Volle Kanne an der Debatte vorbei

#aufschrei, sexismus Weder die Talkshows dieser Rebublik noch Kolumnist_innenn, Verleger_innen oder Herausgeber_innen haben die vom #aufschrei angestoßene Debatte verstanden.
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Es ist erstaunlich, wie weit die Mediennation an einer Debatte nur vorbeireden kann. Jauch, Will und Illner haben es bewiesen, als sie sich das durch den Artikel der Stern-Reporterin Laura Himmelreich ins Rollen gebrachte Thema des alltäglichen Sexismus auf die Tagesordnung setzten. Ohne den Kommunikationberaterin Anne Wizorek initiierten Hashtag #aufschrei auf Twitter wäre das allerdings nie geschehen.

Unter diesem Schlagwort haben Frauen das erste mall in einer Flutwelle von ihren Erfahrungen mit sexistischen Begegnungen in ihrem Alltag berichtet. Nun sind zum Zeitpunkt der Jauch-Runde die genannten 60.000 Tweets (mittlerweile sind es wesentlich mehr und es gibt nun auch einen Account @aufschreien, der Tweets sammelt) nicht ausschließlich mit Berichten Betroffener gefüllt. Leider gibt es darunter immer wieder Menschen, die in etwa schreiben: habt euch nicht so, wehrt euch doch etc. und versuchen, das Problem herunter zu spielen mit dem Tenor, das ist halt so. (Mittlerweile sammeln sich diese unter dem Hashtag #gegenschrei.)

Jauchwillnern

Die Talkshow-Runden haben gezeigt, dass es in Bezug auf sexistisches Verhalten noch viel zu tun gibt.

Bei Günther Jauch konnte man beobachten, wie die Debatte durch einen sich selbst nicht ernst nehmenden Moderator ins Ironische abglitt. Wibke Bruhns als eine der ersten Topjournalistinnen hat über die Kastration von Männern schwadroniert, wenn man keine "echten" Männer mehr haben wolle.

Bei Maybritt Illner konnten wir mit Erschrecken feststellen, wie sich zwei zwielichtige Männer wie Paviane neandertalistisch gerierten. Der Anwalt Ralf Höcker, bekannt als Verteidiger Jörg Kachelmanns, ist der Meinung, beim Karneval habe Mann Narrenfreiheit, was als nur Freibrief für sexistische Belästigung zu lesen ist. darüber hinaus gäbe es weder Opfer noch Täter. Wolfgang Kubicki, der schon ob seiner Parteizugehörigkeit als Realitätsverweigerer und weltfremd einzuordnen ist, hatte sogar Antisemitismus mit der Debatte verbinden wollen. Von Sophia Thomalla konnte man nichts anderes erwarten als eine Bagatellisierung des Themas.

Bei allen Talkshows war trotz der sich schon längst von Brüderle verabschiedeten Debatte genau dessen Äußerung gegenüber Frau Himmelreich Aufhänger und die Runden haben gezeigt, dass die Debattenkultur als auch die Vorbereitung solcher Sendungen sehr zu wünschen übrig lassen.

Und so kam es zustande, das neue Wort; über die beobachtete Unfähigkeit, dieses Thema zu diskutieren: "jauchwillnern". Der Tweet vom 31. Januar gibt die Bedeutung des Verbes mit: "journalistisch-inkompetentes diskutieren gesellschaftsschädlicher sachverhalte". Genau das und nichts anderes ist bei Jauch, Will und Illner passiert.

Äpfel mit Birnen vergleichen

Nicht nur die Talkshows gehen am Thema vorbei. In den Printmedien und Online-Kolumnen sind in der letzten Wochen wiederholt Texte aufgetaucht, die die Debatte in keinster Wiese ernst nehmen. Da wird vom Ende des weißen Mannes gesprochen (Jana Hensel in der aktuellen Ausgabe des Freitag), da wird domestic violence in einen Topf geworfen mit alltäglichen Grenzüberschreitungen von Männern gegenüber Frauen (Marc Felix Serrao auf Sueddeutsche.de am 31. Januar) und allen vorneweg der Verleger des Freitag Jakob Augstein, der sich durch die Antisemitismusdebatte mit Täter-Opfer-Umkehr wohl am besten auszukennen scheint. Das mögen nur drei sein, aber diese drei zeigen Beispielhaft am besten, wie mit der Debatte umgegangen wird: sie wird klein geredet und als überflüssig empfunden.

Denn was haben ein Peer Steinbrück (Hensel) oder auch ein Ian McNicholl mit der Debatte gemeinsam? Nichts. Herr Steinbrück ist der wohl schlechteste Kandidat, den die SPD je haben konnte und liegt allein wegen seiner politischen Handlungen auf der Verliererseite. Der Fall McNicholls beschreibt ein ganz anderes Problem, das nicht unter den Tisch gekehrt werden darf. Es hat mit der laufenden Debatte allerdings überhaupt nichts zu tun.

Herr Augsteins Kolumne zu diesem Thema ist eine besondere Sache. Denn er scheint sich auf die Täter-Opfer-Umkehr spezialisiert zu haben. Warum zitiert er sonst Claudius Seidl, der einen Kommentar dazu in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht hat. Es besagt in etwa so viel, dass Frau Himmelreich das Machtspiel eröffnet habe und lenkt damit vom Kernproblem ab. Hier wird nicht etwa die Jugend gegen das Alter ausgespielt. Die Frage nach dem Alter nach einer Nominierung zum Spitzenkandidaten ist durchaus legitim.

Und was bitteschön, Herr Augstein, haben Sie sich bei dem Schlagwort "positiver Sexismus" gedacht? Und was wollen Sie mit dem Aufbauen einer Drohkulisse seitens des Feminismus gegenüber dem "weißen Mann" erreichen?

Die Problematik des "weißen Mannes", welche die Texte von Augstein und Hensel verbindet, gehört doch eher in den Bereich der Critical Whiteness. Auch wenn sich bestimmte Aspekte überschneiden; in der Debatte um Alltagsexismus hat dieses Schlagwort sicherlich nichts zu suchen und verharmlost sie nur.

Zum Augstein-Text: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-die-sexismus-debatte-a-879988.html

Zum Serrao-Text: http://www.sueddeutsche.de/leben/sexismus-debatte-mannomann-1.1587336

Der Text von Jana Hensel ist lieder nur in der Printausgabe des Freitag vom 31. Januar 2013 erhältlich.

14:56 01.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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