Abstraktion mit figurativer Bodenhaftung

Ausstellungsempfehlung Kein marktförmiges visuelles Fast Food - Bilder aus drei Jahrzehnten des Treptower Künstlers Jürgen Schnelle in der Berliner Kulturbund Galerie in Baumschulenweg
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Der in der berühmten Tuschkasten-Siedlung in Berlin-Altglienicke lebende Maler und Grafiker Jürgen Schnelle kann auf ein reiches künstlerisches Oeuvre vielfältiger Techniken zurückblicken. In letzter Zeit fand er seine schöpferischen Inspirationen immer mehr in der Landschaft, und zwar in ihren urwüchsigen, elementaren und zivilisationsfernen Erscheinungsformen. Kontemplative Beschaulichkeit und romantische Harmonie sind diesen Bildern fremd. Die Blaue Blume sucht man darin vergeblich. Die zumeist großformatigen, ins Schwarze drängenden Bilder zeugen in ihren energiegeladenen und mitunter rauschhaft anmutenden Abstraktionen von einem noch lange nicht gebändigten künstlerischen Temperament. In ihnen kristallisieren sich visuelle Erinnerungen durchaus unterschiedlicher motivischer Provenienz, aber keine Abbilder konkreter Vorlagen, die man dingfest machen könnte. Variiert zu Zyklen oder Serien, erstarren Gebirgsbäche, Steine, Felslandschaften, Steinwüsten, Ur-Wald oder Wolkengebirge in stark abstrahierten flächigen Strukturen zu bizarren Gebilden. Auf die natürlichen Grundfarben reduziert, leben die Bilder von der Spontanität der Farbauflösung und einer kraftvollen, souveränen Raumgestaltung.

Was liegt näher, als einer Jubiläums-Ausstellung zum 70. Geburtstag den Titel „Nähe und Ferne“ zu geben? Dieser Titel ist gleichsam mehrdimensional und deutet zum einen auf eine zeitliche Klammer zwischen zurückliegendem und aktuellem Schaffen und zum anderen auf die räumlichen Distanzen weit auseinander liegender Orte, die der künstlerischen Inspiration zugrunde liegen. Das Wortpaar „Nähe und Ferne“ assoziiert in seiner Ambivalenz zugleich auch die Vorstellung von Abstand, Vergleich, Abwägen, Erinnern usw., also von Bewusstseins- und Gefühlsmomenten, die wohl jeden Menschen überkommen, wenn er seines Älterwerdens und der Endlichkeit seiner individuellen Existenz innewird.

Der Zeitrahmen der Entstehung dieser Bilder umfasst mehr als drei Jahrzehnte, die örtliche Dimension mehrere Kontinente, von seinem heimischen Garten bis nach Sibirien und Mittel-Asien im Osten und Island und Feuerland im Westen und Süden. Dem Betrachter wird eine beeindruckende Bilanz präsentiert, deren schöpferische Vielfalt eine einzige Ausstellung nur näherungsweise abzubilden vermag, ob Öl-Malerei, Aquarell, Zeichnung, Farblitho, Holzschnitt, Fotografie.

Sie zeugen aber auch von einer produktiven schöpferischen Aufnahme der Traditionen der Klassischen Moderne. Dies springt dem Betrachter buchstäblich ins Auge - lauter unterbewusste Déjà-vu-Effekte. Die sich bei jedem Künstler selbstverständlich stellende Frage nach den inspiratorischen Wurzeln, Einflüssen und Vorbildern beantwortet sich hier fast von selbst. Dabei wird man dann an zwei Namen nicht vorbeikommen: Paul Cézanne und Max Beckmann. Beiden hat sich Jürgen Schnelle während seiner künstlerischen, kunstpädagogischen und kunsthistorischen Ausbildung an der Humboldt-Universität und später der damaligen Hochschule der Künste gewidmet. Da nimmt es natürlich nicht Wunder, daß er in seinem bildnerischen Schaffen von diesen beiden im Besonderen und der Klassischen Moderne im Allgemeinen, wie viele andere Künstler seiner Generation auch, stark beeinflusst und gleichsam imprägniert wurde.

Dies ist besonders augenfällig in den Landschaftsbildern. Man erinnere sich: Gerade hier manifestiert sich die Opposition der Moderne zum klassischen Realismus und Naturalismus. Der akribische Gehorsam gegen die Vorherrschaft der „göttlichen Natur“ und deren naturalistische Abbildung wird aufgekündigt. Und dies, wie Carl Einstein sich ausdrückte, „um einer abgesonderten Kraft der Natur willen“, nämlich des Lichtes wegen. Die Vorlage, das Objekt wird herabgestuft zum bloßen Symptom für das freie Spiel mit Farbe und Raum - ein Sakrileg für die klassische akademische Kunstauffassung - und später den Sozialistischen Realismus, wie man weiß. Die Natur dient hier gleichsam nur als „unpathetischer Vorwand“ für das verdichtende Spiel mit Formen und Farben, ohne sentimentale oder vordergründig-sinnheischende Wertung des Stoffes. Die Gegenständlichkeit des Sujets ist nur sekundärer Natur. Schnelle treibt sie zuweilen bis an die Schmerzgrenze des Abstrakten, ohne dabei allerdings die figurative Bodenhaftung zu verlieren.

In diesen Bildern kristallisieren sich innerlich angesammelte visuelle, affektive und vielleicht gar reflexive Erinnerungen an eine Vielzahl von Naturerlebnissen, ohne daß man das Sujet auf einen konkreten, datierbaren Erlebniseindruck oder eine per GPS lokalisierbare Topographie zurückverfolgen könnte. Nichts läge Jürgen Schnelle dabei ferner, lediglich den evidenten Gesetzmäßigkeiten der Natur auf die Spur kommen zu wollen. Er sucht im Gegenteil in einer schnörkellosen formalen Klarheit unvermutete Zusammenhänge und verborgene Wirkkräfte zu ergründen, ohne sich möglichen figurativen oder metaphorischen Assoziationen gänzlich zu verschließen. Wer sucht, wird unvermeidlich auf ein gleichsam philosophisches Konzentrat stoßen, ein amorphes Grundgefühl der Zeitlosigkeit, der Urgewalten der Natur, des ewig Gleichförmigen, ohne dies jedoch als eine eindeutig verbalisierbare Botschaft missverstehen zu dürfen. In ihrer mitunter metaphysischen Polyvalenz verlangen diese Landschaften mit diesem dunklen Farbsound dem Betrachter die Anstrengung ab, im individuellen Rezeptionsprozess eigene Interpretationsräume abzustecken und mit persönlichen visuellen, emotionalen oder reflexiven Reminiszenzen auszufüllen. Aber für eines ist in diesen Bildern folgerichtig kein Platz: für weichgespülte romantische Stimmungen oder trügerische Idyllen. Kurz, die Arbeiten von Jürgen Schnelle sind kein marktförmiges visuelles Fast Food.

Das gilt in gewisser Hinsicht auch für sein grafisches Schaffen, dem in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet ist, etwa die hybriden Farbholzschnitte, deren Druckstöcke, wie zum „Apfelbaum“ aus seinem Garten, schon mal mit der Kettensäge bearbeitet werden. Durch die Übermalung sind diese überschichteten Drucke im Grunde Unikate. An ihnen scheint Jürgen Schnelle seine ungebrochene Experimentierlust auszuleben. Auch die wie hastig erstellten Landschaftszeichnungen und Skizzen mit einfachen Blei- und Farbstiften, die Portrait-Radierungen und Aquarelle sind Juwelen. Besonders hingewiesen sei auf die bewegende Diptychon-Radierung „Requiem“, eine Hommage an Ilya Ehrenburg und sein Memoirenwerk „Menschen, Jahre, Leben“ über die düsteren Seiten der Stalin-Ära und deren Millionen Opfer.

Mit dieser Jubiläumsausstellung ehrt die kleine aber feine "Kulturbund Galerie" in Baumschulenweg einen der markantesten Künstler des Bezirkes Treptow-Köpenick, der seit vielen Jahren das künstlerische Antlitz des Bezirkes mitprägt. Sie lohnt einen Abstecher.

(„Jürgen Schnelle - Nähe und Ferne. Bilder“, Kulturbund Galerie Baumschulenweg, Ernststraße 14-16, Berlin; bis 29. Januar; Mo bis Fr 10 bis 16.30 Uhr, Die bis 18.30 Uhr)

20:44 05.01.2016
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