Mélanchon - die größere Gefahr als Le Pen ?

Präsidentschaftswahlen Präsident Hollande ist aus dem Schlaf erwacht und greift in den Wahlkampf ein - gegen die Linke, als deren Kandidat er 2012 gegen Sarkozy gewann
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nachdem so mancher Franzose hatte schon geglaubt hatte, sie würden nie wieder von ihm hören und er sei für immer verstummt, scheint der glücklos scheidende Präsident Frankreichs François Hollande doch noch mal aus seinem Schlaf erwacht zu sein. In einem Fernsehinterview meldete sich „der Präsident aller Franzosen“, der zu sein er vor fünf Jahren versprach, zu Wort, um sich schlecht verhüllt in den Wahlkampf einzumischen und recht unverhohlen Partei zu ergreifen. Er tat dies dergestalt, die Franzosen zu warnen, und zwar vor einer Gefahr, die am Horizont aufsteige.

Jeder mag nun wohl denken, damit sei Marine Le Pen gemeint. Weit gefehlt. Oder, nach dem absehbaren Desaster von dessem offiziellen Kandidaten Hamon, das vorprogrammierte Verschwinden des Parti Socialiste, dessen Generalsekretär Hollande immerhin für mehrere Jahre war? Mitnichten. Oder die Skandalnudel François Fillon von den „Republikanern“ mit seinem a-sozialen Shock-and-Awe Programm der Durchliberalisierung Frankreichs? Nicht der Rede wert. Der Finger zeigte einzig auf - Jean-Luc Mélenchon, der in dem Szenarium dieser Wahl nicht vorgesehen war und mit seinem alle überraschenden Wahlkampf und seinem Aufschließen in den Umfragen auf die lange führende Dreibande Le Pen, Macron und Fillon das Match wieder offen werden ließ. Er ist im Handumdrehen zum Staatsfeind Nr. 1 avanciert. Hollande bescheinigt ihm eine „simplistische“ Weltsicht und sprach ihm die Fähigkeit ab, die regierungsfähige Linke zu vertreten, ganz im Gegensatz wohl zu seinem Klon Emmanuel Macron, dem Kandidaten mit dem „Weder-Noch“- und „Sowohl-als-auch“-Programm, soweit man bei diesem Neuen Messias des pro-europäistischen Politpatriziats, über den auch hierzulande alle ganz aus dem Häuschen sind, von so was wie einem „Programm“ überhaupt sprechen kann. Nein, der drohende Untergang der Grande Nation drohe einzig und allein von Mélanchon, nicht ohne die Verschwörungstheorie, er zappele am langen Puppendraht des Kremls, sei gar ein putinistischer Einflußagent.

Bei seiner Warnung vor Mélanchon scheint Hollande allerdings vergessen zu haben, daß er ihm, und nur ihm allein, seinen überraschenden Wahlsieg vor fünf Jahren über den post-gaullistischen Egomanen Sarkozy überhaupt erst zu verdanken hatte, als Mélanchon seine Anhänger dazu aufrief, in der Stichwahl nolens volens die Alternative zu dem korrupten Sarkozy zu wählen und nicht etwa zu Hause zu bleiben. Das Mélanchon-Lager war das Zünglein an der Waage für den knappen Sieg des sozialistischen Kandidaten.

Dabei waren die beiden in ihrer Programmatik gar nicht so weit auseinander, etwa in der Europa-Frage. „Europa hat sich in dem Maße geschwächt, wie es sich von den Völkern entfernt hat, nicht mehr auf ihre Erwartungen reagiert, als machtlos angesichts der Kräfte des Marktes und selbst deregulierungsbesessen wahrgenommen wird, das unfähig ist, der liberalen Globalisierung zu widerstehen... Dieses Europa will ich nicht. Ich will Europa in eine neue Richtung lenken.“ (Hollande am 12. 03. 2012, also acht Wochen vor seiner Wahl, auf dem europäischen Treffen „Renaissance pour l‘Europe“ im Pariser Cirque d‘hiver) Er ging sogar noch weiter: „Es wird keinen Erfolg geben, keine Rückkehr zum Gleichgewicht, wenn der Stabilitätspakt nur ein reiner Budget-Vertrag bleibt, d. h. ein Vertrag zu Disziplinierung und Sanktionen, die schnell zu Austerität für ganze Völker führen können. Deshalb bekräftige ich hiermit feierlich, daß ich den Stabilitätspakt neu verhandeln werde, und das nicht nur für Frankreich, sondern für ganz Europa.“ So klang es vor Tisch. Aber schon Adenauer scherte sich nicht um sein Geschwätz von gestern...

Während Marine Le Pen vom medialen Radar in Frankreich zu gut wie verschwunden zu sein scheint und auch in Hollandes präsidialem Eingreifen in den Wahlkampf nicht weiter der Rede wert war, wird bei dem torschlußpanikartigen Trommelfeuer gegen „La France insoumise“ kein Klischee ausgelassen. Der Editorialist des „Point“ Pierre-Antoine Delhommais etwa bindet Le Pen und Mélanchon kurzerhand Rücken an Rücken, ohne sich weiter mit der zwangläufigen Implikation aufzuhalten, daß damit der Hälfte der Franzosen das Schandmal des „Extremismus“ auf die Stirn gebrannt wird, eine Menge Holz. In „Challenge“ malt Bruno-Roger Petit gar das Gespenst eines gewaltsamen Staatsstreiches an die Wand, auf den Mélanchons Projekt einer „VI. République“ hinauslaufe. Was den unvermeidlichen Laurent Joffrin anbetrifft, den Direktor der einst link-grünen „Libération“, so kommt ihm der Name Mélanchon nicht über die Tasten, ohne ihn in Pawlowschem Reflex mit Fidel Castro, Chavez, Putin und Assad zu assoziierten. Wer bietet mehr? (Wer weiß übrigens heute noch, daß Mitterand die gaullistische Verfassung der V. Republik einen „permanenten Staatsstreich“ nannte, den einstigen Mitkämpfer Che Guevaras im bolivianischen Dschungel Régis Debray zu seinem Berater machte und seine Frau Danielle bis zu ihrem Tod mit Castro befreundet war?)

Bei den beiden „Extremen“ haben wir es einerseits zu tun mit einer Marine Le Pen und ihrer ethnischen Vision der Nation, ihren Bündnissen mit allen para-faschistischen nationalistischen Grüppchen Europas, ihrem pétinistischen Familien- und Frauenbild, ihrer notorischen Islamophobie, ihrer Bewunderung für Trump usw. und andererseits mit einem Jean-Luc Mélanchon als den Kandidaten einer zivilgesellschaftlichen Revolution gegen die Oligarchie, der Stimme der Stimmlosen, der jenem Teil des Volkes seine Würde wiedergeben will, der mit der proto-liberalen globalistischen Zerstörung tradierter solidarischer Schutznetze gnadenlos abgehängt wurde und in dieserart transformierten Arbeitswelt chancenlos ist. Der mediale Klerus in Frankreich wirft nun beide umstandslos in denselben Topf der „Extreme“. Schlimmer noch, bei manchen scheint die Neigung durchzuschimmern, der ersteren den Vorzug vor dem letzteren zu geben: Le Pen könne man wieder einfangen, aber bei Mélanchon weiß man nie und hält wohl alles für möglich. Auch Hollandes Warnung zeigt nur in diese eine Richtung.

Allerdings ist noch nicht ausgemacht, ob derartige Attacken der Official-Mind-Medien nicht auch nach hinten losgehen können. Bei der um sich greifenden Skepsis, denen sie sich auch an der Seine ausgesetzt sehen, können solcherart Brandmarkungen sogar als Ritterschlag wirken. On verra!





18:18 22.04.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare