überwiegen und verleihen der Geschichte ihre eigene Würze. Diese Frauenfiguren zeigen ein auch für Mitteleuropäerinnen sehr bekanntes Bild: Führen sie doch die Eitelkeiten einer immer noch männerdominierten Gesellschaft so vor, dass von vermeintlicher Größe nur wenig bleibt. Aber nicht Häme steht am Ende, sondern Schmunzeln. Weibliche verstehende Großzügigkeit erhebt sich über männlich lächerliche Großspurigkeit.

Schon seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts aber leben auch in der Türkei mehr als 80 Prozent der Bevölkerung in den Städten - erzählende Literatur kann gar nicht anders, als aus dieser Tatsache Themen zu schöpfen. Die jüngeren Autoren reflektieren deshalb seltener soziale Probleme, für sie wird das Erleben von Brüchen, das Verarbeiten von Erfahrungen zum Sujet.

Der Intellektuelle reflektiert seine oft isolierte Existenz, seine Außenseiterrolle, seine Vereinzelung und seine kritische Distanz. Manchmal mit Humor, manchmal auch schreiend ernst, und zuweilen beinahe kafkaesk wie bei Murat Gülsoys Versteck mich. Ohne die gesellschaftlichen Umstände auch nur anzureißen, gelingt ihm die die Beschreibung eines fast zwanghaften Rollentauschs. Bis hin zur Auswechselbarkeit aller Persönlichkeitsmerkmale. Seine Menschen sind Individuen, deren Einpassung in die Gesellschaft oft zufällig und von außen befördert ist. Adjektive erwecken nur den Schein von Unverwechselbarkeit. Gleichzeitig werden die herkömmlichen Rollenverständnisse in Frage gestellt oder mit beißendem Spott überzogen. Wie bei Nazli Eray. Die junge Erzählerin karikiert in ihrer Erzählung Frauensamen eine Männerriege, deren Bild von Frauen noch immer das von gehorsamen, willenlosen, aber wunderbar funktionierenden Dienerinnen ist. Die man wie Spalierobst heranziehen kann. Oder bei Demir Özlos Der Ekel, der in bewusster Anlehnung an Sartre den Selbstzerstörungsprozess eines freudlosen Autors beschreibt, Selbstironisch, beißend, und ohne jede Illusion.

Beide Erzählbände fesseln mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher Stile, Auffassungen, Kolorierungen. Die Mischung aus ernsten, heiteren und nachdenklichen Arbeiten liefert das Bild einer vielfältigen, ständig in Bewegung befindlichenTürkei, in der Auf-und-Ab, Vorwärts-Zurück, aber auch Seitenwege möglich sind. Die eigene Überheblichkeit vergeht einem bei dieser Lektüre schnell. Gibt es doch viel mehr Ähnlichkeiten - und damit Anlässe, auch über sich selbst zu lachen - als uns lieb sein kann.

Türkische Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Petra Kappert und Tvlek Turan, Insel, Frankfurt am Main 2008, 361 S., 22,80 EUR

Alles Blaue, alles Grüne dieser Welt, Türkische Erzählungen. Herausgegeben und aus dem Türkischen übersetzt von Beatrix Caner, DTV, München 2008, 255 S., 9,90 EUR

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