Nur MUFL-Entgleisung in Bayern?

Afghanistan Erwachsene Menschen diskutieren ernsthaft, ob sich Teenager in 14 oder 40 Stunden "radikalisieren"- dabei ist das Problem ein völlig anderes.Es geht um Krieg und Frieden.
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MUFL – so lautet die Abkürzung in der Behördensprache für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. In Bayern sei ein 17jähriger Afghane (MUFL!) mit einer Axt auf Menschen in einem Zug los gegangen erfahren wir aus den Medien – und möglicherweise sind alle drei Fakten nicht ganz richtig. Wir leben in einer Zeit, wo die meisten Menschen nicht mehr in der Lage sind eine Axt von einem Beil zu unterscheiden. Bis jetzt sind die Tatwerkzeuge bildlich nicht vorgestellt worden aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das viel leichter zu transportierende Beil eher das Tatwerkzeug war als die unhandliche Axt. Es sei denn man hat das Bild einer mittelalterlichen Streitaxt im Sinn, wie sie gezielt zum Schädelspalten eingesetzt wurde. In Franken wurde dafür übrigens eine sehr spezielle Axt eingesetzt, die so genannte Franziska. Im Osmanischen Reich war dagegen die Tabar beliebt – sie war auch in Indien und Afghanistan in Gebrauch und das Wort Tabar fand als Lehnwort Eingang in die slawischen Sprachen, wo man heute noch so die Axt bezeichnet.

Doch zurück vom Tatwerkzeug zum Täter – die Verwendung der archaischen Tatwaffe durch Riaz A. Deutet in jedem Fall auf einen Täter hin, der sich seinem Herkunftskulturkreis sehr nahe fühlte. Unklar sind inzwischen auch, ob das angegebenen Alter stimmt und seine angebliche afghanische Herkunft. Die Selbsteinstufung als Minderjähriger gilt unter Flüchtlingen gemeinhin als nützlich, um in den Genuss von Sonderrechten zu kommen. Auch das Herkunftsland wird in Zweifel gezogen.

Trotzdem hatte man doch alles richtig gemacht bei der Betreuung von Riaz A. – er war kein krimineller Jugendlicher sondern im Gegenteil einer mit einer guten Perspektive: Lehre, Beruf und deutsche Staatsangehörigkeit hätten der Reihe nach folgen können. Dass es anders kam – und nun Flüchtlingshelfer, Politiker und Sicherheitsdienstmitarbeiter völlig überrascht sind ob der „Entgleisung“ – hat viel mit der „westlichen Sicht“ auf die Dinge zu tun. Es gibt den Irrglauben, dass die Eröffnung einer „guten Perspektive“ hier die Einwanderer aus der Ferne zu integrierten „Mitbürgern“ macht. Da man bereits damit häufig scheitert ist es nun um so schmerzlicher sich einzugestehen, dass selbst eine gute (wenn vielleicht auch nur erschlichene) Bleibeperspektive und gesicherte Existenz den Einwanderer nicht davor feien, eine Tat dem IS zu widmen.

Wie kommt das? Wenn wir uns vorstellen, wir hätten beschlossen uns in Uganda anzusiedeln – egal ob im Alter von 14 oder 40 Jahren – würden wir uns dann nach zwei Jahren nicht mehr als Europäer fühlen sondern als Afrikaner? Würden uns Ereignisse, die unsere Familienangehörigen und Freunde in der fernen Heimat betreffen, nicht furchtbar aufwühlen? Es ist kaum einem Nicht-Europäer zu vermitteln, welche Unterschiede es gibt zwischen Nord- und Südeuropäern, West- und Osteuropäern geschweige denn, dass man noch die Unterschiede innerhalb eines Landes registriert. So wie für den Europäer alles Afrika ist zwischen Casablanca und Kapstadt so ist für den „rechtgläubigen“ Pakistaner oder Afghanen eben auch alles Europa, Westen und Land der Ungläubigen. Es kommt noch hinzu, dass in unserem Land besonders gern mit der amerikanischen Fahne herum gewedelt wird und man keine Stelle auslässt, auf das enge Band zu den USA zu verweisen. Das hat Konsequenzen!

Vermutlich hat die Attacke im Zug tatsächlich etwas zu tun mit einem Drohnenangriff der Amerikaner im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet im Raum Waziristan bei dem ein guter Freund des Täters umkam – bei uns war das nicht einmal eine Notiz wert auf der letzten Seite der Zeitung, bei Riaz A. aber war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der amerikanische Weltkrieg, den wir wollen und unterstützen oder ignorieren und still ablehnen wird mehr und mehr Opfer in Europa fordern, so lange wir nichts aktiv dagegen unternehmen – wenn aus dem Attentat überhaupt etwas gelernt werden kann, dann das!

Für viele Menschen aus Afghanistan, Syrien oder Pakistan ist klar, dass die Ermordung ihrer Angehörigen durch „Ungläubige“ eine Rache an diesen legitimiert – Allah unterscheidet vermutlich nicht zwischen guten Deutschen, bösen Amerikanern oder neutralen Chinesen. (Im speziellen Fall sind sogar überwiegend ausländische Touristen in Deutschland in unseren Schlamassel geraten – es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.) Zwischen dem verstehen-wollen des Anderen und dem verstehen-können gibt es oft eine Kluft – das erleben wir schon seit einem Vierteljahrhundert im Verhältnis von Ost- und Westdeutschen.

Eine Aufgabe ist jedoch nur dann zu lösen, wenn man sie verstanden hat – das Attentat beweist: Es ist uns bis jetzt noch nicht einmal in Ansätzen gelungen die Aufgabe zu verstehen. Somit sind viele Integrationskonzepte gespeist von bestimmten Wunschvorstellungen, die wenig mit der Realität der Einwanderer zu tun haben. Der Wurm soll aber nicht dem Angler sondern dem Fisch schmecken, das ist ein Grundsatz den Politiker und viele politisch Engagierte in ihrer jeweiligen Blase nur zu gern vergessen.

13:18 20.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ric DD

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