Juden in der AFD

Fremdenfeindlichkeit Ist die Mitgliedschaft in einer offensichtlich fremdenfeindlichen Partei mit jüdisch-christlichen Werten vereinbar?
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Wenn sich in unserer Gesellschaft Überfremdungsängste bemerkbar machen, werden oft angebliche "jüdisch-christliche" Werte beschworen. So geschehen bei „Pegida“-Demonstrationen oder in der AFD.

Eingebetteter Medieninhalt Kalispera Dell [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]

Jüngst suggerieren sogar einige ihrer jüdischen Mitglieder, dass nur ihre Partei die christlichen und jüdischen Werte verteidige, so der Wiesbadener Stadtverordnete der AfD Dimitri Schulz, Mitbegründer der Initiative „Juden in der AFD“.

Doch verträgt sich die Mitgliedschaft in einer offensichtlich fremdenfeindlichen Partei tatsächlich mit jüdisch-christlichen Werten? Entspricht also die Ausgrenzung von muslimischen Minderheiten tatsächlich Traditionen, wie sie in der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben. Was sagt die wissenschaftliche Theologie dazu?

Einer der ältesten und wichtigsten Quellen des Judentums, der Dekalog, findet sich im Alten Testament und beginnt mit den Worten: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“: Das Volk Israel erinnert sich hier an seine Befreiung aus Ägypten, aus der Sklaverei. Es bekennt sich so zu seinem Gott, der auf Seiten der misshandelten Fremden und gegen Diskriminierung steht.

Dieses „Ur-Trauma“ des Volkes Israels, als Fremde diskriminiert worden zu sein, hat an vielen Stellen des Alten Testaments seine Spuren hinterlassen. So bestimmt gerade der Schutz der schwächsten Glieder der damaligen Gesellschaft, der „Fremden, Witwen und Waisen“, die jüdische Sozialgesetzgebung. Weil sie ohne den Schutz der Großfamilie auskommen müssen, lässt sich der moralische und religiöse Zustand der Gesellschaft daran ablesen, wie verantwortungsbewusst ihre Mitglieder diese Wehrlosen ohne Lobby behandeln.
Der Prophet Amos entlarvt darum im Namen Jahwes religiöse Rituale als heuchlerisches, frommes Getue, wenn sie sich nicht im menschwürdigen Umgang mit den Schwächsten, also auch wehrlosen Fremden, bewähren.

Jesus steht als Jude in dieser Tradition, wenn er ebenfalls auf der unauflöslichen Einheit von Gottes- und Nächstenliebe besteht und diese auch in Wort und Tat demonstriert. Er kümmert sich vordringlich um die „Verlorenen“ und zeigt so, dass ihm besonders die diskriminierten Außenseiter am Herzen liegen. Und indem er in einem Gleichnis den Angehörigen einer diskriminierten Minderheit, einen Samariter, zum prototypischen „Helden“ der Barmherzigkeit macht, stellt er Vorurteile in Frage.
Dass er damit heftigste Ablehnung provoziert, zeigt nicht nur sein Ende.

Unsere "jüdisch-christlichen" Wurzeln sind also vom Minderheitenschutz geprägt. Ihre Werte müssen sich sogar insbesondere im Umgang mit Fremden bewähren. Der religiöse und moralische Zustand eines sogenannten "jüdisch-christlichen Abendlandes" lässt sich demnach daran ablesen, wie es seine Minderheiten fremdstämmiger Mitbürger behandelt.

Wenn also AFD-Mitglieder sich auf Werte des Juden- und Christentums berufen, um muslimische Minderheiten als Sündenböcke zu diskriminieren, entsprechen sie keineswegs der "jüdisch-christlichen" Tradition. Sie missbrauchen diese vielmehr und verkehren sie in ihr Gegenteil: in antijüdisch-antichristliche Werte.

Was für eine bittere Ironie also, dass ausgerechnet fremdenfeindliche AFD-Mitglieder genau die abendländischen Werte bedrohen, die sie angeblich verteidigen wollen.

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Reinhard Salomon

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