Neben der Spur

Porträt Nach der Universität wollte René Korth die Welt erobern. Nur wartet die nicht auf Politologen. Jetzt jobbt er im Baumarkt. Ein Bericht aus dem deutschen Bildungsprekariat
René Korth | Community | Ausgabe 36/2014 19
Neben der Spur
René Korth: "Da ist niemand, dem man die Schuld geben kann"

Foto: Jan-Christoph Hartung für der Freitag

Fünf Jahre Bulimie-Lernen, nächtliche Lektüremarathons und das Schreiben von Hausarbeiten im Wochentakt – sie waren vorbei. Endlich hatte ich ihn in der Tasche: den Universitätsabschluss. Und nun? Um eine Stelle bewerben, was sonst. Karriere machen, Geld verdienen, eine Familie gründen. Ich war bereit, die Welt zu erobern. Aber ich merkte schnell, dass die Welt nicht von mir erobert werden wollte.

Ich wusste, dass es als Politikwissenschaftler schwierig werden würde, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ich war gewarnt worden. Vor dem Studium von Freunden, Bekannten und Hochschulratgebern. Im Studium von Professoren, Dozenten und Kommilitonen. Auch eine Reihe von Arbeitslosenstatistiken und Umfragen unter Uni-Absolventen zeigten, dass man einige Zeit einplanen sollte, um als Gesellschaftswissenschaftler einen soliden Arbeitsplatz zu finden.

Natürlich muss ich mir heute manchmal vorwerfen lassen, einen Studiengang gewählt zu haben, der nicht automatisch zu einem schnellen Jobeinstieg und einem sicheren Einkommen führt. Aber was hätte ich sonst studieren sollen? Medizin traue ich mir nicht zu; Jura finde ich zu langweilig; Ingenieurswissenschaften verstehe ich nicht; und für BWL schreiben sich ja nun auch schon genug Menschen ein. Außerdem: Werden inzwischen nicht auch Banker reihenweise entlassen?

Das Produkt Arbeitskraft

Trotz der mäßigen Prognosen war ich anfangs, direkt nach dem Abschluss, noch guter Dinge. Ich entdeckte interessant klingende Stellenausschreibungen und bewarb mich, als Bildungsreferent, Projektmitarbeiter oder wissenschaftlicher Assistent. Ich ging auch initiativ vor, bewarb mich als Mitarbeiter bei Politikern, Verbänden und Wohlfahrtsorganisationen. Ich dachte mir: Irgendetwas wird sich schon ergeben. Nichts sprach ja gegen mich, im Gegenteil, alles sprach für mich: jung, gut ausgebildet, örtlich flexibel.

Dann setzte das große Warten ein. Eine Woche. Zwei Wochen. In der dritten Woche flogen die ersten Absagen ins Haus. In den folgenden Wochen flatterten, wenn überhaupt noch eine Antwort kam, die restlichen „Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen ...“-Briefe hinterher. Ich musste mir eingestehen, dass es wohl doch nicht so einfach sein würde. Und dann kam der Tag, an dem ich im Jobcenter stand und meinen ALG-II-Antrag abgab. Seitdem bin ich Hartzer. Mein Leben dreht sich jetzt um Bewilligungsbescheide und Eingliederungsvereinbarungen. Ich muss mich beim Jobcenter abmelden, wenn ich mal länger als ein Wochenende meinen Wohnort verlassen möchte. Ich schäme mich, versagt zu haben – bevor es überhaupt losgegangen ist.

Ich bewarb mich weiter. Aber je mehr Bewerbungen ich schrieb, desto mehr Absagen landeten im Briefkasten. Ich begann, doch an mir zu zweifeln. Ich fragte mich, was ich falsch machte. Eine Antwort darauf fiel mir nicht ein. Stündlich schaute ich in mein E-Mail-Postfach, in der Hoffnung auf eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Aber nur selten war eine dabei. Wenn doch, weckte jeder neue Termin wieder neues Zutrauen in meine Fähigkeiten. Ich schöpfte neue Kraft. Dabei muss man sich als Bewerber einiges gefallen lassen. An einer norddeutschen Universität hatte ich mich für eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter beworben. Schnell erhielt ich einen Termin für ein Vorstellungsgespräch via Skype. Ich fieberte dem Termin entgegen – aber nichts passierte. Es kam kein weiterer Anruf, keine E-Mail. Dann erhielt ich eine neue Einladung für ein Skype-Gespräch. Wieder konnte ich es kaum erwarten – wieder geschah nichts. Am nächsten Tag ... die dritte Verabredung. Diesmal klappte es mit dem Bewerbungsgespräch von Bildschirm zu Bildschirm. Schließlich kam: die Absage.

Ich merkte, dass das Leben zunehmend an mir vorbeizog. Viele Freunde aus Studienzeiten hatten mehr Glück als ich. Sie arbeiten längst und verdienen Geld. Sie reden unentwegt von ihrer Selbstverwirklichung, von neuen Erfahrungen und ihren neuen Kollegen. Über ihr Diensthandy oder ihr neues iPad, ihre Reisen in alle Welt, über alles, was mir verwehrt bleibt. Ich freue mich für sie. Aber es nagt auch an mir.

Es gibt auch andere in meinem Bekanntenkreis, solche, denen es ähnlich wie mir ergeht. Da ist die freiberufliche Pädagogin, die mühsam Aufträge von Bildungswerken zu ergattern versucht und nebenbei als Servicekraft in einem Hotel arbeitet. Da ist die Geisteswissenschaftlerin, die nun, mit einem Einser-Examen in der Tasche, überlegt, in einem Callcenter zu arbeiten. Sie gehören wie ich einem jungen, urbanen Bildungsprekariat an, in das der Staat Millionen von Euro investiert hat, für das aber einfach nicht genügend qualifizierte Jobs zur Verfügung stehen.

Die Pädagogin und die Einser-Kandidatin wurden vielleicht wie ich immer mal wieder gefragt, wie es denn bei der Jobsuche so laufe. Freunde und Bekannte geben gut gemeinte Ratschläge, versuchen einen aufzumuntern. Doch je länger die Warteschleife dauert, desto weniger erkundigen sich die anderen. Man merkt mir an, dass ich nicht darüber reden will. Niemand versteht, was bei mir schiefläuft. Wie auch? Ich verstehe es ja selber nicht.

Der Erfolg der anderen

Mit jeder weiteren Absage wird es schwieriger, morgens aus dem Bett zu steigen. Der Gang zum Briefkasten wird zur Qual. Nur widerwillig schalte ich meinen Computer ein, denn die Wahrscheinlichkeit, erneut eine Absage vorzufinden, ist hoch. Es sind die immer gleichen Standardbriefe mit ihren typischen nichtssagenden Floskeln. Irgendwann klingt es wie blanker Hohn, wenn es heißt, dass es nicht an meiner Qualifikation oder Person gelegen habe. Was ist eine Absage denn sonst, wenn nichts Persönliches? Das Traurige: Man kann niemandem die Schuld geben, wenn man eine Stelle nicht bekommen hat. Da ist keiner, der verantwortlich zu machen wäre. Da bin nur ich, ich allein.

Nach und nach fiel mir auf, dass ich mich veränderte. Dass ich mich schleichend von meiner Umwelt abwende – oder sie sich von mir. Die Treffen mit Freunden sind seltener geworden, ich gehe nicht mehr aus, nicht mehr ins Kino oder ins Theater. Ich bleibe lieber für mich allein.

Als ich vor zehn Jahren das Abitur nachholte, da glaubte ich noch den Versprechungen, die tagein, tagaus von den Funktionsträgern des Landes in den Medien kolportiert werden: „Bildung schafft Aufstieg“; „Bildung schafft Zukunft“; „Bildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit“. Mit jeder neuen Absage schwindet das Vertrauen in solche vermeintlichen Gewissheiten. Die Zeiten, in denen ein abgeschlossenes Studium eine Jobgarantie war, sind schlicht: vorbei.

Jetzt werde ich in die gleiche Schublade gesteckt wie der angeblich faule Hartzer. Ja, ich bin jetzt auch ein sogenannter Sozialschmarotzer. Habe ich 2009 dem Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, noch heimlich zugestimmt, als er die Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes als Subvention für die Alkohol- und Zigarettenindustrie geißelte, so schäme ich mich heute meiner Unwissenheit von damals. Hartz IV war einfach sehr weit weg. Heute weiß ich es eindeutig besser.

Wenn ich im Jobcenter einen Termin habe, begegnet mir dort nur selten ein Mensch, der dem Klischee des abgehalfterten Hartzers entspricht. Ich sehe vor allem junge Erwachsene, die nach der Ausbildung keinen Arbeitsplatz gefunden haben. Ich sehe ältere Arbeitnehmer, die über 30 Jahre lang geschuftet haben, deren Arbeitsplätze wegrationalisiert wurden und die nun schlicht zu alt sind, um noch vermittelt zu werden. Ich sehe Uni-Absolventen, die noch auf ihren Berufseinstieg warten. Und ich sehe Verkäufer, Mechaniker, Bäcker, Metzger, Floristen und viele andere, die darauf warten, endlich wieder arbeiten zu dürfen.

Die Aussichten

Es kann jeden treffen. Ob die Schlecker-Frau oder den Verkäufer vom Praktiker-Baumarkt, die keine Schuld an der falschen Strategie des Managements tragen. Oder den Bäckermeister, der mit seinem Familienbetrieb nicht mit den großen Filialketten mithalten kann, weil wir es alle billig haben wollen. Oder eben den Hochschulabsolventen, der als Berufseinsteiger schon zehn Jahre Berufserfahrung mitbringen soll. Ich bin Teil einer Generation von jungen, gut ausgebildeten Arbeitnehmern, die entweder in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten oder von Hartz IV leben müssen. Weil in unserer Leistungsgesellschaft eben das – Leistung – nicht mehr für ein sicheres und geregeltes Einkommen ausreicht. Heute muss man als Arbeitnehmer nicht nur örtlich, sondern ganz klar auch finanziell flexibel sein. Einfach um die Phasen der Nichterwebstätigkeit irgendwie überbrücken zu können.

Inzwischen jobbe ich in einem Baumarkt. Und ich versuche mein Glück als freier Autor und angehender Journalist. Ja, ich gebe mir Mühe – wie so viele andere auch –, das Beste aus der Situation zu machen. Irgendwas wird sich schon ergeben. Irgendwie wird’s weitergehen.

René Korth, 34, hat seine Geschichte erst als Blog-Beitrag für die Freitag-Community aufgeschrieben. Wir haben ihn um eine ausführliche Fassung für die Zeitung gebeten

Generation Warteschleife

So wie René Korth ergeht es vielen jungen Akademikern. Rund 27 Prozent der deutschen Hochschulabsolventen brauchen ein Jahr oder länger, bis sie einen Job finden. So vermeldet es zumindest das Statistische Bundesamt.

Etwa 14 Prozent nehmen nach dem Universitätsabschluss erst einmal eine Übergangstätigkeit an. Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben die gerade fertigen Akademiker nur selten. Die Voraussetzung dafür ist schließlich, dass man mindestens ein Jahr lang sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat.

Die meisten Studenten haben neben der (seit der Bologna-Reform ohnehin anstrengender gewordenen) Universitätszeit aber nur die Möglichkeit, Minijobs anzunehmen, die eben nicht sozialversicherungspflichtig sind und daher nicht angerechnet werden. Zieht ein Student nach dem Abschluss aus Geldgründen erst einmal zurück zu den Eltern oder mit dem Partner zusammen, kann es sein, dass auch sein Anspruch auf Hartz IV entfällt.

Wenn die anderen Mitglieder des Haushalts – der „Bedarfsgemeinschaft“, wie es im Amtsjargon heißt – zu viel verdienen, müssen sie für den Betroffenen mit aufkommen.

Ähnlich wie unserem Autor René Korth erging es dem Philosophie-Absolventen Thomas Mahler. In der Schlange. Mein Jahr auf Hartz IV (Goldmann 2011) heißt Mahlers Buch, in dem er von seinen teils absurden Erfahrungen mit dem Jobcenter berichtet. KK

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.09.2014
Geschrieben von

René Korth

freier Autor, der über Kultur, Gesellschaft und Politik schreibt
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René Korth

Ausgabe 32/2020

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