Wenn das Unvorstellbare passiert

Corona-Krise Corona hat unser Leben so schnell auf den Kopf gestellt und gezeigt, wie verwundbar unsere Art zu leben ist. Eine persönliche Reflexion über die Krise und den Folgen
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Wenn das Unvorstellbare passiert
Man konnte sie fühlen, diese Schwere, die alle Leichtigkeit aufsog, und sich dann wie Morgentau über das Land legte

Foto: Stephane De Sakutin/AFP/Getty Images

Verwaiste Schulen, leergefegte Kinderspielplätze, fast ausgestorbene Einkaufsviertel, geschlossene Restaurants und Cafés, leere Supermarktregale und der Kampf ums letzte Toilettenpapier prägen derzeit das Bild in unserem Land. An Litfaßsäulen, Zäunen und Wänden werben immer noch Plakate für Veranstaltungen einer Zukunft, die nicht mehr existiert - als stilles Zeugnis einer Zeit vor der Pandemie. Ein Virus, das weder mit bloßem Auge erkennbar ist, das man weder schmecken noch fühlen kann, hat unsere Welt so unvermutet gepackt und zum Stillstand gebracht. Von einem Tag zum anderen hat das Virus unsere Zukunftsgewissheit wie eine Seifenblase platzen lassen und gezeigt, wie verletztlich der Einzelne, die Gesellschaft und unsere Art zu leben eigentlich ist.

Es fällt mir schwer, diesen Text zu schreiben. Meine Gedanken wirbeln umher wie Sandkörner im Wind. Ich kann sie nicht fassen, nicht halten, geschweige denn aufs Papier bringen. Ich sitze seit drei Wochen an diesen Zeilen, schreibe einen Abschnitt und muss ihn doch wieder verwerfen, da alles wieder veraltet ist. Der Text kann nicht mithalten mit der Schnelligkeit der Veränderung, die uns alle betreffen. Was heute normal ist, kann morgen schon verboten sein und wird übermorgen neue Normalität. Es fühlt sich unwirklich an, diese Wucht der Ereignisse, die innerhalb weniger Tage unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben zum Erliegen brachte. Wie anfangen, wie die Ereignisse und meine Gedanken sortieren.

Ich bin ehrlich. Ich habe das Virus nicht ernstgenommen. Noch Ende Februar, als das Corona-Virus schon sämtliche Nachrichten dominierte und andere Themen wie den Klimawandel und die Flüchtlingskrise an Europas Grenzen in den Hintergrund traten, lebte ich weiter so, als ob nichts wäre - wie wahrscheinlich die meisten von uns. Ich ging zur Arbeit, ins Kino oder man traf sich abends mit Freunden. Ich staunte über die restriktiven Maßnahmen in Wuhan und der Lombardei und lachte über die Hamsterkäufer, die riesige Mengen an Toilettenpapier in ihren vier Wänden bunkerten. Ich nahm das Virus mit einer Brise Humor und aufmerksamer Gelassenheit. China und Italien waren zwar allgegenwärtig, aber doch weit weg.

Als jedoch Anfang März immer mehr Messen und Großveranstaltungen abgesagt wurden, die Kurseinbrüche aller wichtigen Börsen die Angst vor einer weltweiten Rezession schürten und die Zahl der Infizierten immer schneller anstieg, änderte auch ich mein Verhalten: Ich wusch mir nun häufiger die Hände, und vermied unnötigen Körperkontakt wie Händeschütteln und Umarmungen. Ich ging zum Supermarkt und legte mir einen kleinen Vorrat an Toilettenpapier, Dosengerichten, Nudeln und Pasta zu. Es fühlte sich komisch an, ahnte ich doch die mitleidigen Blicke der Anderen. Und es blieb die vage Hoffnung, dass sich das Corona-Virus und mit ihm die drastischen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen auf ein erträgliches Maß eindämmen ließe.

Die Krise ist nun allgegenwärtig

Und man konnte sie fühlen, diese Schwere, die alle Leichtigkeit aufsog, und sich dann wie Morgentau über das Land legte. Es war Freitag, der 13. März 2020 - von jeher ein Tag mit besonderer Bedeutung für abergläubische Menschen - der die Krise nun allgegenwärtig und nahbar machte. Die Nachrichten überschlugen sich, neue Meldungen nahezu im Minutentakt, die von heute auf morgen unser Leben auf den Kopf stellten: einbrechende Aktienkurse, Schul- und Kitaschließungen, Ausweitung von Sperr- und Quaratänezonen, Grenzschließungen und dem vollständigen Verbot von Veranstaltungen aller Art, Bar- und Kneipenbesuchen in vielen deutschen Städten.

Wenn wir zu jener Zeit nach Italien blickten, sahen wir unsere Zukunft, zeitverzögert wurde das Unvorstellbare zum Vorstellbaren. Und so wiegten wir uns alle am Tag zuvor noch in Sicherheit, als die Kultusminister die Schulen und Kitas nicht flächendeckend schließen wollten. Und dann die Kehrtwende: Die Schulen sind dicht. Ich war in Stuttgart unterwegs und erlebte jubelnde Schüler auf dem Weg nach Hause. Sie schmiedeten Pläne für die nächsten Tage. Die Älteren unter ihnen lachten über die neugewonnene Freiheit abseits vom alltäglichen Schulstress und den anstehenden Klausuren, die vorerst ausfallen würden.

Eine innere Unruhe packte mich, ich schnorrte mir eine Zigarette und zündete sie an. Die Lunge brannte beim ersten Zug, denn ich hatte seit Ewigkeiten keine mehr geraucht. Ich beruhigte mich wieder. Ich rauchte eine zweite und dritte Zigarette und setzte mich auf eine Bank. Alles wirkte mit einem Mal so unwirklich: die belebte Königsstraße, das frühlingshafte Wetter, dass die Menschen nach draußen lockte, die vollen Cafés und die anregenden Gespräche, Tauben, die Brotkrumen von der Straße pickten, kleine Kinder die Fange spielten und junge Mütter, die mit ihren mit Pimkie und H & M-Tüten vollbepackten Kinderwägen durch die Straßen liefen. Als wäre nichts geschehen. Doch Italien und China sind nun nicht mehr weit weg, wir liegen jetzt selbst im Epizentrum der Corona-Pandemie.

Das Vertrauen, die Krise ohne harte Einschnitte zu überwinden, ist verpufft. Panik- und Hamsterkäufe, leere Regale und meterlange Warteschlangen vor den Supermarktkassen in den Tagen danach, waren das sichtbarste Zeichen eines staatlichen Kontrollverlustes, den auch die Kanzlerin mit ihrer Botschaft, dass die Versorgung mit Lebensmitteln gesichert sei, vorerst nicht verhindern konnte. Doch ich bin froh, dass Angela Merkel uns nun durch diese Krise führt, auch wenn ich sie nicht gewählt habe. Sie hat die nötige Erfahrung und legt eine Unaufgeregtheit an den Tag, die beruhigend wirkt. Sie widersteht der Versuchung, sich durch diese Krise profilieren zu müssen. Während andere Stimmen nach einer Verschärfung der Maßnahmen, den starken Staat oder einer Aufhebung der Maßnahmen schreien, wägt sie vorsichtig zwischen der Einschränkung von Grund- und Freiheitsrechten, wirtschaftlichen Interessen und der Verhinderung einer Ausbreitung des Virus ab.

Wir leben nun in einer Welt im Ausnahmezustand, die uns bisher nur aus Virus- und anderen Katastrophenfilmen bekannt ist. Auf einmal sind Filme wie Contagion (2011, Steven Sonderbergh) und Outbreak (1995, Wolfgang Petersen) hochaktuell und stehen weit oben in den Film-Streaming-Charts. Wer hätte vor kurzem schon ahnen können, dass aus Fiktion so schnell Realität wird und eine Zukunft aufzeigt, die vielleicht noch auf uns wartet. Es ist der Bruch mit dem Bestehenden, der mich so schnell und unvorbereitet packte und mich ratlos und schockiert zurücklässt, wie so viele von uns. In nur wenigen Tage wurden unsere Freiheitsrechte und unsere Art zu leben massiv eingeschränkt. Das war vor wenigen Wochen oder Tagen das Normalste der Welt war, das Treffen mit Freunden oder nur das Sitzen auf einer Parkbank ist heute verboten.

Es ist irritierend, wenn der Andere wie die Schwester, der Freund oder der Arbeitskollege unbeabsichtigt zum Feind wird, von dem ich Abstand halten muss. Denn er oder sie sind nun potentielle Überträger des Viralen: Es kann mich krank machen, schlimmstenfalls sogar töten. Es fällt mir schwer, auf körperliche Nähe zu verzichten, dabei ist der Wunsch nach Nähe und mit anderen verbunden zu sein, eines der wichtigsten Bedürfnisse des modernen Menschen.

Die Krise als Spiegelbild der Gesellschaft

Eine Krise zeigt auch immer, wer wir eigentlich sind. Sie ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und von uns selbst. Erst jetzt stellt sich der wahre Charakter des Einzelnen heraus: solidarisch oder egoistisch. Diese Krise bringt uns dazu, unseren Platz in der Gesellschaft zu hinterfragen, ebenso wie die Gesellschaft selbst. Es ist eine Zeit der Extreme: Während sich Tausende in Nachtbarschaftshilfen engagieren, um älteren Menschen beim Einkaufen zu unterstützen, stehlen andere in Krankenhäusern dringend benötigte medizinische Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel, um sie später gewinnbringend zu verkaufen.

Wir klatschen heute von unseren Balkons und solidarisieren uns mit jenen Menschen, die in Krankenhäusern, Supermärkten oder auf der Straße den wichtigsten Beitrag leisten, damit unser Land auch im Lockdown nicht zusammenbricht. Doch wie lang wird unsere Solidarität halten, wenn die Krise wieder vorbei ist und diese Menschen nun eine angemessene Bezahlung einfordern.

Während die meisten Menschen, die ich kenne, sich dieser Extremsituation anpassen und das Beste daraus zu machen versuchen, flüchten sich einige von ihnen in Fake News und Verschwörungstheorien und posten über Facebook das aktuellste Youtube-Video irgendeines Welterklärers oder Texte von obskuren Blogs. Andere wiederum sinnieren darüber, die Alten sterben zu lassen, damit die Wirtschaft nicht weiter einbricht und wir wieder rasch zur Normalität zurückkehren können. Erschreckend muss ich feststellen, dass sie mit ihrer Meinung nicht alleine dastehen. Eine freiheitliche Demokratie darf die offene Debatte nicht scheuen, sie lebt davon. Aber eine Abwägung nur zu diskutieren, zwischen dem Für und Wider wirtschaftlicher Interessen und Menschenleben, also die Opferung der Alten auf dem Schafott des neoliberalen Marktes, stellt einen einmaligen Tabubruch in der Geschichte der Bundesrepublik dar.

Es sind die kleinen Dinge die Glück bedeuten

Die Tage und Wochen vergehen langsamer im Lockdown. Es ist die Zeit der eigenen Entschleunigung. Was früher wichtig war, gerät nun zur Nebensache. Das Leben ist überschaubarer geworden, die großen Pläne verharren in Warteschleife. Jeden Tag stelle ich mich der neuen Herausforderung, dem Neuen und Ungewissen, das gestern noch absurd und fern erschien. Die Wohnung verlasse ich nur, wenn ich zur Arbeit gehe, zum Einkaufen oder einen kleinen Spaziergang mache. Ich freue mich, wenn ich heute noch spazieren gehen darf oder mich im Supermarkt mit Freunden verabreden kann. Es sind die kleinen Dinge, die heute Glück bedeuten. Das Internet ist voll von Angeboten der Zerstreuung: Die Yogastunde am Morgen, Konzerte und Lesungen im Livestream oder das virtuelle Kochstudio am Wochenende für Freunde von Freunden. Doch kann die digitale Mobilisierung nicht darüber hinwegtrösten, was wir alles verloren haben: unsere Freiheit. Und mich quält die Angst, wie lange dieser Ausnahmezustand noch anhalten wird. Es ist die Angst vor den negativen Gefühlen, die Langeweile, die Niedergeschlagenheit und Lustlosigkeit. Wenn die Hausarbeit so unerträglich anstrengend wird, was einem früher so schnell von der Hand ging.

Wie wird sie aussehen, die Zeit danach: der Einbruch der Wirtschaft wird massiv sein. Ruinierte Existenzen allerorten. Wird mein Lieblingslokal wieder öffnen, in welchem ich in den Sommermonaten so gerne draußen auf der Terrasse bei einem Bier sitze. Oder meine Lieblingsbuchhandlung? Ich denke an Freunde und Bekannte, die in der freien Kunst- und Kulturszene unterwegs sind, und nun, da sie kein Einkommen mehr haben, vermutlich den schweren Gang zum Amt antreten müssen um Hartz IV zu beantragen. Was wird aus Europa? Kommt Italien aus der Krise oder müssen wir uns fürchten vor dem Faschisten Savini, der nur auf seine Chance wartet. Wie umgehen mit Ungarn, wo Viktor Orban das Parlament ausgeschaltet hat und geradewegs in eine Diktatur schlittert. Wir werden etwas Neues erleben, einen neuen Anfang, aber welchen, das können wir jetzt noch nicht wissen.

16:11 08.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

René Korth

freier Autor, der über Kultur, Gesellschaft und Politik schreibt
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