Diskriminierungsfreie Sprache ändert nicht die Welt? Ach was!

Meinung Ob Svenja Flasspöhler oder Alice Schwarzer: Wer sich gegen die Verbannung von N-Wort und rassistischen Straßennamen wehrt, folgt dabei oft einer falschen Fährte in der Argumentation
Ausgabe 12/2023
Sprache hat eben doch Macht
Sprache hat eben doch Macht

Illustration: der Freitag, Material: Adobe Stock

Gleichermaßen hellsichtig wie wortgewandt insistierte jüngst die Philosophin Svenja Flaßpöhler in einer TV-Diskussion: „Aber Sie können doch nicht die Geschichte damit auslöschen, indem Sie das Wort nicht mehr in der Welt haben. Das ist doch magisches Denken!“ Ungleich weniger souverän brüllte ich in den Fernseher: „Aber das ist doch gar nicht der Punkt!“ In Debatten über die ewig junge Frage, „was man noch sagen darf“, ist es ein ständig wiederkehrendes Argument: Die Verbannung diskriminierender Begriffe aus der Sprache ändere nichts an realen Diskriminierungen.

Zu hören ist es typischerweise in Diskussionen über herabwürdigende Bezeichnungen für Minderheiten – so wie das angeführte Zitat, welches in einem Wortgefecht über die Streichung des N-Wortes aus Kinderbüchern fiel. In Stellung gebracht wird das Argument auch, wenn es um problematische Straßennamen geht: „Wer die Mohrenstraße umbenennt, verändert weniger, als er hofft, denn die Wirklichkeit bleibt allen Gerüchten zum Trotz unbeeindruckt davon, wie wir sie nennen“, schrieb etwa Zeit-Redakteur Lars Weisbrod.

Entsprechende Redeweisen sind beim Dauerthema Gendern und neuerdings verstärkt auch in der Transgender-Debatte zu hören. Alice Schwarzer zum Beispiel attestiert Befürworter:innen des Selbstbestimmungsgesetzes „ein quasi magisches Denken“, fast wortgleich wie Spiegel-Korrespondent René Pfister, der diesbezüglich „eine moderne Form des magischen Denkens“ zu erkennen glaubt.

Was steckt hinter dieser auffallenden Fixierung auf das „magische Denken“? Der Begriff stammt aus der Entwicklungspsychologie, bezieht sich auf das Denken von Kleinkindern. Gemeint ist damit jene Phase ab dem zweiten Lebensjahr, in der diese noch nicht in der Lage sind, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden.

Wer „magisch denkt“, hat einen kindlichen Blick auf die Welt, und der soll allen untergeschoben werden, die sich für Minderheiten einsetzen oder inklusive Sprache befürworten. Mit kunstvoll aufgesetztem Erstaunen werden sie befragt, ob sie „wirklich glauben, dass man durch Sprachmagie Gerechtigkeit herstellen kann“?

Rhetorische Figur vom „naiven Gutmenschen“

Der Vorwurf dieses magischen Denkens knüpft nicht nur gezielt an die seit geraumer Zeit weitverbreitete rhetorische Figur vom „naiven Gutmenschen“ an, er soll die Debatte auch vom eigentlichen Thema wegführen. Eine Erinnerung am Beispiel des N-Wortes: Der Begriff soll vermieden werden, da er von Kolonialismus und Sklaverei nicht zu trennen ist und Menschen, die damit bezeichnet werden, diesen als verletzend empfinden.

Das ist ein simpler, einleuchtender Standpunkt, gegen den schwer zu argumentieren ist – also wird eine falsche Fährte gelegt: Antirassist:innen wird unterstellt, sie würden sich von der Umbenennung der Mohrenstraße oder der Streichung des N-Wortes die große Wende im Kampf gegen Rassismus erwarten. Die Diskussion soll in Richtung der komplexen Frage gelenkt werden, wie viel Macht Sprache auf unser Denken nimmt. Dass es tatsächlich nur darum geht, Rücksicht auf eine Minderheit zu nehmen, wird verdrängt. Die grundlegende Botschaft des rhetorischen Ablenkungsmanövers – es ändert sich wenig, wenn rassistische/sexistische/transfeindliche Ausdrucksformen verbannt werden – erweist sich als eindimensional. Für Mitglieder der Dominanzkultur mag es unbedeutend sein, doch für Randgruppen sind es Verbesserungen: Inklusiver Sprachgebrauch lässt sie näher in die Mitte der Gesellschaft rücken. Weniger demütigende Worte in der Sprache bedeuten weniger Demütigungen im Alltag.

Diejenigen, die ihren Gegenparts in solchen Debatten so gerne magisches Denken vorwerfen, scheinen einfach unfähig, die Perspektiven marginalisierter Gruppen anzuerkennen. Sie widerlegen Standpunkte, die niemand vertritt. Ihre Spiegelfechtereien offenbaren dabei am Ende nur ihre eigene Ignoranz.

René Rusch ist Politologe, Fernsehregisseur und Antirassismustrainer in Wien

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