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RE: Wir sind Getriebene | 15.04.2018 | 10:49

Warum wird "Zwang zum Wachstum" nicht angemessen verstanden?

Etwa antwortet oben Maximilianspapa dem Frank Linnhoff auf das Zitat: "Eine geschlossene Volkswirtschaft könnte sich dem Zwang zum Wachstum entziehen, wenn dies denn tatsächlich politisch gewollt wäre":

"Wenn das denn so einfach wäre. Dies hiese im Endeffekt ja auch, die Vernetzung/freie Kommunikation mit der "übrigen" Welt aufzugeben. Ein solches Projekt ist selbst im dörflichen Rahmen nicht (mehr) umsetzbar. Hier fehlt es schon an der Homogenität der Bewohner. Um aus diesem Trott auszubrechen und autark ein neues Lebens- und Wirtschaftsmodell zu erproben, müsste der Einfluß des Staates (Schulpflicht der Kinder/Krankenversicherungspflicht/Steuerpflicht/evtl. auch Wehrpflicht ...) ausgeschaltet werden, und auch eine autarkie von Energieversorgern und medizinischer Versorgung sichergestellt sein. Im Westeuropa, und selbst in Sibirien, so nicht mehr möglich."

Und genau da liegt doch der Hase im Pfeffer. Wachstum liegt auf eine derart systematische Weise dem kapitalistischen System zugrunde, dass dieser vermeintlich subversive Subsistenz-Utopismus, eine freiwillige Rückkehr in eine Art vermeintlich "natürliche" Steinzeit, als Hoffnungsschimmer erscheinen kann. Dabei ist bereits der Verfall in autoritäre Nicht-mehr-so-ganz-Demokratien ein Resultat eines eingefrorenen - also in seinem Wachstum eingeschränkten - Kapitalismus. Also die Richtung des Verfalls und diese vermeintliche Utopie können auch als zwei Seiten einer Medaille gesehen werden.

Jedenfalls den Wachstumzwang zu ignorieren heißt auch zu ignorieren, dass alle Errungenschaften der modernen Lebensweise, der Aufklärung, des Fortschritts, der Menschenrechte, der Demokratie auch daran hängen. Die Alternative besteht nicht darin, zu einem Punkt X zurückzukehren, an welchem vermeintlich eine falsche Abzweigung genommen wurde. Statt das Experiment, global zusammen in einem System verortet zu sein, aufzugeben, müsste doch ein alternatives System die Utopie sein, nicht die Rückkehr zur Freiheit vom Systemischen.

RE: Die Bewohnbarkeit der Erde sichern | 04.07.2017 | 18:51

Eine weitere kleine Besprechung der Anthologie. Wer den Teil zur Religionsstatistik überspringen möchte, setze bei der Zwischenüberschrift "Spaltung der Gesellschaft..." ein:

http://www.remid.de/blog/2017/05/trendreport-2017-migration-rezession-regression-und-ressentiment/

RE: Wir hatten es doch geschafft | 28.06.2017 | 12:55

"Werteverfall" gehört in Anführungszeichen.

RE: Wir hatten es doch geschafft | 28.06.2017 | 12:20

Ich stimme Dir in den meisten Punkten zu: Der Versuch, Eribon nachzuempfinden misslingt insofern ein wenig, als dass ein irgendwie gemäßigter Kapitalismus der Siebziger in Westdeutschland verklärt wird (mit einer kleinen väterlichen Spur von Anti-Ostalgie) und zudem an der Konstruktion einer dann bloß "kulturellen" Linken mitgeschrieben wird, diejenige Verdrehung von Ursache und Wirkung übernehmend, mit welcher die neuen Rechten den 1968ern und dem durch sie eingeleiteten Werteverfall die Schuld für die Misere in die Schuhe schieben wollen. Übernommen werden ebenda auch Ideen von Volksinteressen, ein angebliches Gemeinwohl, welches Sonderinteressen geopfert würde. Es wird verkannt, wie wichtig Emanzipation weiterhin ist, und dass mehr diese Dimension der linken Bewegungen des 20. Jh. übriggeblieben ist, insofern die Entmachtungen der Gewerkschaften durchaus ein Faktor ist. Allerdings anderherum wird ein Schuh draus: Im Grunde war der Nationalstaat ein kapitalistischer Sonderfall, ein Zwischenschritt, am Leben erhalten durch den Ost-West-Gegensatz der Blockmächte und die reale Angst vorm politischen Gegner - und ja, insofern sind wir ein wenig "wie" im 19. Jahrhundert. Dabei ist die Verlagerung von Produktion an andere Standorte nur ein Faktor unter vielen. Also ja, Magda, ich stimme Ihnen in allen Punkten zu, nur nicht am Schluss: Sie ordnen sich einer älteren Generation zu und dass sie bescheiden lebend zufrieden seiend. Und ich verstehe demgegenüber die Unzufriedenheit und finde, sie müsste zu einer emanzipierten Form der Artikulation finden. Und ja, sie hat vermutlich auch simpel oft mit Verlust von (weißen männlichen) Privilegien zu tun, also etwa der von Ihnen erwähnten Entwicklung, dass es in Tendenz schwieriger bis unmöglich wird für viele junge Menschen, von ihrem Gehalt potenziell als Alleinversorger eine Familie zu ernähren. Aus der Perspektive derjenigen, die zu vor nicht in der Lage waren, sich überhaupt potenziell selbst zu ernähren, ist es gut, dass sie es heute eher können. Trotzdem finde ich den alten Anspruch auf höhere Gehälter nicht per se schlecht. Das Ziel der Emanzipation sollte ja nicht die Befreiung von Privilegien (dann für niemanden) sein, sondern die Teilhabe aller an ihnen. Nungut, aber lassen wir das mit der Lohnentwicklung seit den Krisen der 1970er mal raus, und sehen uns die aktuelle Situation an. Viele junge Männer* in ihren prekären, aber vielleicht im Moment ausreichenden Verhältnissen scheinen unzufrieden. Sie verbinden das mit dem Privilegienverlust, keine Familie mehr ernähern zu können, und schieben das wem auch immer in die Schuhe. Und offenbar - das ist jetzt nicht biologistisch oder psychoanalytisch gemeint - haben sie weniger Sex (Studie eigentlich nicht auf Studierende beschränkt: http://www.lvz.de/Specials/Themenspecials/Campus-Online/Lehre-Forschung/Junge-Singles-haben-weniger-Sex-als-frueher). Es geht dabei nicht darum, irgendwelche behauptet "natürlichen" "Notwendigkeiten" zu behaupten, gerade Priester können sehr alt werden und dabei gesundbleiben, aber ich würde auch nicht soweit gehen, ein Interesse am Ausleben von Sexualität und damit überhaupt den Bedingungen der Möglichkeit, eine sexuelle Identität zu entwickeln, irgendwem abzusprechen, also auch nicht weißen heterosexuellen Männern* (die im Falle des Falles ihre potenzielle Nicht-Heterosexualität ja auch eher entdecken, wenn sie sexuell irgendwie aktiv sind). Jedenfalls weniger als die Eltern zu verdienen, in einer halben Abhängigkeit (im Ernstfall z.B. einer größeren Rechnung) zu bleiben, erscheint als Loser-Image, manche Medien sprechen über die neuen "Boys", es wird weniger als Privilegienverlust, sondern eher als Attraktivitätsverlust erlebt. Diese geht mit Marginalisierung und sozialer Isolation einher. Dabei sind die Dauer-Singles, mit denen der oder die früher zu tun hatte und sie dann aus den Augen verlor, vermutlich nur das Gipfelstadium dieser Verlustgefühle, denen eine eschatologisch aufgeladene Idee von "Normalität" gegenübergestellt wird. Zwar kann in diesem Frust bewusst werden, dass - wäre mann* attraktiv (bzw. attraktiver, weniger "Loser") - die Reinszenierung einer traditionellen Kleinfamilie alles andere als links oder emanzipatorisch ist, aber trotzdem bleibt die Frage auch rein monetär bzw. rechnerisch, wie sich die häufige Realität umgehen ließe, dass Kinder häufig auch liberale oder linke Paare retraditionalisieren oder - aus vorher angedachten Ist-Beständen heraus gar nicht erst entstehen. Und nochmal, es geht nicht darum, politische Einstellungen mit sexuellem Frust zu erklären, aber es besteht ein Selbstbild eines bestimmten Milieus, welches auch eine sowohl sexuelle wie auch beziehungsbezogene Dimension hat, einschließlich der potenziellen hinzukommenden (falschen) Schuldzuweisungen. Auch geht es nicht darum, traditionellen Konzeptionen von Familien das Wort zu reden oder eine Relevanz der Geburtenzahlen zu behaupten (die wiederum ein nationalistisches Interesse wäre). Aber es ist auch verkürzt, die Möglichkeit eines Kindes per se politisch einzuordnen. Mir sind Linke bekannt, die Kinderkriegen per se als etwas Konservatives ansehen. Und das spiegelt sich in dem konservativen FAZ-Autoren (zitiert nach http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gleichstellung-die-gender-allergie-a-1154683.html): "In einem Kommentar zum Gleichstellungsbericht stellte dann 'FAZ.net'-Redakteur Christopher Schäfer fest: 'Gender-Gejammer'! Die Familienministerin singe ein 'Klagelied' über etwas, 'was ohnehin schon jeder weiß", und es sei ja auch richtig, dass noch keine Gerechtigkeit herrsche, aber: "Allerdings gehen im Gejammer über Gender-Gaps und mathematisch berechnete Verwirklichungschancen ein paar banale Wahrheiten unter: 1. Es wird in Deutschland kein junger Mensch gezwungen, die Weichen auf einen schlecht bezahlten Beruf zu stellen. 2. Es gibt keinen Zwang zu heiraten. 3. Es gibt keinen Zwang, Kinder zu bekommen. 4. Es gibt keinen Zwang, sich die Arbeit mit dem Partner nach der Geburt so aufzuteilen, dass ausschließlich die Frau ihre Erwerbsarbeit reduziert.'" Sind nicht diese beide Positionen grotesk? Zumal Kinder auch bei guter "Kontrolle" trotzdem entstehen können, es gibt keine hundertprozentige "Sicherheit". Auch die bürgerliche Kleinfamilie war ein kapitalistischer Sonderfall, weder sie, noch vorherige Misshandlungspraxen bezüglich der Verhältnisse von Herren und Knechten und insbesondere Mägden sind wünschenswert in ihrer Restitution. Und im übrigen ist es auch, wenn ein Paar nicht heiratet oder mindestens ein Kind etwas Patchwork mitbringt, auch bei der Ehe für alle, immer noch eine bürgerliche Kleinfamilie. Und auch Kommune-Fans vergessen gerne, dass in einer solchen oft auch traditionelle Geschlecherrollen gelebt wurden und werden (auch da es in den seltensten Fällen gelingt, tatsächlich völlig autark per Subsistenzwirtschaft zu bestehen und daher externe Berufstätigkeiten nötig bleiben), was hier und auch in vielen urbanen linken Milieus stattfindet, ist höchstens eine leichte Aufweichung der Monogamie. Es geht auch nicht um Vorwürfe, etwa in der Art des Faz-Autoren, wessen Entscheidungen auch immer zu kritisieren (für oder gegem was auch immer). Statt den (rechten) antifeministischen Maskulisten auf den Leim zu gehen, welche ein "Recht auf Sexualität" einfordern, während sie die Vergewaltigungs- und Belästigungsvideos von Pickup-Artisten empfehlen, wäre es sinnvoll, grundlegender die Verhältnisse zu kritisieren, die eben auch ein essenzialistisches Männerbild enthalten, das noch eine viel breitere Bedeutung hat, als Diskurse um toxische Männlichkeit vermuten lassen. Also statt den "Problemjugendlichen" (z.B.) ins Zentrum einer bloß bürgerlichen Kritik zu stellen (der ja auch nicht gerade viele Privilegien und Hegemonie im Diskurs haben dürfte), müsste doch ein linker emanzipatorischer Ansatz die Verhältnisse betrachten, und da ist eben auch die Feststellung möglich, dass die meisten eigentlich noch derart konservativ zu leben gewöhnt sind, dass sie eigentlich noch keine tatsächlich radikalen Alternativen entwickelt haben, da sie aber eben - im Idealfall - alternativ und modern sein wollen, darüber schweigen und ihre unkreative Unfähigkeit bedauern (oder eben einen beliebigen Schuldigen für eine eigentlich garantiert nicht persönlich von irgendwem zu verantwortende strukturelle Problematik der Erosion bestimmter Begleiterscheinungen des Industriekapitalismus).

RE: Jenseits der Mauern | 29.01.2017 | 23:18

@Tiefendenker: Bitte an der Stelle mal konkret werden: "Abschaffung der Warenform".

RE: Aufschrei im Abendland | 08.11.2015 | 09:16

Wenn Frau Schwarzer behauptet, "sexuelle Übergriffe [seien] an der Tagesordnung", dann fährt sie sehr richtig im "rechten Fahrwasser", da allein diese Sentenz folgende Eigenschaften hat:

1. Der Satz suggeriert, sexuelle Übergriffe wären häufiger als in der Normalbevölkerung; damit wird

2. der rechten Tendenz zur erfundenen Falschmeldung Rechnung getragen, wie sich ja auch hier welche in den Kommentaren verrennen, indem sie zunächst behaupten, die Statistik würde dies oder jenes behaupten, aber ohne eine entsprechende Statistik auf Nachfrage liefern zu können. Außerdem wird damit

3. der muslimische Mann als besonders dazu anfällig beschrieben. Und vielleicht ist es nötig, darauf hinzuweisen, dass das auch die Kritik, nach der muslimische Familienoberhäupter ein patriarchales Selbstverständnis haben (sollen), weit in den Schatten stellt. So sehr Kritik an einem konservativen Weltbild sinnvoll ist, würde es doch jeder unsinnig finden, etwa den Legionären Christi, denen Birgit Kelle nahesteht, eine ähnliche Tendenz zu sexuellen Übergriffen pauschal zu unterstellen.

RE: Wer glaubt schon an Gott? | 05.02.2015 | 00:52

Die Überwindung sogenannter "essenzialistischer" Religionsbegriffe (Das Wesen der Religion ist...) brachte in einer "funktionalistisch" genannten Manier diverse Vorschläge von Kategorien bzw. hier "Dimensionen". Es handelt sich dabei nicht um ein wertendes Unterfangen, allerdings je nach Weite der Dimensionen eignen sie auch für um so mehr, was manchem auf dem ersten Blick kaum religiös erscheint. Die bekanntesten Beispiele sind Fußball, Kommunismus und Nationalismus, wo es inzwischen nicht nur Religionsvergleiche diverser Intelligibilität gibt, sondern sogar religionswissenschaftliche Analysen über diese Religionsvergleiche. Sicherlich kann es sich dabei um bloße religionskritisch gedachte Polemik gehen bzw. um Polemik, die sich der Religionskritik - und ihres Erfolges - bedient. Aber ich denke, es greift zu kurz, z.B. das im Artikel erwähnte Fragment Walter Benjamins darauf zu reduzieren. Zumal es ja tatsächlich keine religionswissenschaftlich einfache Frage ist, wo der Religionsvergleich aufhört und mit einem mehr oder weniger weiten Religionsbegriff eben "Religion" beginnt. Allerdings ist - je nachdem, welches Bild man sich von den Kategorien / Teilelementen / Dimensionen des Religiösen macht - auch nicht viel dadurch gewonnen, bloß zu sagen, man kann den Kommunismus, den Neoliberalismus, den Fußball, den Atheismus oder die romantische Liebe als Religion beschreiben. Die Frage ist doch eher, ob durch diesen Blickwinkel neue Erkenntnisse ermöglicht werden.

RE: Deutsche Flüchtlingspolitik erregt Aufruhr | 27.06.2014 | 10:01

Hier finden sich eine Beurteilung der Situation und Vorschläge an die Politik durch eine namhafte Kirchenasylbewegte:

Interview zur Kirchenasylbewegung mit Fanny Dethloff:"Jeder Einzelfall zählt!"

RE: A-Z Linke Christen | 24.12.2013 | 08:53

Danke für diese Zusammenstellung.

Wer mehr zur Befreiungstheologie wissen will, wir hatten mal ein Interview mit Prof. Gerstenberger gemacht.

Eine nicht nur vertiefende Ergänzung ist aber die Geschichte christlich inspirierter Frühsozialismen in Frankreich: “Le Christianisme c’est le Communisme”: Sozialismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts.