Die absurde Krise

Corona-Gesellschaft Das Absurde und der Sinn des Lebens in Camus Mythos des Sisyphos als Denkansatz zur Ausgangslage einer Corona-Gesellschaft
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Die absurde Krise

Das Absurde und die erfolglose Suche nach dem Sinn des Lebens in Camus Mythos des Sisyphos als Denkansatz zur Ausgangslage einer Zeit mit und nach Corona.

Bereits vor dem Einsetzen der Corona-Pandemie in Europa waren in China durch den Virus erkennbar. So zum Beispiel meteorologische Erscheinungen wie das Aufklaren des Himmels durch erliegen des Verkehrs und der Stagnation der Wirtschaft durch einbrechenden Konsum und Export. In der Bevölkerung sind aus epidemiologischer Sicht mittelfristig Verhalten absehbar, die zu einem Ansteigen der Zahlen von häuslicher Gewalt oder der Scheidungsraten führen. Gleiches gilt für die Erwartung in Bezug auf Europäische Länder. Es verwundert bei all dem nicht, dass sich gerade Camus Werk Die Pest größter Beliebtheit erfreut. Wird hier ursprünglich eine Parabel über die Besetzung Algeriens durch deutsche Faschisten im Bilde der mittelalterlichen Krankheit berichtet, passt seine fast schon minutiöse Darstellung der Verbreitung und Eindämmung der Krankheit nur allzu gut ins derzeitige Bild. Das Bedürfnis nach einer Verbildlichung dessen was passiert und noch kommen wird ist als Drang der menschlichen Auseinandersetzung mit der momentanen Pandemie anzusehen. Das Bedürfnis nach einer Verarbeitung des tatsächlichen Geschehens in Form von einer Erzählung ist nicht neu, sondern im Gegenteil, sogar älter als die Mythen der antiken Griechen.

Was nun zu den größeren Herausforderungen zählt ist die Frage nach den Langzeitfolgen, sowohl für die Menschen. Auch hierzu könnte Camus zumindest einen Ansatz mit seinem philosophischen Essay dem Mythos des Sisyphos und seinem dort beschrieben Ansatz des Absurden liefern. Das Absurde ergründet sich laut Camus in der Entzweiung des Menschen mit der Welt. Die Einsicht über den Umstand der Uneinigkeit des menschlichen Geistes mit der Welt nennt Camus Klarheit und tritt immer dann zutage wenn der Mensch sich seiner, ihn alltäglich begleitenden, Illusionen bewusst wird. Diese Illusionen halten im Alltag das zusammen was eigentlich nicht zusammen gehört nämlich der Geist und die Natur. Hergestellt durch tagtägliche Routinen und Gesten überdeckt das Denken die Kluft zwischen ihm und seiner Umgebung und gibt ihr dabei Bilder und Geschichten in Form von Mythen und eigenen Erklärungen. Diese Kulissen, so Camus, fangen allerdings bei näherer Betrachtung an zu bröckeln und herausstellt sich die eigentliche, im Alltag nur kaschierte Ungewissheit über den Sinn des Lebens. Demnach stellt der menschliche Verstand in dem Moment der Erleuchtung den Sinn und Zweck des täglichen Handelns komplett in Frage. Daraus resultiert eine Kapitulation des Geistes gegenüber dem inneren Drang, dem „Aufbegehren des Fleisches“. Dieses Aufbegehren ist die verzweifelte Suche nach Gewissheit über die Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz. Diese Eingriffe und Einschnitte in das tagtägliche Geschehen lassen das Bühnenbild welches uns zuvor in Sicherheit wähnte nun als ein sinnloses erscheinen. In dieser Sinnlosigkeit sieht Camus den Ansatz einer Neuinterpretation für den gleichnamigen Mythos vom Sisyphus. Dieser sei froh über die klare Einsicht über sein Schicksal und dessen Sinnlosigkeit, die ihn begleite wenn er jeden Tag aufs neue ans Werk gehe um den Stein den Berg hochzurollen. Ursprünglich wurde Sisyhpos von den Göttern zur Bestrafung dazu verdammt auf der Erde einer absolut sinnlosen Tätigkeit nachzugehen. Aus Camus Sicht, ist der Bestrafte hingegen glücklich, da er sich der Sinnlosigkeit seiner Zwangstätigkeit bewusst ist und dadurch, dass er nicht mehr der Ungewissheit seiner Existenz hinterher hängt, erreicht er innere Ruhe, gar Freiheit. Die Intention der Götter war davon natürlich weit entfernt. In der Klarsicht des Bestraften sieht Camus daher sogar eine Revolte gegenüber seinen Peinigern.

Spannend nun für Fragen der kommenden Zeit, also einer Zeit mit und nach Corona, sind die gerade massenhaft stattfindende Einschnitte in der Alltagswelt. Wie viele werden sich wohl über die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, wie Camus sagen würde, bewusst und fangen an die Sinnhaftigkeit ihres alltäglichen Handelns zu hinterfragen? Ohne an dieser Stelle Antworten darauf vorweg nehmen oder Camus Schlussfolgerungen zustimmen zu wollen erscheint hier die Philosophie, mehr noch als die Epidemiologie oder gar Soziologie bereits eine theoretische Ausgangslage anbieten zu können. Für all jene die das dramatische und tragische dieser Tage aus nächster Nähe erfahren muss die Philosophie des Absurden wie eine Verharmlosung des Erlebten wirken. Doch für all die, die weitestgehend von den schweren Konsequenzen der Pandemie unberührt bleiben könnte das Absurde eine passende Beschreibung dessen liefern, was sie gerade erleben. In Camus Essay finden wir nach der Klarheit über den Sinn - oder eben die Sinnlosigkeit - des Lebens die Revolte und damit eine Affirmation des Lebens. Wie der Wert dieses Lebens zu beurteilen ist, wird in der Philosophie, angefangen mit Sokrates, Platon und Aristoteles, schon lange sinniert. Nun ist es an uns diese Überlegungen neu anzustellen.

18:52 03.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

René Faust

Sozialarbeiter / Unterrichtet ab demnächst an der FH Potsdam/ Hier erscheinen Beiträge zu den Themen Philosophie und Bürger*innenbeteiligung
René Faust

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