Nizza und die die endlose Terror-Hysterie

Terror Warum wir den "Krieg gegen den Terror" so nicht gewinnen können und "Anti-Terrormaßnahmen" die Gewalt fördern anstatt sie zu stoppen.
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Stellen Sie sich vor, „Nizza“ wäre vor 16 Jahren passiert. Was hätte „das Radio“ heute morgen gemeldet? „Mann rast in Menschenmenge – mindestens 80 Tote, Ursache unklar“. Niemand hätte in dem Zusammenhang von Terror oder Attentat gesprochen. Ist es denn nicht schon oft passiert, dass einer in eine Menschenmenge fuhr? Passiert das nicht immer öfter, je mehr Verkehrsteilnehmer (die Zahl steigt in Deutschland exponentiell) im Alter von über 80 Jahren Bremse mit Gaspedal verwechseln und in Fußgängerzonen Menschen überfahren? Wie oft kommt heute jemand von der Straße ab (aus „ungeklärter Ursache“), gerät auf die Gegenfahrbahn und richtet dabei gelegentlich ein Massaker an – dafür genügt ein Herzinfarkt und die damit einhergehende Handlungsunfähigkeit des Fahrers.

Werden in Nizza aber zahlreiche Menschen überfahren zur Feier des Nationalfeiertages dann „wissen“ alle Medien sofort: Es war ein „Terrorist“, ein „Attentäter“. Die zwei „Hauptgründe“ für diese Annahme aber sind vollkommen simpel: Erstens, dass es am Nationalfeiertag geschah und zweitens, dass der Mann einen nordafrikanischen „Migrationshintergrund“ hatte. Wäre es ein „weißer Franzose“ gewesen und es wäre an einem X-Beliebigem Tag passiert, dann hätte es genau so gut ein psychisch gestörter Mann gewesen sein können. Gibt es davon nicht immer mehr, nachdem Burnout und Depression zu „Volkskrankheiten“ avanciert sind und selbst in Stadtteilen, wo die „Arrivierten“ leben, ein Psychologe neben dem anderen seine Praxis eröffnet?

Vermutlich war es wirklich eine als Anschlag gedachte Aktion. „Frankreich“ wird darauf mit „Härte“ reagieren. Mehr Bomben auf Rakka, Razzien in den Araber- und Afrikanervierteln. Man wird Menschen festnehmen, verhören, einsperren, umbringen – also alles tun was nach „unserer westlichen Auffassung“ gut und richtig für den „Kampf gegen den Terror“ ist – und dann wird wieder etwas passieren. Vielleicht in Marseille oder in Strasbourg – wieder und wieder. Dann werden die „Staatslenker“ von Obama bis Merkel „die feigen Taten“ verurteilen und „die feste Überzeugung“ zum Ausdruck bringen „dass wir uns nicht einschüchtern lassen und den Kampf gegen den Terror gewinnen werden“. Dann werden noch mehr Leute verhört, eingesperrt und umgebracht und die Gewaltspirale wird sich in bis dato nur in Südafrika oder Israel gekannte Höhen schrauben, weil wir dann jederzeit in Bussen. Straßenbahnen, Zügen, Flugzeugen, auf Volksfesten oder bei sonstigen Anlässen für Menschenansammlungen damit rechnen müssen, dass „es“ passiert. Und es wird passieren, wieder und wieder.

Stellen wir uns einmal vor, dieser junge Mann von Nizza hätte eine gute Arbeit gehabt, die ihn glücklich gemacht hätte. Eine schöne Wohnung, eine tolle Freundin, Kinder vielleicht – hätte er das in Nizza (ja, unterstellen wir ihm Mutwilligkeit, jetzt als diese Zeilen am Morgen des 15. Juli geschrieben werden ist davon freilich außer der ins Kraut schießenden Spekulation der Medien noch nichts bekannt) getan? Mit Sicherheit nicht!

Heute kann jeder junge frustrierte Mann irgendeinen Blödsinn verzapfen und wenn er dann noch irgendwie Araber oder Afrikaner ist wird man in Europa oder Nordamerika betroffen erklären: „Dieser Mann war ein IS-Attentäter!“ Blödsinn! Dieser Mann hatte keine Arbeit, keine Chance, keine eigene Wohnung, keine Freundin und deshalb hat er angefangen darüber nachzudenken, sich an dieser „Gesellschaft“ zu rächen, die ihn ausgegrenzt hat. Sicher gibt es auch Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob jemand schwarz oder weiß ist, Araber oder Afrikaner, religiös oder nicht – es war die frustrierte Aktion eines jungen Mannes, der bereit war „mit einem lauten Knall“ sein Leben weg zu werfen.

Es gibt tausende von diesen jungen Männern überall auf der Welt und – immer mehr davon gerade in Europa. In Deutschland ist die Zahl dieser Männer seit dem letzten Jahr gigantisch gestiegen. Keine „Anti-Terror- Maßnahme“ und kein Ausnahmezustand wird daran etwas ändern – es wird damit lediglich die eigene Bevölkerung durch den Staat terrorisiert, ohne dass sich an der Sicherheitslage irgend etwas bessert. Im Gegenteil: Je mehr der Staat „in Sicherheit investiert“ um so gefährlicher wird es für alle, weil die Hysterie steigt. Heute wird schon ein Flugzeug zur Landung gezwungen, wenn ein arabisch aussehender Mann sich darin mit mathematischen Formeln beschäftigt, wie es unlängst einem Professor in den USA passiert ist.

Es gibt nur eine Lösung: Gebt der Jugend und allen Einheimischen und Migranten eine Chance auf ein gutes Leben! Überall auf der Welt. Wenn wir das nicht schaffen, wird gar nichts gelöst. Doch um dies zu erreichen, brauchen wir eine neue Gesellschaft, die sich verabschiedet von neoliberalen Wirtschaftskonzepten, die nichts anderes erreicht hat in im letzten Vierteljahrhundert als Ausbeutung und Unterdrückung zu erhöhen und die Masse der Bevölkerung ärmer zu machen.

Hört auf damit zu glauben, dass wir in Europa die Probleme des Nahen Osten und ganz Afrikas lösen werden – das werden wir mit Sicherheit nicht und das ist auch das Einzige, was sich mit Sicherheit sagen lässt!

10:56 15.07.2016
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Geschrieben von

Ric DD

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