Der Doppel-Pass ist nicht das Problem

Doppel-Pass Ein Journalist meint in einem führenden deutschen Nachrichtenmagazin: „Wir“ haben uns geirrt. Mit dem Doppel-Pass, da hätte Roland Koch wohl doch recht gehabt. Wirklich?
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Ein Journalist wundert sich. Über die Begeisterung der Deutschtürken für Erdogan – er könnte sich genauso wundern über die Begeisterung der Russlanddeutschen für Putin. „Wie kann man nur für Diktatur und Demokratie gleichzeitig sein“, fragt der Autor voller Zweifel.

Als ob es das nicht schon immer in einer „gutbürgerlichen“ Gesellschaft gegeben hätte! Hells Angels, Zeugen Jehovas aber auch katholische Christen erkennen den Staat nur bedingt an. Die Kirchen sind bis heute Staat im Staate, dass es dort keine Demokratie, keine Gleichberechtigung gibt stört kaum jemanden – im übrigen gibt es auch keine Demokratie in Konzernen wie Amazon oder in den meisten Verlagen – wenn sie keine Genossenschaft sind. Etwas Diktatur muss offenbar sein. Auch in der Bundeswehr wird geschossen und nicht gefragt. Der moderne Scharfschütze trägt zwar kein Skalps mehr mit sich herum aber er macht Striche für jeden „Kill“ an seinen Helm – manche haben schon über 30. Sie wissen nicht wen sie ermorden – ein Offizier gibt einfach den Befehl. Ein Offizier einer deutschen „Parlamentsarmee“ wohl gemerkt. Morden im Namen der Demokratie – unterstützen von Diktaturen im Namen der Demokratie, das konnten Briten und Franzosen ebenso wie Amerikaner schon immer. Sie selbst haben die Diktaturen in aller Welt aufgebaut, um die Regionen besser ausbeuten zu können. Den Befehl dazu gaben stets die, die auch den Ton angaben in den europäischen Heimatländern. Das Mutterland der neuzeitlichen „Demokratie“ ist auf Völkermord (an den Indianern) und Sklaverei aufgebaut. Die Bill of Rights schloss selbst alle „weißen“ Frauen von der Demokratie aus. Die moderne Demokratie galt bei ihrer Einführung für eine Minderheit der amerikanischen Bevölkerung.So what?

Ein deutscher Journalist sollte zudem wissen, dass hunderte seiner Landsleute mit zwei Pässen in Südafrika leben. Bevorzugt am Kap. Die SADK, die Südafrikanisch-Deutsche Kulturgemeinschaft verband Westdeutschland, Österreich, die Schweiz sowie Namibia und Südafrika über Jahrzehnte – etwa fünfzig Prozent der Weißen hatten bis zu den Wahlen 1994 die doppelte Staatsbürgerschaft – darunter jede Menge Deutsche. Noch heute zieht es viele Deutsche ans Kap, die selbstverständlich niemals bereit wären die deutsche Staatsangehörigkeit abzugeben. Viele dieser Europäer in Afrika feiern die Demokratie in Europa und zelebrieren schlimmste Unterdrückung und Apartheidsgesinnung in Afrika aber auch in Lateinamerika – sie haben nichts dagegen, wenn ihre Hausdienerin oder ihr Gärtner sich von dem kargen Lohn nur eine Hand voll Maisbrei am Tag leisten kann: „Die brauchen nicht mehr!“ weiß der Deutsche, sobald er von den einheimischen Weißen im Umgang mit den Schwarzen eingewiesen wurde. Selbstverständlich leben sie auf den Einheimischen geraubtem Land – ohne jegliche Gewissensbisse. In Rio arbeiten deutsche Informatiker im gleichen Großraumbüro mit brasilianischen Kollegen und verdienen für die gleiche Arbeit das Dreifache wie sie, die aus den Favellas nicht heraus kommen. Sie trösten sich mit dem Spruch: „Die kennen das nicht anders, denen macht das nichts aus.“

Würden diese europäischen Einwandererinnen und Einwanderer mit dem Erwerb der brasilianischen oder der südafrikanischen Staatsangehörigkeit ihren erworbenen oder mitgebrachten bewussten oder unbewussten Rassismus ablegen? Es gibt kaum einen Sklavenhalter und Kolonialisten, der sich in seinem Tun nicht auf Gott beruft. Wer auf der Frankfurter Buchmesse Schriftsteller aus den Südstaaten fragt, woher ihre Familien das Recht nahmen andere zu versklaven bekommt zu hören, dass dieses „geistige Rüstzeug“ aus den Kirchen stammt – genau wie bei den Buren am Kap: „Gott hat doch bestimmt wer zu dienen und wer zu herrschen hat – um das zu verstehen muss man nur die Bibel richtig lesen!“ Sind die Buren nach 1994 oder die ehemaligen Sklavenhalterfamilien in den Südstaaten Demokraten geworden? Warum sollten sie? Die Gesellschaftsformen haben sich gewandelt – aber die Pfarrer sind die gleichen geblieben. Auch Erdogan kann sich auf seine Imame so gut verlassen wie alle Rassisten der Welt auf ihre Pfarrer. Lange bevor die Nazis kamen waren Pfarrer von der Ungleichheit der Menschen überzeugt – man lese nur einmal Luthers Schrift „Wider die Jüden und ihre Lügen“.

Ob zwei, drei Pässe, nur einer oder gar keiner – das ändert nichts an der Haltung von Menschen zu anderen. Wenn ein Amerikaner jahrzehntelang in München oder Hamburg lebt und kein Wort Deutsch spricht und stolz darauf ist finden das seine deutschen Kollegen normal – aber wehe das Gleiche tut ein Afghane oder Araber! Dann ist der nicht integrationswillig. Wer meint das Problem mit dem Zwang zu einer Staatsangehörigkeit zu lösen der möge bitte auch konsequent sein! Diese Pflicht muss dann nicht nur für „Neuzugewanderte“ sondern auch für US-Amerikaner, Ungarn und Polen sowie andere EU-Ausländer gelten – denn nicht nur in der Türkei gibt es Autokraten an der Regierung. Im übrigen sollten dann auch alle Deutschen in Namibia, Südafrika, Brasilien und in Malle ihre deutsche Staatsangehörigkeit sofort abgeben. Gleiches Recht für alle! Nach dem alten deutschen Reichs- und Staatsangehörigkeitsrecht verloren deutsche Frauen, die einen Ausländer heirateten mit sofortiger Wirkung ihre deutsche Staatsangehörigkeit – für Männer galt das selbstverständlich nicht. Dieses „Recht“ führte beispielsweise dazu, dass die erste deutsche Pilotin Melli Beese auf deutschem Boden 1914 als „feindliche Ausländerin“ interniert wurde – die Dresdnerin hatte den Fehler begangen einen Franzosen zu heiraten...

13:31 05.08.2016
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Geschrieben von

Ric DD

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