Zwischen Windeln, Drogen und Ratten aller Art

Abgetaucht! Mit dem Abwassersystem öffnen sich Einstiege in eine Parallelwelt, die mehr als nur Gestank und Fäkalien bietet: Miniaturen des modernen Lebens sozusagen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Als ich mich 2002 nach einigen Abstechern in verschiedene Handwerksbereiche entschied, mich dem mit Abstand unbeliebtesten zuzuwenden, war absehbar, dass einiges auf mich zukommen würde. Aber es war dann doch mehr als geahnt. Als Fachmann für Rohrreinigung in Berlin öffnen sich mir immer wieder neue Einstiege in eine Parallelwelt, die oftmals mehr als nur Gestank und Fäkalien bietet: Miniaturen des modernen Lebens sozusagen.

Die Adern von Berlin

Die Berliner Unterwelt durchzieht ein dichtes Kanalisationsnetz mit einer Länge von etwa 10.500 Kilometern, durch das jährlich circa 245 Millionen Kubikmeter Abwasser fließen. Nicht alles was dort landet, gehört da wirklich hin.

Ein sinnverwirrendes Mosaik korallenartiger Ablagerungen bekränzt mit Klopapier, Haaren, Streichhölzern, Medikamentenverpackungen, umsandet mit den Schmiermittel kosmetischer Produkte, umspült von brauner Brühe. In dieser Landschaft ohne Sonne arbeiten Untergang und Verfall ungestört schweigend Hand in Hand, bis sich dann – aus den Augen, aus dem Sinn – wahlweise Feuchttücher, Kondome, Windeln oder auch Versehentliches wie Besteck, Münzen, Ringe bis hin zu Handys darin verfangen und schließlich alles zum unerfreulichen Überlaufen bringen.

Aber das ist nur das Offensichtliche. Neben den immer vertretenen Schmerzmitteln finden jährlich pro 1.000 Bewohner im Durchschnitt 290,6 Milligramm Kokain ihren Weg ins Abwasser, wie eine Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht für das Jahr 2017 ergeben hat. Dabei werden die Substanzen nicht immer pur in den Abfluss gekippt, sondern auch auf natürliche Weise mit dem Urin ausgeschieden.

Wie es wimmelt: Rattenplage in Berlin

Für Betroffene erschreckender sind natürlich die sich in der Kanalisation tummelnden Ratten, vor allem wenn sie – durch Essensreste in der Toilette angelockt – den Weg über die Abwasserleitungen in die eigene Wohnung finden. Auch wenn laut Angaben der Berliner Wasserbetriebe in einigen Teilen der Berliner Kanalisation Rattengift ausgelegt wird, hat Berlin ein Rattenproblem enormen Ausmaßes. Deshalb rief das Landesamt für Gesundheit und Soziales Mitte April dieses Jahres zum Rattengipfel auf, um Maßnahmen gegen die Rattenplage Berlins abzustimmen.

Für alle, die von einer mit Hausmitteln nicht zu beseitigenden Rohrverstopfung betroffen sind, ist aber eine andere Plage noch ärgerlicher. Leider ist in der Branche die Zahl deren, die meinen, sie könnten „aus Scheiße Gold machen“, in den letzten Jahren drastisch gestiegen. In Verstopfungsnot Geratene werden bei Google durch auffällige Anzeigen mit unseriösen Aussagen von deutschlandweit operierenden Auftragsvermittlungsfirmen in die Falle gelockt. Deren heftigen Vermittlungsprovisionen werden dann in überteuerte oder unnötige Leistungen und phantasievolle Aufschläge außerhalb des eigentlich branchenüblichen eingepreist. Am bösen Ende ist der ganze Spaß mindestens doppelt so teuer wie nötig, wie auch die Kabel1 Sendung „Achtung Abzocke“ schön gezeigt hat. Tipps, wie man sich vor solcher Abzocke schützt, finden sich hier.

Nicht selten werde ich gefragt, was mich denn geritten hat, ausgerechnet in der Rohrreinigung zu arbeiten. Ich antworte dann „Einer muss es ja machen“ und wenn erst die Nase immun gegen die vorherrschenden Gerüche geworden ist, kann selbst dieser Beruf Spaß machen.

00:46 23.04.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.