Links als Weltanschauung

Weltanschauung Von "Linken" ist gerade viel die Rede. Aber es gibt ein Definitionsproblem. Ein unorthodoxer Vergleich.
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Von "Linken" ist gerade viel die Rede. Die einen fragen, wo sie bleiben, wo doch ihre Stunde eigentlich geschlagen habe. Die anderen sehen ein "linkes" Establishment am systemischen Werk, das 1968 die Macht ergriffen habe. Dabei gibt es in der Tat ein Problem mit der Definition.

Digitale Selbstaufklärung: Was ist links?

Sucht man danach, scheint die Bundeszentrale für politische Bildung eine erste gute Adresse. Dort findet sich ein Artikel, dessen Kernbotschaft lautet: "Die heutige Verwendung der Begriffe ist teilweise verwirrend". Der Auszug aus Eckart Thurich: pocket politik. Demokratie in Deutschland gibt daraufhin "die Meinungsforscherin Noelle-Neumann" wieder:

"Als linke Werte gelten danach: Gleichheit, Gerechtigkeit, Nähe, Wärme, Formlosigkeit, das 'Du', Spontaneität, das Internationale und Kosmopolitische. Ihnen stehen als rechte Werte gegenüber: Betonung der Unterschiede, Autorität, Distanz, geregelte Umgangsformen, das 'Sie', Disziplin, das Nationale. In der Wirtschaft sind linke Werte: staatliche Planung, öffentliche Kontrolle, rechte Werte: Privatwirtschaft und Wettbewerb."

Auf der ersten Seite der Google-Treffer landet auch das rechtsextreme alternative Blog Pi-News (man suche selbst):

"Wer wirtschaftspolitisch links steht, ist der Überzeugung, dass der Staat gut mit Geld umgehen kann und deswegen viel Geld bekommen, umverteilen und ausgeben sollte. [...]

Wer wirtschaftspolitisch rechts steht, ist der Überzeugung, dass der Staat weniger gut mit Geld umgehen kann und deswegen möglichst viel Geld bei den Bürgern bleiben sollte, die es sinnvoller einsetzen."

Nahezu alle bringen eine Variante der historischen Anekdote über das französische Revolutionsparlament, prominent in der Trefferliste etwa Matthias Wetzel im Lexikon helles-koepfchen.de:

"Auf der linken Seite des Parlamentes saßen damals die Anhänger der Republik und Politiker, die dafür kämpften, dass alle Bürger die gleichen Rechte haben sollten. Auf den Plätzen rechts im Parlament saßen dagegen Politiker, die lieber den französischen König behalten wollten und der Meinung waren, dass es gerecht sei, wenn unterschiedliche Menschen auch verschiedene Rechte und Freiheiten hätten".

Auch die verschiedenen Abschnitte des Wikipedia-Artikels schwanken zwischen Gleichsetzung mit dem Liberalimus und Verweis auf die Traditionsfamilien Sozialismus und Anarchismus.

Etwas Aufklärung bringen zunächst Portale wie politicalcompass.org, die allerdings in deutschsprachigen Suchmaschinenergebnissen vergeblich gesucht werden. Dort besteht auch die Möglichkeit per Fragebogen den eigenen politischen Standort zu zertifizieren. In diversen länderbezogenen Beispielen werden z.B. Kandidaten einer Wahl in ein zweidimensionales Schema einsortiert als mehr oder weniger links bzw. rechts auf der einen und als mehr oder weniger autoritär bzw. 'liberal' auf der anderen Seite (im Englischen "authoritarian" versus "libertarian").

Wahlweise verschwindet die Linke also im Liberalismus oder der Liberalimus als eigene Weltanschauung im Links-Rechts-Schema. Wie als ob es sich ähnlich wie bei Quanten- und Relativitätstheorie in der Physik verhielte, scheint es keine allumfassende Theorie zu geben. Oder zumindest keine, die entsprechend omnipräsent rezipiert würde.

Selbst innerhalb der Linken besteht seit jeher eine Debatte darum, was "links" sei. "Schon in den 1920er Jahren sammelte der Soziologe Werner Sombart 260 Definitionen von Sozialismus" gehört zur Erstinformation des Menschen im digitalen Zeitalter, die oder der sich beginnt, für "Sozialismus" zu interessieren.

Noch vor dem ersten Klick auf ein Suchergebnis verrät ihr oder ihm aber Google:

So·zi·a·lịs·mus

Substantiv [der]

  1. (in den Theorien von Marx und Engels) die dem Kommunismus vorausgehende gesellschaftliche Entwicklungsstufe in Form einer Gesellschaft, die auf Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit basiert, in der es keinen Privatbesitz an den wichtigsten Produktionsmitteln, keine Ausbeutung der Arbeiter und keine Bevormundung bei der Güterverteilung mehr gibt.

  2. der tatsächlich existierende Sozialismus (zum Beispiel in den Ländern des ehemaligen Ostblocks), der für den gesellschaftlichen Besitz der Produktionsmittel und die Kontrolle bei der Warenproduktion und -verteilung eintritt.

Die "wahre" Linke: Es gibt kein Wesen der Religion

Im Grunde besteht hier ein Problem, das möglicherweise den Definitionsproblemen innerhalb der Religionswissenschaft sehr ähnlich ist. In der Öffentlichkeit wird diese Frage aktuell häufig berüht, wenn es darum geht zu sagen, was ist der Islam. Essenzialistisch aufgeladene Islambegriffe bestimmen die Debatte, nach denen es zum "Wesen" des Islam gehöre, entweder besonders mit Gewalt verbunden zu sein oder andersherum das gerade nicht. Aus so einem Wesensstreit ist die Religionswissenschaft überhaupt hervorgegangen, insofern sie sich zunächst von der Theologie emanzipierte, um dann mit der phänomenologischen Schule in den eigenen Reihen über die Definition von "Religion" zu streiten. Was ist wahre Religion? Diese Frage zu beantworten führt notwendig zu Diskriminierung. Denn sie impliziert die Gegenfrage: Was ist gerade keine wahre Religion? Das heißt: Was ist eine falsche Religion? Noch heute ist es beliebt, ein moralisches Porträt religiöser Experten einer Minderheit als Argument gegen deren religiöse Ideen ins Feld zu führen. So unterscheiden viele Religionsstifter von fanatischen bis charismatischen Sektenführer_innen, als ob es jenseits der deutlichen moralischen Wertung ein objektives Kriterium der Unterscheidung gäbe. Gerade das Phänomen neuer religiöser Bewegungen, aber auch die transreligiösen Prozesse außerhalb Europas führten in der Religionswissenschaft zu einer grundlegenden Reflexion von denjenigen Begriffen, mit denen bislang im "Westen" über Religionen gesprochen wurde.

Die Frage nach einer Definition von "Religion(en)" soll hier nicht weiter von Relevanz sein. Es geht gerade nicht darum, mit einem herkömmlich aufgeladenen Religionsbegriff den Sozialismus z.B. oder auch den Liberalismus als eigentliche Glaubenssysteme zu "entlarven". Vielmehr steht der Weltanschauungscharakter der politischen Anschauungen im Zentrum des Interesses, gerade wenn sie zu einer Vergemeinschaftung jenseits von Parteien, bloßen Bürgerrechtsvereinen und sogenannten Think Tanks führen. Also wenn sie den Bereich des Politischen transzendieren und in die Nähe einer auf die "Totalität des Wirklichen in seiner Bezogenheit auf das letzte Erklärungsprinzip und auf den ‚anschauenden‘ Menschen selbst gerichtete[n] Einstellung [kommen], die zu einer das Leben, Handeln und Werten bestimmenden geistigen Haltung wird" (J. Edgar Bauer im Handwörterbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Artikel "Weltanschauung", Band V, 2001, S. 351-354, Zitat S. 352). Der Begriff der "Totalität" hat dabei denselben subjektiven Beigeschmack wie der des "Wesens". Trotzdem soll im Folgenden von den "Weltanschauungen" Sozialismus und Liberalismus die Rede sein.

Nun geht es aber dennoch erst einmal um "den Islam". Haben Sie schonmal den Satz "Es gibt nicht den Islam, sondern viele Islame" gehört? Auch er resultiert aus obigen Überlegungen und der Verwerfung eines "Wesens" des Islam. Da es an dieser Stelle zu weitschweifig wäre zu fragen, inwiefern die Unterschiede zwischen z.B. türkischen Alevit_innen und Sunnit_innen substanziell (Aristoteles) bzw. essenziell (Kant) oder lediglich akzidenziell sind, sei stattdessen eine - im übrigen von Theologen formulierte - Nicht-Definition des Christentums angeführt:

„Das Christentum kann immer nur von einem konfessionellen Standpunkt aus beschrieben werden (als katholisch, protestantisch, lutherisch, calvinistisch, orthodox, freikirchlich ...). Es gibt nicht ein einziges ‚spezifisches‘ Merkmal des Christentums,sondern nur ein ‚Ensemble von Merkmalen‘. Innertheologisch [nicht religionswissenschaftlich; Anm. C.W.] ist zu beachten, dass das innerste Wesen des Christentums nur im Lichte des Glaubens selbst erhellt werden kann und es somit keine ‚Formel‘ und keine ‚abstrakte Wesensdefinition‘ des Christentums gibt.“ (Aus:Impulsreferat zur Wochenendtagung von „Katholisch-Liberalem Arbeitskreis“ (KLAK) und „Evangelisch-Liberalem Gesprächskreis in Bayern“ (ELGB), Bamberg, 3. und 4. November 2007, „Wie christlich ist Europa? Über das Christliche im Abendland“, zit. nach C.W.: "Die religionspolitische Dimension von Statistik").

Die Geschichte des Christentums (und nicht nur diese) ist von Anfang an eine Abfolge von Diversifikationen. Es gibt heute tausende christliche Kirchen. Noch größer wird die Zahl, rechnet man sämtliche historische Erscheinungen hinzu. Ein sehr weitläufiges Bekenntnis, das die katholischen, altorientalischen, orthodoxen und die meisten protestantischen Kirchen akzeptieren, ist das Bekenntnis von Nicäa (relevanter in der Praxis ist aber das spätere Nicäno-Konstantinopolitanum, das aber die altorientalischen Kirchen ausschließt). Außerhalb dessen stehen zum Beispiel die antitrinitarischen Zeugen Jehovas. Der durchaus bestehende Streit, ob die Zeugen Christ_innen sind, ist aber allein deshalb bereits scheinheilig, weil unterschlagen wird, dass bei historischen Beispielen von Antitrinitarismus, also Ablehnung der Dreifaltigkeitslehre, niemand das Christlichsein der damaligen Gruppierungen anzweifelt. Das bekannteste Beispiel ist der Arianismus. Die beiden oben genannten Bekenntnisse wurden damals fomuliert, gerade um antitrinitarische Strömungen auszuschließen.

Trotzdem ist es pragmatisch notwendig, irgendwann eine Grenze zu ziehen, und etwas nicht mehr der Traditionsfamilie "Christentum" zuzuordnen. Meistens dann, wenn mehrere Traditionsfamilien zur Auswahl stehen und man nicht bloß von der Übernahme eines Elementes sprechen kann, einer bereits im Katholizismus gängigen Praxis. Die "Christengemeinschaft" ist zuerst Anthroposophie, Theosophie. Auch die "Häufig gestellten Fragen" der Vereinigungskirche oder Tongil-Gyo Vereinigungsbewegung oder The Holy Spirit Association for the Unification of World Christianity bzw. in Deutschland heute "Familienförderation für Weltfrieden und Vereinigung e.V." (oft abwertend "Mun-" oder "Moonsekte" genannt) versuchen nicht mehr, von Christ_innen zu sprechen. Immer geht es um "Mitglieder der Familienföderation". Stattdessen wird deutlich ein neureligiöser Anspruch formuliert:

"Um eine Welt des Bösen und der Korruption zu überwinden, hat Gott einen neuen Ausdruck der Wahrheit offenbart, der die historischen Religionen, die Wissenschaft und die Philosophie vereinen kann" (Frage "Glauben Mitglieder der Familienföderation, dass das Böse und die Korruption in dieser Welt überwunden werden können?").

Fazit

Zurück zu den Weltanschauungen. Zurück zu Sozialismus und Liberalismus und ihren Vergemeinschaftungsformen. Um was handelt es sich bei den seit 2013 immer zahlreicher werdenden „Hayek-Clubs“ (48 Stand 2015, heute als Karten-Application)? Die Geschäftstelle leitet Gerd Habermann, der in der Welt schreibt: "Es gibt eben nur die eine und ungeteilte Freiheit" ("Liberal ist alternativlos", 5. März 2013). Was ist mit zum Beispiel

"diversen ‚linke‘ Kleingruppen wie de[m] Gegenstandpunkt (Verlag mit Gruppenkultur, marxistische ‚destruktive‘ Kritik, [...]; Anhänger laut VS 2014-5: 3.500; 2013: 4.000; 2012: 5.000; 2011: 7.000), de[m] Verein zur Förderung des dialektischen Denkens e.V. ([...]) oder der Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung e.V. (Zeitschrift 'Streitbarer Materialismus', verbunden mit 'Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD')?" (REMID: Mitgliederzahlen, Organisierte Konfessionsfreie).

Eine Anregung für die Zukunft könnte jedenfalls sein, auch die großen politischen Denkschulen analog zu Religionen als Weltanschauungen mit jeweiligem Traditionskontinuum zu betrachten. Normative Bestimmungen eines 'wahren' Liberalismus oder 'wahren' Sozialismus gehören dann als diskursives Geplänkel zum Untersuchungsgegenstand. Und darin steckt auch eine Chance, dass sich die eingangs beschriebenen Probleme bei einer digitalen Selbstaufklärung allmählich verbessern.

Christoph Wagenseil

14:05 15.03.2017
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Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e.V.
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