Von Zwängen und Neurosen

IRREFÜHREND "Unter Freundinnen" - reduzierte Frauenportraits von Isabella Bossi Fedrigotti

Ich nehme es vorweg: Das Reizvollste an dem hier zu besprechenden Buch ist seine äußere Hülle. Ein zarter, nackter Frauenrücken und seine rundlichen Verlängerungen, liegend, auf rotem Tuch.(*) Die Innenseite desselben Umschlags scheint dagegen eine Mogelpackung. Versprochen werden Portraits attraktiver, erfolgreicher, mitten im Leben stehender Frauen, raffiniert und mit spitzer Feder inszeniert.

Langatmig und zum Teil umständlich beschrieben werden Frauen mit mehr oder weniger neurotischen Zwängen. Es handelt sich um Freundinnen, so jedenfalls lässt es der Titel des neuen Buches von Isabella Bossi Fedrigotti vermuten. Worin ihre Gemeinsamkeiten, ihre Anknüpfungspunkte, das sie Verbindende besteht, bleibt allerdings das Geheimnis der Italienerin.

Da gibt es Cristina, die aufblüht, wenn es anderen in ihrem Umfeld schlecht geht; die sich hingebungsvoll aufopfert und auch überraschende Dienstleistungen unterhalb der männlichen Gürtellinie, wie selbstverständlich, in ihren Service einbaut. Wir treffen auf Ludovica, in deren Leben sich alles nur um einen einzigen Mann dreht, was natürlich tragisch endet; begegnen Stefanie, die sich ihrer klammernden Mutter nicht erwehren kann; Amélie, die zum Dienen geboren ist; betrachten Francesca mit den äußerst üppigen Brüsten, die ihr Leben zu dominieren scheinen, beobachten Emanuela auf der immer skurriler werdenden Suche nach dem Traummann. Renata ist erst sechzehn, aber zu groß und dünn und melancholisch. Sie fällt völlig aus dem Rahmen der "Freundinnen". Margherita vom Lande bleibt stets der dienstbare Geist, auch wenn sie über die Haushaltshilfe hinaus längst zur Freundin der Padrona geworden ist. Schließlich gibt es noch Fabrizia, die Mittelschullehrerin mit dem gewaltigen Gesäß, die sich zur Schriftstellerin berufen fühlt, und Emilia, die Kapriziöse und Berechnende.

Jede der Frauen hat ihr spezielles Problem. Das ist realistisch und naturgegeben. Doch jede von ihnen wird ausschließlich darauf reduziert. Das kann, wenn es das Problem "hergibt" sehr lesbar, sogar spannend sein. Beispielsweise, wenn Francescas qualvoller Leidensweg als Frau mit den überquellenden Brüsten beschrieben wird. Wie diese seit ihrer Kindheit zunächst von den Korsettschneiderinnen begrapscht, geknetet, zusammengepresst und mit Kommentaren versehen werden: "Für mich ist es, als hantiere ich mit Brot.". Später übernehmen Männer wie Gianluigi diese Rolle, er "...presste seine Hände auf sie und sah aus, als liefe er nach der Umsegelung der gesamten Erdkugel endlich in den Hafen der Sehnsucht ein.". Immer sind es diese Körperteile, die ihr Leben bestimmen, sie hasst sie, will sie los sein und dann, ganz plötzlich, scheint sie sich mit ihnen zu arrangieren. Das ist überraschend und lässt Analogien zu. Über Francesca hat die Autorin etwas zu erzählen, hier findet sie stimmige Bilder, die Sprache ist fließend, manchmal drastisch.

Das gelingt durchaus nicht in jedem Fall. Gleich die erste Geschichte, in der von Cristina mit dem "Brandlöscher-Syndrom" berichtet wird, wirkt unausgereift, fragmentarisch. Die wörtliche Rede kommt wie ein Fremdkörper daher, und man fragt sich ständig, wer aus welcher Perspektive was, manchmal auch warum, erzählt. Die Figur selbst bleibt ein Rätsel, zwei Kinder, die von der Schule abzuholen sind, werden am Rande erwähnt, mehr erfahren wir nicht. Wovon lebt diese stets einsatzbereite Frau, hat sie einen Mann, geerbt oder bekommt sie Sozialhilfe? Womit verbringt sie ihren Tag, wenn nicht eine Katastrophe sie zu Höchstleistungen treibt? Cristinas Tick ist nicht spannend genug, als dass ich mir diese Fragen beim Lesen nicht stellen würde.

Vielleicht will Isabella Bossi Fedrigotti uns Frauen den Spiegel vorhalten, aber sollten wir uns darin tatsächlich wiedererkennen?

(*) Bildmotiv: "Femme nue couchée de dos sur tapis rouge rosé", Felix Vallotton, 1909.
Isabella Bossi Fedrigotti: Unter Freundinnen. Übersetzt aus dem Italienischen von Monika Lustig. Piper. München Zürich 1999. 180 S., 32,- DM

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