Gegen den Strich gebürstet

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mein Lebensweg ist vor allem gepflastert mit selbstgewählten Umwegen, die meist länger und schwieriger waren als der direkte Weg. Ich habe es mir merkwürdigerweise schwerer gemacht, wenn andere es sich leicht gemacht haben. Das Ergebnis ist, daß ich auch heute, nach 57 Jahren, immer noch nicht zur Ruhe komme, weil mich Dinge umtreiben, über die sich andere keine Gedanken machen.

Der Grundkonflikt hat dabei immer derselbe: Ich stimme gewissen Dingen nach längerem Nachdenken, Lesen und Diskutieren zu, häufig aber nicht in Gänze. Genauso lehne ich andere Dinge nach reiflicher Überlegung eher ab, kann aber durchaus Teilaspekten zustimmen.

Wenn man - wie wir alle - in einer Gemeinschaft lebt, so bringt diese Haltung mehr Probleme ein als dass sie Freunde schafft. Im politischen Bereich hat dies bei mir die Konsequenz, dass ich überhaupt kein Kandidat für irgendeine Partei bin, denn dort wird Linientreue verlangt und dazu bin ich nicht geschaffen.

Obwohl ich mich persönlich immer für die Rechte der ganz normalen Bürger und insbesondere der Schwächeren eingesetzt habe, wurde ich sowohl im Berufsleben als auch in politischen Diskussionen nicht selten als konservativ, manchmal sogar als rechts tituliert. Dies geschah immer, wenn ich gewissen Auffassungen nicht zustimmte und eigene vertrat.

Nun ist meine politische Biographie nicht mit der von Joschka Fischer oder Gerhard Schröder zu vergleichen, dennoch hallt nach solchen Diskussionen diese Einschätzung meiner Haltung in mir nach und ich stellte mir die Frage, ob ich jemals fähig sein könnte, innerlich so einen politischen Richtungswechsel zu vollziehen, wie es diese beiden Protaagonisten in ihrem Leben getan haben. Mein Ergebnis ist immer wieder: nein. Dennoch versuche ich meine Haltung oft zu hinterfragen im Sinne von: ist das jetzt rechts, wirst du jetzt gar wertekonservativ oder ähnliches. Regelmäßig komme ich aber zu dem Ergebnis, dass dies nicht der Fall ist - ich habe nur eine andere Meinung.

Woher kommt also diese Dissonanz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung? Ich bin dem Problem durch mein jahrzehntelanges Zusammenspiel mit englischen und amerikanischen Musikern näher gekommen. Bei Gesprächen mit ihnen über politische Themen stellte ich fest, dass deren Wahrnehmung meiner Auffassungen meist eine ganz andere war - wenn ich sie einleuchtend begründen konnte, stimmten sie mit mir überein, wenn nicht, dann nicht. Sie machten dabei aber viel weniger Wertungen als es deutsche tun, sodass für sie kein Widerspruch zu meinen anderen grundsätzlichen Haltungen zu erkennen war. Für sie war es einfach vernünftig.

Deutschland hat eine einzigartige, lange Tradition von Philosophen, sowie von politischen und pädagogischen Theoretikern. Wir sind im Grundwesen wohl weiterhin hegelianisch beeinflusst, wogegen die angelsächsischen Länder eher liberal bis libertär sind. Deshalb treten in diesen Ländern in Einzelfragen oder Aspekten Parteilinien eher hinter persönlichen Auffassungen zurück, da die liberale Haltung nicht nur gegenüber dem Staat, sondern auch gegenüber politisch Andersdenkenden eingenommen wird, ohne dabei gleich neue Schubladen aufzumachen.

Der Freitag führt quasi mit sich und seinen Lesern - erfreulicherweise öffentlich - eine Dauerdebatte, in der es um die Positionierung der Zeitung geht und genau da werden die angesprochenen Gedanken möglicherweise auch für diese Diskussion relevant.

Ich habe mich vor 2 Monaten nach 25 jährigem Dauerabbo leider zur Kündigung entscheiden müssen, da mir der hegelianische Anteil zu sehr Überhand nahm. Ich habe mich in einigen Tehmen und Disskussionen einfach nicht mehr angesprochen gefunden und nach all den Lesejahren vorher, die auch nicht ohne inneren Widerspruch verliefen, wurden mir wichtige Themen zu dogmenhaft behandelt und zeigten mir, dass dahinter keine wirklich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema steckte. Für mich sind die wichtigsten kontroversen Themen folgende:

1) Das Verhältnis von Mensch zur Natur und die daraus folgenden Schlüsse.

Meine These: Die gesamte Linke hat sich weltweit auf eine falsche Schiene locken lassen und wurde vom handelnden gesellschaftlichen Subjekt zum nützlichen Objekt. Viel zu späte und nicht fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema.

2) Der palästinensisch-israelische Konflikt, national und international betrachtet.

Meine These: Die Gesellschaft guckt weg, die Linke auch. Tabus müssen endlich in diesem Land thematisiert und aufgebrochen werden, um eine offene Diskussion zu
ermöglichen. Die Linke hat auch hier eine klare Basta-Position eingenommen in dem
Wissen, dass es ihr früher oder später um die Ohren fliegen wird (spätestens, wenn
sich in Ghaza vermehrt Hunger oder Krankheiten ausbreiten). Damit ist auch eine
Grundsatzdiskussion um die Thematik "Antisemitismus" und "Antizionismus"
verbunden, da dies der Kern der Auseinandersetzung ist, die meist nicht geführt wird.

Genau bei diesen beiden Themenkomplexen positioniert sich der Freitag sich nicht selbst, sondern bedient sich fremder Autoren bzw. Kommentare. Damit weicht die Redaktion der sicherlich schwierigen Auseinandersetzung aus und delegiert die inhaltliche Positionierung an andere. Zu beiden Themenkomplexen sollte unbedingt auch "gegen den Strich gebürstet" werden dürfen, wie es übrigens im angelsächsischen Bereich auch geschieht (da liberal), hier aber nicht (da eher dogmatisch oder ängstlich).

03:48 20.12.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Reimers

Blues Musiker und politisch interessierter Bürger.
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