Feigenblatt mit Ich-Stärke

EXPO UND AMNESTY Zwei eingespielte Gegner feiern Halbzeit

Lange wählt Uwe Kirchner eine Berliner Nummer auf seinem Handy. Seit Stunden versucht der Expo-Beauftragte von Amnesty International das Entwicklungshilfeministerium zu erreichen. Die Zeit drängt, denn die Türkei feiert in zwei Tagen ihren Nationentag in Hannover. Und wie bei den Nationentagen von Indien, Indonesien und Mexiko möchte Amnesty eine Fax-Aktion gegen die Menschenrechtsverstöße in Hannovers Innenstadt starten.

Die Expo-Leitung selbst schweigt zu dem Thema. »An dem Thema Türkei will sich niemand die Finger verbrennen«, sagt Kirchner. Doch der Sonderschullehrer gibt sich mit den Ausflüchten nicht zufrieden, er hat sich schon einmal und mit Hilfe aus dem Ministerium durchgesetzt. Vor rund einem Monat intervenierten der türkische Generalkonsul und der Tourismusminister bei Norbert Bargmann, der Nummer Zwei hinter Generalkommissarin Birgit Breuel, wegen einer Ausstellung über Misshandlungen an türkischen Jugendlichen, die 1995 verhaftet und im Polizeipräsidium von Manissa zehn Tage lang gefoltert worden waren. Das Land will alles vermeiden, um auf das Thema Menschenrechte angesprochen zu werden - in ihrem 1.900 Quadratmeter großen Pavillon präsentiert sich die Türkei als moderner Staat und vor allem als Reiseland. Bargmann reagierte prompt und entfernte die kritisierten Exponate - ein Video und mehrere Stellwände - aus dem Themenpark. Amnesty drohte die Expo zu verlassen, und ein paar Tage später konnte Kirchner die Bilder wieder zeigen. Das Verhältnis mit der Türkei sei seit Jahren eingespielt. »Amnesty klagt an, die Türkei beißt zurück«, sagt er.

Das Expo-Engagement ist der Versuch von Amnesty, sich für die Einhaltung der Menschenrechte vor einem Millionenpublikum einzusetzen. Die Organisation verteilte am vergangenen Samstagmorgen an den Expo-Eingängen Handzettel, auf denen über Menschenrechtsverletzungen in der Türkei informiert wurde. An einer Kundgebung vor dem Türkischen Konsulat in der Hannoverschen Innenstadt, zu der ai aufgerufen hatte, nahmen mindestens 500 Demonstranten teil. Zugleich setzt sich die Menschenrechtsorganisation aber mit ihrer Ausstellung auch dem Vorwurf aus, sich als eine der wenigen Nichtregierungsorganisationen, die an der Expo teilnehmen, zum Feigenblatt degradieren zu lassen.

Obwohl in der Agenda 21, auf die sich die Expo gerne beruft, auch die Menschenrechte angesprochen werden, findet sich in den Nationenpavillons darüber wenig. »Zum größten Teil wird das Thema völlig ausgeklammert«, meint Kirchner. Der Expo-Besucher muss schon genau hinsehen, wenn er es entdecken will. Etwa im Islamischen Pavillon in der Halle 26: Zwei Tafeln weisen daraufhin, dass es keinen Widerspruch von Frauen und Menschenrechten gibt. Auch die Albaner setzen sich als eines der wenigen Ländern selbstkritisch mit ihrer Vergangenheit und dem Flüchtlingsproblem auseinander.

Doch politische Demonstrationen sind auf der Expo unerwünscht. So wurde ein Mann, der sich für ein freies Tibet vor dem chinesischen Pavillon einsetzte, vom Gelände geworfen. Und zu Beginn der Eröffnungsrede des stellvertretenden Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz für den türkischen Nationentag wurde ein Mann, der »Frieden und Freiheit für Kurdistan» gerufen hatte, sofort von der Polizei überwältigt und abgeführt. Neun anderen, die sich unter die über 500 Zuschauer gemischt hatten und mit Transparenten auf die Situation der Kurden aufmerksam machen wollten, erging es ähnlich.

Das macht die Arbeit für Amnesty auf der Expo nicht leichter. Themenpark-Chef Martin Roth betont, es sei von Anfang klar gewesen, dass es zu Konflikten mit einzelnen Expo-Teilnehmerstaaten kommen könne. Das Thema gehöre aber zu einer Weltausstellung. Aber die Expo hatte im Vorfeld auch kein Interesse, das Thema Menschenrechte allzu hoch zu hängen. In den Werbe-Hochglanzbroschüren fand sich nichts über das Konzept der Menschenrechtsausstellung. Der Grund: Bei einigen Ländern, darunter auch der Türkei, stand damals die Zusage zur Teilnahme an der Weltausstellung noch aus.

Zur Halbzeit der Expo fällt auch die Bilanz von Uwe Kirchner durchaus positiv aus. Amnesty hat bislang zu Aktionen für sieben akut bedrohte Menschen aufgerufen. Bereits in zwei Fällen hätten Protestschreiben aus Hannover zu einem Erfolg geführt. Nach etwa einem Monat haben 8000 Expo-Besucher die Möglichkeit genutzt, per Fax aus dem Themenpark heraus zu protestieren. So viele Appelle wie sonst in einem Jahr in ganz Deutschland nicht.

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