"Der Islam gehört zu Deutschland!"

Integration Zu Sachsen soll diese Weltreligion aber nicht gehören?
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Eingebetteter Medieninhalt HOWI - Horsch, Willy [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]

Prompt und ungewöhnlich entschieden nimmt Merkel diesmal Stellung: "Der Islam gehört zu Deutschland!" Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo bestätigt sie damit zu Recht und ohne Wenn und Aber das bekannte Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff.

Nicht der Islam gehöre zu Sachsen, sondern nur die Muslime seien willkommen, schränkt der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich kleinmütig ein. Der Bedenkenträger aus Sachsen variiert mit diesem provinziellen Rückzieher nur die widersprüchliche Aussage Gaucks, der 2012 Wulffs eindeutige Stellungnahme relativierte.

Ob der Islam zu Deutschland gehört, das ist eine Frage, die sich unter verschiedenen Aspekten beantworten lässt. Dieser Mehrdeutigkeit, die immer wieder zu Missverständnissen führt, soll in diesem Artikel nicht nachgegangen werden.

Es geht vielmehr insbesondere um Wulffs und Merkels Absicht, die sie mit ihrer Aussage verfolgen: Wollen doch beide den Muslimen zu Recht vermitteln, dass sie und damit auch ihre Religion mit den islamischen Wahrzeichen ohne Wenn und Aber zu Deutschland gehören, und zwar ebenso wie das Christentum und andere Religionen.

Spricht - abgesehen davon - nicht auch vieles dafür, dass der Islam tatsächlich in Deutschland angekommen ist: Wichtige Merkmale wie die fünf Säulen sind auch Nicht-Muslimen längst bekannt, Arbeitskollegen praktizieren den Ramadan. Auch Moscheen mit Minaretten sind Indizien für seine Zugehörigkeit ebenso wie der geplante islamische Religionsunterricht an staatlichen Schulen und vor allem die Muslime selbst.

Die Beweislast, dass der Islam zu Deutschland gehört, ist also erdrückend. Dass sich der amtierende Bundespräsident und sächsische Ministerpräsident von einer offensichtlichen Tatsachenbehauptung der Kanzlerin distanzieren, erscheint zumindest irritierend.

Wie würden wir es bezeichnen, wenn sich jemand bei strömendem Regen, weil er Sonnenschein bevorzugt, von der Aussage distanziert, es regne? Ist das nicht Realitätsverweigerung?

Dass es nun gerade die Pariser Anschläge sind, die diese Diskussion erneut anstoßen, ist zudem höchst problematisch. Wird so wegen der Religionszugehörigkeit einiger französischer Terroristen nicht die Zugehörigkeit einer ganzen Weltreligion zu Deutschland in Frage gestellt? Wie aber muss sich die überwältigende Mehrheit der Muslime fühlen, deren Religion nicht mehr zu ihrem Heimatland gehören soll, weil einige ihrer Vertreter sie irgendwo für Gräueltaten missbrauchen? Könnte bei ihnen nicht der Eindruck entstehen, sie würden in Sippenhaft genommen?

Wulff und Merkel stellen sich dagegen mit ihren Aussagen der Wirklichkeit. Dass sie den Islam ohne Einschränkungen zu Deutschland rechnen, zeigt kosmopolitische Beherztheit. Das hat ihnen zwar den Ärger einiger CDU/CSU-Mitglieder, aber den Respekt der meisten Muslime eingebracht. Können sie doch diese Feststellung als Ausdruck jener Willkommenskultur wahrnehmen, die eine unverzichtbare Seite der Integration ist.

Gaucks und Tillichs Rückzieher wirken daneben kleinlich-provinziell und bringen keinen Erkenntnisgewinn. Sie relativieren stattdessen nur eine unbequeme Wahrheit und stellen so für die Stammtische die vertraute – größere - Distanz zum Islam wieder her. Das dürfte kaum die Integration fördern. Oder steigert es etwa die Motivation, sich in ein Deutschland zu integrieren, zu dem ich zwar als Person gehören darf, nicht aber mit meiner Religion?

Aber ist die menschliche Existenz überhaupt auf diese Weise aufzuteilen? Person hier, Religion dort? Reicht nicht vielmehr gerade die Religion in die tiefsten Schichten unserer Person?

Wenn die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland in Frage gestellt wird, wohin gehört diese Weltreligion dann? Wohl kaum in die Hinterhöfe oder gar in eine Parallelwelt, die von der Scharia bestimmt wird?

Und verträgt sich eine solche Ausgrenzung mit der „Gleichheit vor dem Gesetz“ (Grundgesetz, Art.3)?

Dass alle Bürgerinnen und Bürger ohne Ansehen der Religion gleichberechtigt sind, daran dürfen vor allem höchste Repräsentanten wie Gauck oder Tillich keinerlei Zweifel aufkommen lassen. Aber werden beide diesem Anspruch nach ihren unbedachten Äußerungen zum Islam noch gerecht?

Diesem Kommentar liegt ein Artikel zugrunde, der 2012 bei ZEIT-ONLINE erschien:

http://www.zeit.de/politik/2012-06/leserartikel-islam-gehoert-zu-deutschland

https://community.zeit.de/user/265349

Vgl. auch: Reinhard Salomon: Der Islam gehört zu Deutschland, in: Sozialkunde. Politik für die Sekundarstufe II, Braunschweig, Paderborn, Darmstadt (Druck A3/Jahr 2017) 2015, S. 59f.

Siehe auch:

https://www.researchgate.net/profile/Reinhard_Salomon

16:56 30.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Reinhard Salomon

https://www.researchgate.net/profile/Reinhard_Salomon --- http://www.publik-forum.de/Autor/reinhard-salomon
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Reinhard Salomon

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