Es ist verdächtig still im Land

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Hier in Deutschland stehen gerade DGB und Unternehmerschaft Seite an Seite im Kampf gegen allzu aktive Einzelgewerkschaften ausserhalb des gewerkschaftlichen Dachverbandes, nachdem ein Arbeitsgericht ihnen ihre tariflichen Rechte bestätigt hat und es ist verdächtig still im deutschen Blätterwald.

Wir sind gerade Zeuge einer politischen Leerstunde und alle Schulbänke sind leer. Es verwundert mich eigentlich nicht wirklich, aber ich halte es immerhin für bemerkenswert. Die Parallelität zur politischen Entwicklung in der Sozialdemokratie Deutschlands sind eigentlich doch unübersehbar.

Ich erinnere mich unwillkürlich an die Zeit von Maggie Thatcher - ich war damals gerade bei Musikerfreunden London und habe dort zum ersten Mal in meinem Leben gleich eine ganze Reihe gestandener Männer, alles Bergarbeiter, weinen sehen. Sie konnten nicht fassen, was da in ihrem Land vor sich ging. Erstaunlich in dem damaligen, ungleichen Kampf gegen die geballte Staatsmacht war aus meiner Sicht, dass sogar die Gewerkschaften untereinander nicht solidarisch waren - ein entscheidender Faktor dafür, dass Frau Thtacher einen für die Berarbeiter so vernichtenden Sieg davongetragen hat (die von ihr damals so wortreich vorgetragene Modernisierung englischer Wirtschaftbereiche hat übrigens nicht stattgefunden, sondern die Initiierung des englischen Börsenbooms, einhergehend mit einer weitgehenden Deindustrialisierung ganzer Landstriche). Mein damaliger englischer Kollege sagte zu den Vorgängen im eigenen Lande sarkastisch, dass bei seinem Weggang aus dem Heimatland noch jeder Strassenpenner zumindest sein Zähne kostenlos behandeln lassen konnte, um wenigstens beissen zu können - heute aber erkenne man die soziale Lage eines Engländers schon an seinem Kauwerk.

In Deutschland stellen sich - zumindest innerhalb der Gewerkschaften - immer mehr die Frage, was Herrn Sommer eigentlich dazu berechtigt, ohne vorausgegangene innergewerkschaftliche Diskussion und Abstimmung so eine groteske Politik im trauten Einvernehmen mit der Unternehmerschaft zu betreiben. Dieser noch nicht öffentlich wirksame Protest wird sicherlich zweierlei zur Folge haben:

Die Führung des DGB untergräbt weiterhin zielsicher ihr wichtigstes Standbein für zukünftige tarifliche und arbeitsmarktpolitische Auseinandersetzungen durch eine rein machtpolitisch geleitete Haltung gegenüber den "wilden" Gewerkschaften.

Auch nach 60 Jahren Einheitsgewerkschaft in Deutschland ist sie noch immer nicht auf der Höhe der Zeit angekommen. Ihr Hauptziel scheint immer mehr die Zähmung allzu fortschrittlicher Teile der organisierten Arbeitnehmerschaft zu sein, anstatt die augenblickliche Krise dafür zum Anlass zu nehmen, einmal eine gründliche Revision ihres gewerkschaftlichen Selbstverständnisses vorzunehmen.

So, wie innerhalb der SPD bei nicht wenigen immer noch "linke" Politik als solche verstanden wird, die sich vornehmlich von den Linken abzugrenzen versucht und diese aktiv bekämpft, haben sich die führenden gewerkschaftlichen Kader ohne Legitimation durch ihre Mitglieder darauf versteift, vermeintliche gewerkschaftliche Konkurrenten - im Schulterschluss mit den Unternemhern - wegzubeissen.

Damit wären wir wieder beim Kauwerk angelangt. Guten Appetit!

D.R.

11:34 07.07.2010
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Geschrieben von

Reimers

Blues Musiker und politisch interessierter Bürger.
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