Ein typisch sächsisches Skandälchen

Sachsens Rückspiegel Die „Sächsische Demokratie“ schreibt ihre eigene Geschichte
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Wie „Der Spiegel“ am 09.10.2015 berichtete, wurden die drei im September publizierten Tagebücher Kurt Biedenkopfs mit ca. 300.000 Euro durch die Sächsische Staatskanzlei gefördert, wobei die Verwertungsrechte bei der Ehefrau Kurt Biedenkopfs verblieben. Der sächsische Regierungssprecher Christian Hoose begründet das mit einem hohen staatspolitischen Interesse daran, diese "für die zukünftige sächsische Geschichtsschreibung bedeutsame Quelle" einer "breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen."

Die in loyaler Tradition stehenden Lokalmedien greifen das Skandälchen gern auf und können weitere Hintergründe in Erfahrung bringen.

Die Förderung bestand darin, die Publikation der Tagebücher durch zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Konrad Adenauer Stiftung zu begleiten. So sollten historische Quellen erhalten, die Skripte gesichtet und für die Veröffentlichung vorbereitet werden.

Sachsen wäre nicht Sachsen, wenn an dieser Stelle vielleicht noch etwas rumgenörgelt wird, aber nach ein paar Wochen ist dann auch wieder gut. Den ersten und den aktuellen Landesvater mit ihren treuen und durch keine Wahl zu erschütternden Vasallen wird das nicht lange stören. Zu gut konnten sie doch die politische Hierarchie mit allen Schnittstellen aufbauen und beherrschen lernen.

Aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachet, sind die Tagebücher Biedenkopfs, mit Hilfe der heroisch begründeten aber möglicherweise den Inhalt ideologisch beeinflussenden "Sichtung und Vorbereitung", wertlos geworden zumindest als Primärquelle für die Wissenschaft. Und dabei ist der eigentliche Skandal, dass es sich um den Zeitraum von Juni 1989 bis September 1994 handelt.

Es wurden die Grundsteine für den heutigen nicht zu verachtenden Erfolg Sachsens und einige „Leuchttürme“ gelegt, in deren Schatten nicht minder Beachtenswertes geschehen ist. Allerdings ist es in gewisser Weise auch ein Erfolg der CDU Sachsen, den Lotuseffekt perfekt in den politischen Alltag integriert zu haben.

Viele Fragen bestehen aus dieser Zeit, deren Antworten sich nur schemenhaft und wohl dosiert zeigen. Die teils willkürliche Entfernung unliebsamer Genossen aus dem öffentlichen Dienst, die fadenscheinige Aufklärung des „Sachsensumpfes“ und auch die Ermöglichung des sogenannten NSU, um nur wenige Beispiele zu nennen. Im Ergebnis wurde das von Biedenkopf aufgebaute Modell sogar mit der Wortschöpfung „Sächsische Demokratie“ geadelt.

Es erweckt den Anschein, die CDU Sachsen will auf dem Fundament ihrer aufwändig bereinigten Geschichte, keine Zweifel an der Weiterführung der dominierenden Rolle aufkommen lassen. Letztlich stellt sich mir nur noch die Frage, was wohl einmal über die Aktivitäten von Stanislav Tillich überliefert wird, durfte er doch schon vor der Wende die Blockflöte erklingen lassen.

Quellen: Der Spiegel / Spiegel-Online, Sächsische Zeitung, MDR; 09.10.2015 und Karl Nolle "Sonate für Blockflöten und Schalmeien"; 2009

23:49 09.10.2015
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Geschrieben von

Reverend

teilweise ironisch und manchmal sarkastisch
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Reverend

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