Krieg und Krise

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wir sind seit geraumer Zeit Zeugen einer sich immer aggressiver gebärdenden Weltmacht USA. Viele begleitende Vorgänge werden in unserer Medienöffentlichkeit nicht oder nur unzureichend dargestellt und vieles geschieht, ohne dass für den Beobachter auf den ersten Blick erkennbar wird, dass ein möglicher Masterplan diesen Entwicklungen zugrunde liegt.

Ich möchte mit diesem Blog die Leserschaft des Freitag auf die brandgefährliche Entwicklung um den Iran aufmerksam machen. Hierzu zunächst einmal ein Artikel von Webster Tarpley vom 5. August 2010, der in englisch zuerst bei <globalreseach.ca> erschien und jetzt ins deutsche übersetzt hier vorliegt:

>> www.hintergrund.de/201008111073/globales/kriege/obama-bereitet-die-bombardierung-des-iran-vor.html

Dieser Artikel ist sehr lang, aber ungewöhnlich informativ. Die verschiedenen Aspekte und Hintergründe dieses Konfliktes werden vom Autor sehr umfassend dargestellt und analysiert, wobei auf eine große Zahl von öffentlich zugänglichen Quellen verwiesen wird. Sie können als Leser nach Lesen zu völlig anderen Schlussfolgerungen kommen als Tarpley, aber die Durchsicht der Quellen und damit die Bereitstellung vieler Fakten zeigt unzweifelhaft ein düsteres Bild.

Wir sind es in Deutschland nicht mehr gewohnt, mit einer derartigen Fülle von Hintergrundinformationen konfrontiert zu werden und beim Lesen mag es den einen oder anderen geradezu erschlagen, was hier alles zusammengetragen wurde. Es zeigt aber, welche ungemeine journalistische Akribie einige wenige krtische Journalisten im angelsächsischen Raum (hier amerikansich) an den Tag legen, um die Leserschaft zu informieren.

Die jetzigen Vorgänge um den Iran sind erstens nicht nur auf die USA und Israel beschränkt, sondern Deutschland ist durch die unverantwortliche und krisenverschärfende Politik unserer Regierung direkt in den Sog zukünftiger Ereignisse einbezogen und dies ist von ihr offensichtlich auch so gewollt.

Neben dem aktuellen Kriegstrommeln um den Iran herum geschehen weltweit aber noch andere Dinge, die hierzu parallel ablaufen und deshalb auch in einem gemeinsamen, globalen Kontext gesehen werden müssen:

Wer die Entwicklung in Südamerika in letzter Zeit genauer betrachtet hat, wird feststellen, dass - ebenso wie der Iran - Venezuela sich mit einer zunehmenden militärischen Einkreisung durch die USA konfrontiert sieht. Neben den 6 amerikanischen Militärbasen in Kolumbien wurden/werden in Honduras (nach dem erfolgreichen rechten Putsch) auch in Costa Rica gr0ße Truppenverbände konzentriert und auch in Panama wird (nach letzten Informationen) wohl bald wieder amerikansiches Militär präsent sein. Der Druck wird stetig erhöht. Wer glaubt, dass die Zeit amerikanscher Kolonialpolitik in Südamerika vorbei ist, wird sich wohl bald wieder eines anderen belehren lassen müssen. Hierbei soll offensichtlich Veneluzela das erste Ziel sein, dann geht es weiter nach Süden.

Ebenfalls in Asien sind in letzter Zeit nach geradezu hektischer Reisetätigkeit der amerikanischen Aussenministerin Clinton und ihrer militärischen und wirtschaftlichen Berater direkte Bedrohungen in Richtung China signalisiert worden. Was würde wohl Amerika sagen, wenn ein chinesischer Flugzeugträger (den sie nicht haben und nicht anstreben) zusammen mit kubanischen oder venezuelanischen Militärs vor der amerikansichen Küste kreuzen würde und dort gemeinsame Militärmanöver durchführen würde? Genau dies hat von amerikansicher Seite zusammen mit der südkoreanischen Marine im Gelben Meer vor den Küsten Chinas stattgefunden und weitere Manöver sind schon geplant. Taiwan hat gerade Waffen für ca. 6.5 Mrd. Dollar aus den USA erhalten (Nice Deal!). Das nach vielen langjährigen Verhandlungen zwischen mehreren asiatischen Staaten unter massgeblicher chinesicher Initiave ausgehandelte Abkommen zur Beilegung verschiedener Grenzstreitigkeiten soll hier massiv torpediert werden. "Divide et impera" ist wieder die unverhohlene Devise globaler Strategen des Pentagon.

Schließlich möchte ich auf die zentralasiatische Entwicklung hinweisen, die schon jetzt die strategischen und geopolitischen Weichen für die zukunftige Entwicklungen in Bezug auf Russland stellen.

Nehmen Sie sich einmal einen Atlas zu Hand und markieren Sie die folgenden Länder: Japan, Südkorea, Pakistan, Afghanistan, Usbekistan, Kasachstan, Turkmenistan, Kirgisistan, Turkmenistan, Armenien, Georgien, Aserbeidschan, Türkei, Ukraine, Moldawien, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Slowakei, Polen, Lettland, Litauen, Estland.

Hiermit haben Sie eine Übersicht über alle Länder, in denen sich gegenwärtig amerikanische Militärbasen, Radarstationen, Raketenstellungen oder ähnliche militärische Einrichtungen befinden. Ziemlich alle diese Länder haben eine gemeinsame Grenze mit Russland. Bald dürfen wir diese Liste um den Namen Iran ergänzen, womit dann die Enkreisung komplett wäre. All dies mag ja die meisten nicht sonderlich beunruhigen (denn mit Russland hatte man es aus westlicher Sicht nie so sonderlich), aber die Frage ist doch wohl: Was ist der Zweck dieser kompletten militärischen Enkreisung und der damit immer offener ausgesprochenen Bedrohung des Landes mit der größten Landmasse, den zweit- oder dirttgrößten Öl- und Gasvorkommen und den zum größten Teil noch völlig unerschlossenen Bodenschätzen, die sich in der russischen Tundra und Taiga noch verstecken?

Amerika ist pleite, das aktuelle Defizit beträgt 13.6 Billionen Dollar - peng! Die Wirtschaft liegt danieder. Über die letzten Jahre hat in vielen Metropolen eine weitgehend unbemerkte Deindustrialisierung stattgefunden. 40 Millionen leben mit Essensmarken, über 10-15 Mill Arbeitslose, Tendenz steigend, 2-3 Millionen bisher aus ihren Häusern vertriebene (im letzten Monat 236-Tausend), ganze Städte wie z.B. Detroit eine einzige Ruine, jetzt kommen die Bundesländer dran, eines nach dem anderen wird gerupft von Wall Street - hier insbesondere von J.P. Morgan (ich empfehle hierzu den Artikel von Matt Taibbi: "Looting Main Street" im Rolling Stone - ja, woanders findet investigativer Journalsimus offensichtlich nicht mehr statt!), 46000 Lehrer entlassen, Straßen werden abgerissen, ganze Buslinien werden einfach komplett eingestellt, ein großer Teil der Arbeitslosen hat schlichtweg keinerlei Kranken- und erst richt nicht eine Rentenversicherung mehr, Kalifornien friert Gehälter ein oder zahlt sie schlicht nicht mehr aus - Gutscheine werden anstelle vergeben, Hawaii hat nur noch 4 Schultage - es wird immer weiter gehen. Man vergleiche all dies mit den hochtrabenden Ankündigungen des jetzigen amerikanischen Präsidenten Obama. Gleichzeitig der Ausbau der "Homeland Security", ein reiner Euphemismus! Das amerikansiche Rechtswesen wird durch gezielte Einschränkung von Grundrechten (mit Verweis auf terroristische Bedrohungen) unterminiert, 130000 Zivilisten werden schon jetzt paramilitärisch auf zukünftige Entwicklungen ausgebildet. In Verbindung mit der Fema-Behörde wird der Ausbau eines regelrechten Bespitzelungssystems und weitreichender Beschneidung bürgerlicher Grundrechte vorangetrieben. Ein 1920-Seiten-Gesetz (mit nächtlicher Ergänzung um weitere 300 Seiten) sollte vom Senat und Krongress ohne Einsicht (da nur 3 Stunden Zeit zum Lesen) abgenickt werden, usw., usw.

Ich entnehme all dies auf frei zugänglichen amerikanischen Quellen, den großen Zeitungen und informativen Websites. Auch im deutschen Bundestag werden schon seit längerem spezielle Gesetzte mitternächtlich durchgepeitscht - wie peinlich muss es den Akteuren selbst schon sein.

Als junger Mensch habe ich mich beim Lesen geschichtlicher Bücher häufig gefragt, wieso gewisse verhängnissvolle Entwicklungen in den Ländern der Welt so offensichtlich und mit eindeutiger Zielrichtung ablaufen konnten. Ich fragte mich, wie die Menschen all das einfach über sich ergehen ließen. Vor einem halben Jahr sah ich ein Videointerview mit der ehemaligen amerikanischen Aussenmisterin Allbright. Sie wurde gefragt, ob das langjährige Embargo des Irak vor dem zweiten Irakkrieg, das u.a. über 500-Tausend irakischen Kindern das Leben kostete, sich aus ihrer Sicht gelohnt habe. Nach kurzem Zögern antwortete Frau Allbright entschlossen: Ja, ich denke, es war es wert!

Wer soetwas sieht und nicht geschockt ist von diesem offensichtlichen Zynismus und regelrechter Unmenschlichkeit, ist selbst nicht mehr in der Lage zu menschlichlichen Regungen. Das und genau das ist die Begleitmusik, die so viele angesagte Kathastrophen erst ermöglicht. Wenn die Einschläge immer dichter und schneller kommen, machen viele Menschen einfach zu, sie igeln sich ein und wollen nichts mehr sehen. Sie ertragen es nicht mehr und lassen es so gleichermaßen zu - ohne artikulierten Widerstand. Jede unwidersprochene Ausübung und Verherrlichung von Macht, jede Form direkter Unterdrückung, jede massive Verschärfung sozialer Ungerechtigkeit hat immer eine Gegenseite: Hilflose Verunsicherung, Vereinzelung, Rückzug ins eigene private Nest, die Decke über den Kopf ziehen, ein Gefühl der Minderwertigkeit, ein Anwachsen individueller Angst und irrationaler Symptome. Der zweite Schritt ist das langsame, unmerkliche Wechseln ins eigentlich feindliche Lager, z.T. um dem inneren Rechtfertigungsdruck zu entgehen: Übernahme klar diskriminierender Ansichten über ganze Gruppen von Menschen bis hin zu Staaten (s. Arbeitslose, s. Alte, s. Griechenland, s. Moslems, s. Terrorismusgefahr, s. Iran, s. Serbien); Verrohung der Sprache und damit die innere Vorbereitung der Rechtfertigung für kommende, noch größere Gewalt; schließlich die unterwürfige Einrichtung in die neuen Verhältnisse und die aktive eigene Rechtfertigung der Ereignisse.

Die Mächtigen kennen all diese Vorgänge nur zu gut, deshalb ist es für sie ja auch immer wieder so einfach, mit massiver Gewalt ihre Interessen durchzusetzen. Wir müssen aber zuerst einmal diese Vorgänge erkennen und in Gänze wahrnehmen, die begleitenden Lügen und die Propaganda beiseite schieben, sie entlarven, um uns die Möglichkeit einer Gegenwehr zu eröffnen.

Ich persönlich habe keinerlei Neigungen zur Schwarzmalerei, nur kann ich immerhin noch eins und eins zusammenzählen. Deshalb denke ich, dass es berechtigt ist, angesichts all dieser Ereignisse von bedrohlichen Entwicklungen zu sprechen, die auch in den Medien und in der Öffentlichkeit im Gesamtkontext diskutiert und bewertet werden müssen, damit überhaupt erst einmal der erste Schritt zu einer Veränderung getan werden kann.

D. Reimers

13:12 13.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Reimers

Blues Musiker und politisch interessierter Bürger.
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