Müll aus leidenschaft

Alltag Berliner Abende

Es ist Samstag - der Kühlschrank leer, die Leere-Flaschen- und Papierkörbe voll. Wir fahren zum Recyclinghof mit dem schönen Motto: "BSR. Dienstleistung. Aus Leidenschaft." Schon 100 Meter vor der Einfahrt stoppt der Verkehr. Schritttempo, Stoßstange an Stoßstange begehrt eine ganze Gesellschaft von Müllproduzenten Einlass. Derweil begutachten geschäftstüchtige Männer und Frauen mit Migrationshintergrund den zur Disposition stehenden Müll, der in den vollgestopften Autos lagert. Wenn ihnen etwas gefällt, lassen sie daran keinen Zweifel. Der jeweilige Autofahrer klettert dann brav aus seinem Gefährt und rückt heraus, was er eh nicht mehr gebrauchen kann. Aber bitte nur einmal. Im Auto vor uns wird ein passabler Hocker gesichtet. Bereitwillig herausgehoben, findet er plötzlich kein Gefallen mehr. Der fremde Vorsortierer wendet sich ab. Also Hocker wieder einpacken, weiterfahren.

Als ein paar Meter weiter der nächste Interessent auf den Hocker zeigt, hat er keine Chance. Die Besitzerin steckt ihren Kopf zur Beifahrertür raus und sagt barsch: "Der da vorne hat dat jute Stück nich jewollt, jetzt bleibta im Auto, Feierabend." Wir haben nur Pappe, Papier, Flaschen und leere Druckerpatronen. Fast schämen wir uns, mit so wenig lukrativem Müll hier in der Reihe zu stehen. Wir fühlen uns als Müllproduzenten zweiter Klasse, keiner zeigt Interesse an unseren Mitbringseln. Rümpft da gar hinter unserem Rücken einer die Nase?

Endlich ist es geschafft, wir sind auf dem Recyclinghof angekommen. Ein Mann in BSR-orangener Latzhose kontrolliert die Nummernschilder. Schließlich dürfen hier nur Berliner ihren Müll abladen und auch nur ihren Berliner Müll, denn den finanzieren sie, zu einem gewissen Teil jedenfalls, mit ihren Müllgebühren. Mit halbem Auge guckt er in unser Auto. B. sagt, was er an dieser Stelle immer sagt: "Pappe, Papier, Flaschen ... wir wissen Bescheid." Das soll heißen, der Mann in Orange kann sitzenbleiben, wir finden die entsprechenden Behältnisse zum Entsorgen allein. Großzügig winkt er uns durch.

Auf einem riesigen Areal stehen, fein säuberlich aufgereiht, Container für fast jede Art Müll, die ein Mensch zu produzieren imstande ist. Elektroschrott, CDs, Sperrmüll, Verpackungen, Baum- und Strauchschnitt, Altreifen, Akten und noch vieles mehr. Was hier abgelegt wird, ist von Minute an Eigentum der BSR. Wiederholen ist gestohlen! Im verbindlichen Benutzerordnungsdeutsch heißt das: "Die Entnahme von Gegenständen aus dem Container sowie die Rücknahme von Abfällen nach erfolgter Bezahlung ist nicht möglich." Also, wenn ich für meinen Müll bezahlt habe, gehört er mir dann nicht mehr. Eigentlich logisch, oder?

Wir parken das Auto und gehen unsere gewohnten Wege. B. schüttet den Inhalt dreier Papierkörbe in den Schlund eines riesigen Reißwolfs. Auf meinem Gang zu den Flaschencontainern für Grün-, Braun- und Weißglas beobachte ich, wie eine zarte Frau an einem klobigen Sessel klebt, den sie Zentimeter für Zentimeter in einen begehbaren Container wuchtet, gleich hat sie es geschafft. Ein muskelbepackter BSR-Mann guckt seelenruhig zu und fragt schließlich: "Na, geht´s?" Wie war doch gleich das Motto? Richtig. "BSR. Dienstleistung. Aus Leidenschaft."

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