Das Brandenburger Tor und die heiße Wut

Verhöhnter Regenbogen Ein fürwahr unterkomplexer, wenig intellektueller, linke Phrasen und Klischees durchkonjugierender Aufschrei
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Es gibt Meldungen, von denen weiß man schon im Augenblick der fassungslosen Kenntnisnahme, dass sie sich unauslöschbar ins Gedächtnis einbrennen werden. Eine dieser Meldungen, die im autonomen Reflex die brodelnde Kotze in Herz, Hirn und Seele zu pumpen scheint, ist die des in den LGBT-Regenbogenfarben erleuchteten Brandenburger Tors zu Ehren der Toten des schrecklichen Massakers von Orlando/Florida. Während US-Botschafter John B. Emerson in diesem bekannten widerlichen, typisch seifig-schizoiden US-Pathos tremoliert, dass „Liebe und Hoffnung Hass und Angst besiegen werden“, sirren anderswo, aus Ramstein mitgesteuert, todbringende Drohnen über den Köpfen neuer, zum Zerfetzen ausgewählter unschuldiger, ziviler Opfer. Wie bekommt ein Hirn, wie bekommt ein Herz das hin? Wie ist diese völlige Empathielosigkeit auf der einen Seite, wie der gnadenlose, kalt und bürokratisch organisierte Blutrausch und dieses triefende, suprahumanistische Pathos auf der anderen Seite erklärbar? Wie ist es überhaupt möglich, dass so viele Menschen diese Ausblendungen, Ausgrenzungen, Abspaltungen, Abstraktionen und diese (be-)wertende Hierarchie des Empathie-würdigen erfasst? Zunächst freilich, weil es – im größeren Kontext - eine politische, oder nennen wir sie besser eine (feudalistisch) ideologische Persönlichkeitsstörung als organisiertes, kollektives Phänomen natürlich seit jeher gibt. Für Imperien der Neuzeit ist diese Pathologie sowieso einer der Pfeiler, auf dem seine Existenz ruht. Für die gemeine Jedefrau und Jedermann gilt, dass aus gesellschaftspolitischer Sicht (neben einem vergleichsweise wenig relevanten Tributzoll ans Atavistisch-Biologisch-Voraufgeklärte) jede nennenswerte Verschiebung der Empathiefähigkeit (also auch des sozialen Gewissens) eines Kollektivs im wörtlichsten Sinne system-atisch gelernt wird. Im kapitalistischen, natürlich verstärkt im neoliberalen, asozialen Menschenbild und seiner oft auch leisen 24/7-Gehirnwäsche kann selbstverständlich keine echte Empathie entstehen oder eine vielleicht vorhandene überdauern. Die ursprüngliche Gefühlspalette des Menschen vertrocknet und verwahrlost, Ersatzgefühle treten an ihre Stelle. Ungleichheit gebiert natürlich auch ungleiche Tote, gute und schlechte, wichtige und unwichtige, diejenigen, die den Tod verdient haben und diejenigen, die ihn nicht verdient haben. Einer der traditionellen, wirksamen und nach 9/11 fröhliche Renaissance feiernden Abstraktionsbeschleuniger zur Schleifung des natürlichen menschlichen Gefühlspools ist freilich auch das bombastische Pathos ungezählter Trauer-Events nach terroristischen Anschlägen, oder wie hier zur Inszenierung einer ethik-befreiten „Solidarität“, deren singuläre Empathierichtung als systemdefinierend- und erhaltend erkannt wird.

„Der Tagesspiegel“, nur als Beispiel, stenografiert im ungenierten, nicht einen Millimeter distanzierten oder distanzierenden Kotau der transatlantischen Ergriffenheit: „Gegen 22 Uhr wurde das Brandenburger Tor in den Farben der homosexuellen Emanzipationsbewegung angestrahlt, und auch der ferne Funkturm erstrahlte in diesen Farben. Die Fotos der 49 Opfer wurden bei der Trauerfeier am Pariser Platz in die Höhe gehalten, ihre Namen verlesen und eine kleine Geschichte über jeden Toten erzählt. Und es wurde gesungen, Judy Garlands „Somewhere Over the Rainbow“ und John Lennons „Imagine“.“

Welchem beseelten Menschenkind feuchten sich da nicht Äuglein und Wangen? Das ist böseste Satire angesichts des Todes. Nein, das ist Wahnsinn! Wer kann sich so etwas ausdenken? Es werden hier nicht nur die Toten aus Orlando schamlos benutzt und damit verhöhnt, oder die Toten, deren Hinrichtung Mr. Obama jeden Dienstag per Unterschrift befiehlt und vor allem die Millionen von Ermordeten aus all den in der Regel mit Lügen inszenierten, allein von geostrategischen Interessen beförderten Rohstoffkriegen des Westens – nein, es wird zusätzlich die leidvolle Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung für diese unerträgliche Inszenierung benutzt. Pfui Teufel! Wer eigentlich liest die Namen der unzähligen Opfer der westlichen Werte, also der Menschenrechte, des Humanismus und der Demokratie vor und hält ihre Fotos in schwüler, rührseliger Gedenkstunde hoch?

Was könnte es bitte für halbwegs vernünftige, persönliche Reaktionen auf solche unglaubliche Verhöhnungen der Menschenwürde geben? Außer unvernünftiges, spontanes Schreien? Irgendwann tut die Kehle weh und das Schreien wird leiser. Und irgendwann kommt der Segen des Schlafs. Großartig. Die Gnade des angewiderten Zuschauers als Zaungast des Schreckens und der perfiden Lüge. Die anderen, diejenigen, die keine Zaungäste sind, sondern denen der Staub, den ihre Angehörigen und Freunde beim Fallen aufwirbeln zwischen den Zähnen knirscht, diese werden vielzählig zur Waffe greifen und vielleicht mit dem zynischen Schlachtruf „Liebe und Hoffnung werden Hass und Angst besiegen“ in jenen Krieg ziehen, den die USA 2001, nunmehr offen und klar, ausgerufen haben. Derweil ist Orlando morgen Geschichte, die gewöhnliche Homophobie wird längst wieder den Alltag zurückerobert und somit normalisiert haben und die täglichen, namen- und bildlosen Ermordeten auf den verschiedenen Schlachtfeldern der gepanzerten westlichen Demokratie-Drückerkolonne, der tödlichen Brunnenbauer und Mädchenschulen-Hochzieher werden das bleiben, was ihnen zugedacht ist: Kollateralschäden. Imagine!

04:45 19.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Reyes Carrillo

Argentinische Kinder- und Jugendpsychologin. Lebt in zweiter Inkarnation in Deutschland. Selbsttherapie: Polemiken verfassen
Reyes Carrillo

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