Udo Reiter: Freitod oder Selbstmord?

Selbstbestimmt Vor einem Jahr stürzte sich Erich Loest aus dem Fenster in einem Leipziger Krankenhaus in den Tod. Jetzt erschoss sich Udo Reiter bei Leipzig auf der Terrasse.
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In meinem Urlaub besuchte ich in der Nähe vom Chiemsee in einem Ort den Friedhof. Ein frisches Grab war von Blumen überschüttet. Auf dem Stein konnte man den Namen einer jungen Frau lesen. Sie war Anfang 20 gewesen und zwischen den Blumenkränzen stand ein Klassenfoto von einer Mädchenklasse aus einer sehr angesehen Schule aus der Region, wie ich später erfuhr. „Tragischer Unfalltod“ - dachte ich. „Nein, Selbstmord!“, sagte unsere Gastgeberin. Worauf sofort die Frage kam: „Die Selbstmörder dürfen jetzt hier sogar in der bayrischen Provinz auf dem Friedhof beigesetzt werden?“ Seit einigen Jahren dürfen sie – also in diesem Ort. Ob das für alle katholischen Friedhöfe Bayerns gilt, dafür möchte ich nicht meine Hand ins Feuer legen. Immerhin: In Bayern gibt es schon zumindest eine partielle „Emanzipation der Toten“ - wer selbst bestimmt aus dem Leben scheidet, dem wird offenbar nicht mehr grundsätzlich von der Kirche ein Bestattungsplatz verweigert. Udo Reiter kannte sein Bayern – er kam vom BR bevor er die Intendanz beim MDR übernahm.

Nach seinem Freitod strahlte DeutschlandradioKultur das letzte Interview aus, dass Reiter dem Sender im August gegeben hatte. Vehement sprach sich Reiter für das Recht auf selbst bestimmtes Sterben aus. Mit Anfang 20 hatte er einen schweren Verkehrsunfall und war fortan querschnittsgelähmt. „Damals dachte ich an Selbstmord!“ gestand er freimütig ein, später habe er dann gesehen, wie viele „Fußgänger“ es gab, mit denen er sein Leben nicht hätte tauschen wollen. Die Moderatorin hakte nach: „Und wenn Sie da mit Anfang 20 Schluss gemacht hätten?“ „Dann wäre es eben so gewesen“, gab Reiter vollkommen ungerührt zurück. „Wir können doch nicht den Menschen das Recht auf selbstbestimmtes Sterben verweigern, nur weil theoretisch eine Missbrauchsmöglichkeit besteht – wie verhält es sich denn bei der Abtreibung? Untersagen wir da den Frauen das Recht auf Abtreibung, nur weil theoretisch die Missbrauchsmöglichkeit besteht, dass vielleicht ein Partner oder andere Umstände eine Frau zwingen könnten, eine Abtreibung vorzunehmen?“ Die Moderatorin wechselte daraufhin das Thema.

Doch das Thema bleibt – erinnert werden darf in diesem Zusammenhang daran, dass sich fast auf den Tag genau vor einem Jahr Erich Loest in Leipzig das Leben nahm: Der über 80jährige sprang aus dem Fenster eines Krankenhauses. Ich möchte ehrlich gesagt nicht in einem Land leben, in dem sich renommierte Intendanten erschießen oder große Schriftsteller aus dem Fenster stürzen, weil es es eine Lobby-Gruppe aus Kirchenleuten, Ärztevertretern und vor allen Dingen der Pharma- und Gesundheitsindustrie gibt, die sich erfolgreich gegen den Wunsch der breiten Mehrheit der Bevölkerung auf ein selbstbestimmtes Sterben stellen. Diese Lobby-Gruppe hat quer durch alle Parteien Fürsprecher „gewonnen“. Dass der Freitod gerade in Sachsen Konjunktur hat ist auch kein Wunder – in keinem anderen deutschen Bundesland ist der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung höher als hier. Die Industrie wittert einen Riesenmarkt. Mit Halbtoten soll ein Milliardenumsatz gemacht werden – angeblich im Interesse der Betroffenen, in Wahrheit im Profitinteresse einer Pharma- und Gesundheitsindustrie, die längst eine breite Ärzteschaft an sich gebunden hat. Hinzu kommen unzählige Beitreiber privater oder kirchlicher Pflegeeinrichtungen.

Volkes Stimme für ein selbstbestimmtes Sterben hat es schwer bei so viel Sperrfeuer dagegen – aber wenn selbst in Bayern Personen, die den Freitod gewählt haben, auf Kirchenfriedhöfen beigesetzt werden, sollte es dann nicht in von progressiven Parteien regierten oder mitregierten Bundesländern möglich sein, den Menschen zumindest dort Chancen für selbstbestimmtes Sterben einzuräumen? Bisher gibt es die Wahl zwischen „Sterbetourismus“ in die Schweiz oder in die Niederlande – oder Fenstersprung in Leipzig bzw. Pistolenschuss auf der Terrasse. Wenn einzelne Bundesländer vorangehen würden, wäre der Weg für uns kürzer im Falle des Falles. Udo Reiter hat sinngemäß gesagt: Allein wenn man weiß, dass man die Möglichkeit hat, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden führt das in den Ländern, wo diese Gesetze bestehen, eher zu einer Gelassenheit im Umgang mit dem Thema und keinesfalls zu einer Freitod-Welle. Ob man seinem Leben noch einen Sinn geben kann oder der Meinung ist, dass die Lebensqualität infolge starker Krankheit auf unerträgliche Weise eingeschränkt ist, dies sollten allein die Betroffenen und nicht Politiker, Pfarrer und Ärzte entscheiden. Übrigens spiegelt sich bei dem Thema Freitod oder Selbstmord der alte Klassenunterschied wieder. Adelige, hohe Politiker oder Unternehmer „wählen den Freitod“ - Leiharbeiter, Arbeits- und Obdachlose „begehen Selbstmord“. Wenn zwei das Gleiche tun ist es noch lange nicht Dasselbe. Dem einen zollt man versteckt Anerkennung, den anderen stellt man als verantwortungslosen Straftäter hin – dabei haben beide das Gleiche getan. Der Totensonntag wäre alljährlich ein guter Anlass von den Parteien demonstrativ Antworten zu verlangen, wie ernst sie es mit dem Wunsch der Bevölkerung zum Recht auf selbst bestimmtes Leben u n d Sterben nehmen.

PS: Eine Suche mit der Suchmaschine ixquick ergab für die Kombination "Udo Reiter Freitod" 7.000 Ergebnisse und für die Suche nach "Udo Reiter Selbstmord" 35.000 Ergebnisse. Die Verwendung dieser beiden Wörter sagt viel aus über die Besitzverhältnisse in den Massenmedien und die Machverhältnisse beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

11:55 16.10.2014
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Geschrieben von

Ric DD

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