Resubefra
08.10.2012 | 11:27 5

Die Irritation bei asiatischem Webdesign

Kultursache Was unterscheidet asiatisches vom westlichen Webdesign und welche kulturellen Gegebenheiten liegen der Gestaltung zu Grunde?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Resubefra

Warum asiatisches Webdesign Europäer fasziniert und irritiert

In diesem Beitrag vergleichen wir Websites aus Fernost mit denen der westlichen Welt hinsichtlich ihrer Gestaltung und Wirkung. Wir versuchen herauszufinden, inwiefern der asiatische Stil sich vom westlichen unterscheidet, wie er wahrgenommen wird bzw. wahrgenommen werden sollte und welche kulturellen Gegebenheiten der Gestaltung zu Grunde liegen. Bei der Untersuchung der Websites unterscheiden wir zwischen 2 Kategorien:

  1. zwischen Seiten ohne designrelevanten Inhalt, in denen die ästhetische Gestaltung eine untergeordnete Rolle spielt und
  2. zwischen Seiten wie Designblogs und Sites mit fashionrelevantem Inhalt oder ähnlichen, die aus verschiedenen Gründen in einem kreativen Gewand erscheinen wollen.

Zu Anfang werfen wir ein Auge auf typische asiatische Websites und erörtern die Unterschiede zwischen der westlichen Wahrnehmung und der asiatischen, welche eine maßgebliche Rolle dabei spielt, warum Dinge oft missverstanden und falsch bewertet werden.

Beispielwebsites

Um sich ein Bild vom asiatischen Webdesign machen zu können und um vorherrschende Unterschiede selbst zu erfahren und sie auf sich wirken zu lassen, hier eine kleine Auflistung von beliebten Sites.

baidu.com – Chinas Google
sina.com.cn – Chinas Yahoo
china.alibaba.com – Chinas Ebay
rakuten.co.jp – japanischer Online-Shop
china.alibaba.com – koreanische Homepage

Wahrnehmung – Der Unterschied liegt im Detail

In einem Experiment von Masuda und Nisbett wurde Japanern und Amerikanern ein und dasselbe Bild gezeigt, später sollte dies aus der Erinnerung beschrieben werden. Dabei ergab sich, dass Japaner typischerweise Elemente eher visuell verknüpfen und Hintergrunddetails wahrnehmen und sich dabei weniger auf das Hauptelement konzentrieren als die Amerikaner. Diese waren in der Lage, das Hauptobjekt viel detailreicher zu beschreiben, erinnerten sich aber weniger an den Kontext bzw. den Hintergrund des Bildes.

Die Art und Weise, wie Online-Informationen und Inhalte wahrgenommen und verarbeitet werden, ist also sehr unterschiedlich. So wird im westlichen Raum stets ein Blickfang gewünscht, während dies im asiatischen Raum eher als plakativ und flach angesehen wird. Als Beispiel die Seite der deutschen Botschaft in Japan verglichen mit der Seite der japanischen Botschaft in Deutschland. Oder auch die Deutsche Post im Vergleich mit der Japanischen Post.

1. Webdesign „alltäglicher“ Seiten

Besucht man als Westeuropäer beispielsweise diese Jobbörse oder andere gern besuchte östliche Adressen, so fühlt man sich schnell von all den grell-bunten Farben und animierten Bannern und Anzeigen überfordert oder erschlagen (zum Vergleich die Seite der Arbeitsagentur). Derart überfüllte Websites erscheinen für Deutsche nicht nur ungewöhnlich, sondern vollkommen chaotisch und undurchdacht.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass diese Merkmale der Web-Gestaltung weniger darauf zurückzuführen sind, dass asiatische Designer ihr Handwerk nicht beherrschen, bzw. das asiatische Gestaltungsniveau einfach das westliche noch nicht erreicht hat, sondern dass sie auf die kulturellen Unterschiede im Allgemeinen zurückgehen. Der Gestalter ist förmlich dazu gezwungen, die Websites für die asiatische Kultur und Verhaltensweise zu optimieren, denn der asiatische Raum ist nicht auf Prägnanz und Komprimierung fixiert wie der Westen. Wo bei uns bezüglich der Textinformation klare, verständliche Worte oder direkte Kritik gewünscht wird, ist eine derartige Ausdrucksform beispielsweise für Chinesen absolut inakzeptabel. Man umschreibt die Dinge rücksichtsvoll.

Übertragen auf das Webdesign ist es im asiatischen Raum nicht wichtig, dass Inhalte funktionell gegliedert und „häppchenweise“ aufbereitet werden, sondern sie sollen ungefiltert zur Verfügung stehen. Die Reduktion auf das Wesentliche übernimmt also der Website-Besucher, nicht der Ersteller.
Eine asiatische Website ist daher erst dann ansprechend, wenn sich auf ihr eine Vielzahl von Informationen in Text, Grafik und Bild befinden. Präzise knappe Aufrufe zum Handeln passen einfach nicht in die asiatische Kultur.
Westliche Seiten beinhalten hierarchische Strukturen, die Hauptaussage tritt in den Vordergrund, während alles andere ausweichen muss oder sich unterordnet. Texte sind zwar vergleichsweise vorhanden, beinhalten aber bestenfalls nur die zweckdienlichen Informationen in möglichst nüchterner Form.

Farbsymbolik und Farbverwendung

Farben schaffen Stimmungen und Emotionen. Sie hauchen dem Design Leben ein und gerade die asiatischen Online-Welten geizen nicht mit Farbigkeit. Die psychologische Farbsymbolik ist jedoch kein einfaches Thema, können einzelne Farben doch in verschiedenen Kulturräumen von sehr unterschiedlicher Bedeutung sein. Soziale und religiöse Aspekte spielen bei der Farbwahrnehmung und Wirkung eine große Rolle.
Ohne in die Tiefen dieses umfangreichen Themengebiets weiter eingehen zu wollen, genügt es an dieser Stelle festzuhalten, dass eine ungünstige Auswahl von Farben den Erfolg einer Website sehr hemmen und im schlimmsten Fall ganze Projekte gefährden kann.

Kommen wir zu den Unterschieden der Farbgebung auf östlichen und westlichen Websites. Als Beispiel dient der japanische Musikhaus-Online-Shop ishibashi.co.jp. Vergleichen wir ihn mit einem deutschen Äquivalent thomann.de.
Wie auch bei der Jobbörse im oberen Textabschnitt, fällt wieder die ausgeschöpfte Farbpalette der vielen Anzeigen, Links und Grafiken auf, die in unserer Wahrnehmung ein Farbchaos erzeugen. Wir Europäer verbinden mit nüchterner Farbgebung ein gewisses Pflichtbewusstsein des Anbieters, was in uns das Vertrauen weckt, bei der entsprechenden Website an der richtigen Adresse zu sein. Der asiatische Webdesigner versucht nicht diese Seriosität und Nüchternheit zu konstruieren – er setzt auf Emotionen. Viele Aspekte des asiatischen Designs sind in einem Hang zur Verniedlichung und Emotionalisierung begründet, mit dem wir uns im nächsten Abschnitt befassen wollen.

Die Emotionalisierung

Verniedlichung, in Form von reproduzierbaren figürlichen Darstellungen, hat sich in Japan als eigene visuelle Sprache etabliert und prägt das gesamte Stadtbild dermaßen, dass fast kein Produkt mehr ohne eigene Figur auskommt. Wie z. B. die alles andere als autoritäre Erscheinung von „Pi-Po chan“, welche in Tokio unzählige Warn- und Verbotsschilder schmückt. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich dieses „character-themed“-Marketing auch auf den Websites breit macht. Auffällig oft stößt man bei asiatischen Websites auf kleine, niedliche Figuren, Tierchen oder Cartoons.

Seriöse Inhalte mit Comics zu verfremden bzw. zu verniedlichen erscheint im Westen kitschig und kindlich. Für die leistungsorientierte, asiatische Gesellschaft, die man zu den sogenannten „kalten Kulturen“ zählt, schaffen aber gerade diese Elemente einen Ausgleich und regen das Interesse der Kunden an. Als weiteres Beispiel soll hier „Domo“, das Maskottchen des japanischen Fernsehsenders NHK, dienen (Siehe auch hier). Domo wird von 90% aller japanischen Schulkinder sofort erkannt.
Oft wird diese Emotionalisierung damit erklärt, dass die Japaner der zunehmenden Technisierung und der damit einhergehenden Nüchternheit entgegenwirken wollen, und deshalb „Geborgenheit“ in Produkten zu finden glauben, die sie an glückliche Zeiten, beispielsweise ihre Kindheit, erinnern.

Ein weiterer Grund ist möglicherweise, dass asiatische Schrift nicht auf Buchstaben, sondern auf bildhaften Zeichen (Ideogrammen) basiert, und deshalb ein vom Westen differentes visuelles Bewusstsein vorherrscht.

2. Webdesign der kreativen Sites

Lassen wir nun den Alltagsuser hinter uns und betrachten wir jene Websites, deren Ersteller sich der geschärften Sinne und der sensibilisierten Wahrnehmung ihrer Nutzer bewusst sind, und mit attraktiven Designs zu punkten versuchen. Auch hierzu eine Auswahl an Websites.

Östlich:
Sixtation Workshop (Agentur)
Dongpai Design (Agentur)
Neocha (Soziales Netzwerk/Blog)

Westlich:
designmadeingermany.de (Community/Blog)
21torr (Agentur)
3-digital (Agentur)

Fernöstliches Webdesign ist jung, mit einem Gespür für neue Trends. Das Erscheinungsbild hebt sich vor allem durch die aufwendigen Schriftzeichen ab, die die Designer herausfordern und ihnen gänzlich andere und neue Ansätze für ansprechende Gestaltung liefern. Die Designer schaffen es dadurch, bewusst im Kontrast zum westlichen Webdesign, ihre Kultur und Länder zu präsentieren und sich dennoch modernen Strömungen anzupassen.

Was unterscheidet diese designbewussten asiatischen Webseiten von den „Alltagssites“ wie Sina und Co? Man erkennt die gleichen Gestaltungsgrundsätze, die auch in Europa gutes Design ausmachen. Dazu zählen beispielsweise Reduktion an Text und Farbigkeit oder die Benutzung großer, emotionaler Bilder.

Die vertikale Anordnung von Schriftzeichen jedoch bleibt vorläufig dem asiatischen Raum vorbehalten und verleiht den Sites den entsprechenden kulturellen Charakter.

Animationen und Sounds

Auffällig an den asiatischen Sites ist die Vielzahl an Animationen und bewegten Bildern, die den Besucher dazu zwingen, ständig Ladezeiten in Kauf zu nehmen. „Flash-heavy“ Websites gelten bei der westlichen Designelite als überholt. Neben einer ansprechenden Optik scheint sich der Osten aber große Mühe zu geben, durch eingespielte Musik und Soundeffekte passende Stimmungen auf den Websites hervorzurufen oder zu betonen. Diese Elemente sind im asiatischen Raum ein Zeichen von Qualität, im westlichen Raum wird das oft als störend empfunden. Dazu sind folgende Webseiten ein gutes Beispiel: doopaa.cn und ppoqq.com

Abschließend noch ein gutes Beispiel für diese Vorlieben an Hand einer japanischen Webseite, die für Umweltschutz wirbt.

Gibt es internationales Webdesign?

Asiatische Sites müssen uns Europäern nicht gefallen, denn sie sind für eine andere Kultur, eine andere Zielgruppe erstellt. Seiten für eine internationale Zielgruppe sollten demnach möglichst neutral gehalten sein oder in einer westlichen und einer östlichen Variante angeboten werden.

Wichtig bleibt dennoch, nicht ausschließlich in Stereotypen zu denken (z.B. alle Chinesen bevorzugen knallbunte Websites oder Japaner fühlen sich nur von kleinen Tierchen angesprochen etc.), sondern von Fall zu Fall zu entscheiden. Es ist ratsam, sich mit den Menschen der jeweiligen Kultur auszutauschen, um den nötigen Abstand zu den eigenen Vorstellungen von schön und hässlich zu gewinnen. Je nach Zielgruppe, Zweck und Inhalt können sowohl asiatische Gestaltungsmerkmale auf europäischen Webseiten als auch westliches Design-Verständnis auf asiatischen Seiten für positive und überraschende Ergebnisse sorgen. Man darf sich also weder durch die kulturellen Unterschiede beschränken lassen, noch dürfen sie in Bezug auf die Lesbarkeit, Verständlichkeit, Wirkung und Benutzbarkeit der Webseite außer Acht gelassen werden.

Resubefra

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (5)

janto ban 08.10.2012 | 14:21

Danke, das hat Spaß gemacht. Habe mich durch die Beispielseiten geklickt. 3-digital gefällt mir gut. Als jemand, der die asiatischen Schriftzeichen nicht entziffern kann, weiß ich natürlich nicht, wie's auf mich wirken würde, wenn ich es könnte. Sehr bunt auf jeden Fall. Die Asiaten scheinen gerne mit reinen Farben und starken Kontrasten zu arbeiten, während hierzulande meist Kuschel-Abtönung vorherrscht. Nochmal danke.

WEBneo 12.02.2016 | 09:38

Auch wenn der Artikel schon etwas älter ist hat er dennoch ncichts an seiner Aktualität verloren. Schließlich drängen von Jahr zu Jahr mehr Deutsche Unternehmen auf den Asiatischen Markt und versuchen dort Fuß zu fassen. Dabei müssen sie sich zwangsläufig auch mit den dortigen Webdesign "Gegebenheiten" beschfassen. Ich habe daher die wichtigsten Punkte auch noch einmal in einem Post zusammengetragen: https://www.webneo.de/blog/interkulturelles-webdesign/