Nazis lassen sich aufhalten

Kommentar 8. Mai in Berlin

Die Blamage wurde verhindert. Es gab keine Bilder von Berlin und marschierenden Nazis auf der Straße Unter den Linden. Deutschland präsentierte sich 60 Jahre nach der Befreiung als ziviler Staat, in dem ein paar Tausend aus dem ganzen Land rekrutierte Gestrige von Kriegsschuld- und Vernichtungslügen öffentlich schwafeln durften, mehr aber nicht. Zum ersten Mal verzichtete die Polizei darauf, die Straßen für den braunen Haufen frei zu räumen. Ein ermutigendes Signal: Sie war massiv präsent, verkündete aber schon am frühen Nachmittag, sie sei nicht bereit, Gegendemonstranten mit Gewalt von der genehmigten Route der Nazis zu schaffen.

An einem Tag, an dem es auch um die Bilder eines geläuterten Deutschlands ging, gelang so ein kleiner Sieg über ein scheinbar resistentes Geschwür, das bislang hoch offiziell (und im Namen der Demokratie) vor Berührung geschützt worden war. Und deshalb gibt es auch keine Bilder von festgenommenen linken »Chaoten«. NPD-Kommentar: Man fühlte sich auf dem Kundgebungsplatz wie im Gehege. Die Tausenden außerhalb fühlten sich anders: Sie genossen ihren Sieg über die Braunen, wenn es auch einer in homöopathischer Dosierung war. Diejenigen, die gegen Rechts auf die Straße gingen, impften einen winzigen Tropfen des noch immer seltenen Medikaments Zivilcourage in die Gemüter. Ob der bei nächster Gelegenheit noch einmal wirkt, bleibt abzuwarten. Denn es müssen mehrere Substanzen zusammenkommen. Eine aus welchen Gründen auch immer gegen rechts programmierte Polizei, die sichert, aber den Braunen keine Vorteile einräumt. Eine Bevölkerung, die keine Signale heimlicher Übereinstimmung sendet und eine ausreichende Zahl von Blockierern. Das war am 8. Mai in Berlin der Fall. Die Lehre daraus: Nazis lassen sich aufhalten, jedenfalls auf der Straße – das Blockieren von braunen Gedanken ist wesentlich komplizierter. Aber auch da gilt, je öfter das gelingt, desto seltener werden Schaltungen in immer dieselbe Richtung ausgelöst. Je seltener die Erfahrung, marschierende Nazis sind – trotz aller verbalen Verdammung – eine von der Polizei geschützte Spezies, gemacht werden muss, desto größer die Distanz, die zur NPD und ihrem Anhang entwickelt werden kann. Deutschtümelndes wabert auch so durch die Köpfe. Nicht nur derer, die Hakenkreuze auf den Glatzen mit Pflastern verdeckten, weil sie sonst am 8. Mai von der Polizei nicht auf den NPD- Kundgebungsplatz gelassen worden wären. Die Wahlergebnisse in Sachsen haben das bewiesen. Der sächsische NPD-Fraktionssprecher durfte denn auch in Berlin den »Abwehrkampf gegen den Bolschewismus« in höchsten Tönen preisen. Er hat offenbar gelernt, was trotz Abgrenzung zu anderen Parteien bis heute gängiges Vokabular ist. Erst wenn das nicht mehr zur Verfügung steht, wird die Rettung der Straßen vor den Stiefel»helden« mehr als ein homöopathischer Tropfen sein.





Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen