Fußball als Attraktivitätsfaktor

Sport Kann es sein, dass der Fußball zwar viele Menschen begeistert, der Fußball aber nur noch für Randgruppen auch eine gesellschaftliche Funktion erfüllt?
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Die Eintracht aus Frankfurt spielt als Aufsteiger erfolgreich in der Bundesliga und hat in der abgelaufenen Saison einen internationalen Platz erklommen. Der Fußballverein wurde, wie andere Bundesligavereine auch, in erheblichem Maße durch öffentliche Gelder gestützt – durch ein bespielbares Stadion, das man nicht selbst gebaut hat und günstig nutzt, durch Sponsorengelder von Firmen, an denen die Öffentliche Hand beteiligt ist (wie Fraport bis 2012 mit 5 Millionen Euro jährlich), durch Polizeieinsätze bei Heimspielen.

Demgegenüber gibt es permanent Fanausschreitungen, europaweit, aber auch bei Bundesligavereinen wie Frankfurt. Welche Funktion haben Fußballvereine wie die Eintracht heute – im Vergleich zu früheren Lustspielstätten, die der Unterhaltung gedient haben, aber auch der Ablenkung, der Anbiederung an niedere Instinkte? Kann es sein, dass der Fußball zwar viele Menschen begeistert – und dass die Fans dessen Spielbetriebskosten durch Eintrittskarten teilweise refinanzieren –, der Fußball aber nur noch für Randgruppen auch eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, die eine Kommune daher überproportional subventioniert und deren Kassen dadurch geschröpft werden?

Wie könnte Fußball als Happening aussehen und dabei eine gesellschaftlich übergeordnete Funktion für Viele erfüllen, und bei dem es auch legitim scheint, dass sich alle Bürger einer Kommune an dessen Kosten beteiligen?

Fußball dient der Erheiterung der Massen, der Unterhaltung, die Stadien sind Entladungsstätten für die Seele. Manche behaupten, Fußball habe eine kriegskompensatorische Funktion im Kampf gegen andere, inländische wie ausländische Gruppen. In jedem Falle hat Fußball eine emotionsentlastende Funktion und dient der Triebabfuhr. Vereine versuchen, eine immer breitere Fanbasis anzusprechen und optimieren sich dementsprechend als familienfreundliche Eventhochburgen samt gut geölter Merchandisingmaschinerie im Gepäck.

Zahlreiche Verflechtungen

In früheren Zeiten waren „Brot und Spiele“, „Getreide und Schauspiele“, „Brot und Wagenrennen“ eine Ablenkung fürs Volk: Ablenkung vom Politischen, von korrupten Machtzentren, man setzte das Amüsement zum Zeitvertreib ein und als Element der Entpolitisierung. Auch wenn heute Fußballvereine gerade für Hardcore-Fans sinnstiftend wirken, sind solche Funktionen für die Allgemeinheit in einer komplexeren Gesellschaft nicht mehr erkennbar. Obwohl es zahlreiche Verflechtungen zwischen den Vereinen und der staatlichen Seite gibt, die den millionenteuren Einsatz der Polizei oder den von Rettungsdiensten beinhalten, den millionenschweren subventionierten Bau von Spielstätten und indirekte Subvention durch Sponsorengelder von Firmen in Millionenhöhe, deren Anteile in öffentlicher Hand liegen – die Spielbetriebe der Fußballklassen decken mit ihren direkten und indirekten Steuerzahlungen bei weitem die Ausgaben. Aber größtenteils finanzieren sich die Vereine auch durch Fernsehgelder, die bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern durch Rundfunkgebühren mitfinanziert werden, die der einzelne Bürger zwangsweise bezahlen muss. Auch Unternehmensgelder bezahlen Konsumenten indirekt über höhere Preise – und nicht immer kann der Konsument auf andere Produkte ausweichen, beispielweise, wenn die Telekom auf dem Land der einzige DSL-Anbieter ist, gleichzeitig aber mit einem zweistelligen Millionenbeitrag den FC Bayern München sponsert.

Mediale Aufmerksamkeit

Die Unterstützung wird damit begründet, dass der Fußball eine gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen würde, da alleine die 1. Bundesliga in der letzten Saison fast 14 Millionen Zuschauer angelockt hätte. Auch wenn diese Zahl herunterbrechbar ist auf eine Besucherzahl von 400.000 bis 500.000 Menschen je Spieltag, die oft Dauerkarten haben und immer wieder ins Stadion gehen, also knapp 0,5 bis vielleicht 1 % der Bevölkerung ausmacht, so ist eine gewisse Bedeutung ersichtlich. Schon alleine wegen der medialen Aufmerksamkeit, die der Fußball genießt. Keine Nachrichtensendung ohne Berichte über die neuesten Knieprobleme irgendeines 25jährigen Mannes, keine Boulevardsendung ohne den neuesten Klatsch und Tratsch über Trennungsschmerz eines Nationalspielers. Und das Champions-League-Finale 2013 sahen – statistisch hochgerechnet zumindest möglich – etwa 25 Millionen Deutsche im ZDF und bei Sky, also vielleicht wirklich 30 % der Gesamtbevölkerung.

Nach Aussage der DLF trage die Bundesliga dem Bund etwa 1.5 Milliarden Euro an Steuern zu, also etwa 1:1650 vom Bruttonationaleinkommen (ehemals Bruttosozialprodukt).

Immense Förderung seitens des Staates

Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, weshalb dieses „Happening Fußball“ gegenüber anderen privatwirtschaftlich organisierten Unternehmungen so begünstigt wird, denn jedes Unternehmen könnte theoretisch sagen, dass der Staat doch bitte auf Steuergelder verzichten solle, weil man ja bereits Arbeitsplätze schaffen würde. Oder darum bitten, sich die eigenen Fabrikanlagen und Modernisierungen des Maschinenparks staatlich finanzieren zu lassen, da man doch Arbeitsplätze schaffe. Die Frage ist also, weshalb der Fußball eine immense Förderung seitens der öffentlichen Hand einfordert und auch erhält, die andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nicht erhalten – von pervertierten Subventionsextremen internationaler Großkonzerne einmal abgesehen.

Etwas ergänzt diese Fragestellung: Eintracht-Anhänger überfallen und prügeln Nürnberg-Fans und Freiburg-Fans Ende Februar, als Beispiel genannt und jeden Spieltag hundertfach vor, während und nach den Spielen in Stadien zu begutachten. Auch Beispiel Manuel Neuer, abseits der Eintracht: Ein Torwart, der als Eigengewächs galt und als Teil des Schalke 04. Noch vor seinem Wechsel zu Bayern München wurde er von Schalker Fans ausgestoßen und diskreditiert. Von zahlreichen Morddrohungen gegen Kölner oder Magdeburger Spieler aus anderen, nicht minder niederen Beweggründen des eigenen oder gegnerischen Fußballvolkes mal abgesehen. Formell handelt es sich dabei um Landfriedensbruch, Raub und Körperverletzung, Nötigungen, Drohungen und sonst allerlei Strafbewährtes. Das Strafgesetzbuch gibt hier hinreichend Möglichkeiten, den Tätern Einhalt zu gebieten.

Aber dahinter verbirgt sich mehr: Es deutet darauf hin, dass es sich bei Fußballfans um Gemeinschaften handelt, deren Sinn auch eine Polarisierung ist, also eine Abgrenzung. Wer zu uns gehört, so wird geschrien, gepöbelt, herausposaunt oder anderweitig mitgeteilt, muss bestimmte Merkmale aufweisen und ein bestimmtes Verhalten, also eine gewisse Ethik präsentieren. Und, vor allem: Wir, die Fans eines Clubs, bestimmen, wer dies in unserem Fall ist. Zu der formellen Aufnahme kommt noch eine emotionale hinzu. Nicht umsonst spricht man von Freund und Feind, ein Schalker Fan kann kein Dortmunder Fan sein, es gibt Rivalitäten zwischen Kaiserslautern und Mainz, zwischen Mainz und Frankfurt, zwischen Nürnberg und München − um nur wenige zu nennen.

Entscheidend ist daher auch die Frequenz der Ereignisse: Quasi im Wochentakt können Polarisierungsmechanismen ausgeführt, also eingeübt und praktiziert werden. Die Triebabfuhr geschieht regelmäßig, der Druck, dies zu unterlassen, wird gesellschaftlich weggeredet nach dem Motto „Es ist doch alles nur ein Spiel für und unter Männer(n)“. Diese Triebabfuhrlokalitäten scheinen aber irgendwie nicht mehr richtig eingrenzbar zu sein: Waren dies früher Stadien und deren lokale Umkreise, so wird der Wirkkreis scheinbar größer. Oder liegt dies nur an der höheren Aufmerksamkeit der Medien und deren immer größerem Verlangen nach Ereignissen, auch wenn es die allerkleinsten sind? Gab es vor Jahrzehnten auf Autoraststätten ebenfalls Pöbeleien, Drohungen oder Nötigungen, so werden diese dank Twitter, Facebook, per SMS oder MMS und mit Hilfe moderner Smartphones und Tablets schnell in die Welt versandt und somit auch bekannt und bekannter.

Vereine wehren sich

Wie reagieren nun die Vereine? Die Vereine kämpfen und attackieren wild – gegen bengalische Feuer und kleine Fackeln, gegen leiseste Kritik und nur ganz selten mit Stadionverboten gegen eigene Fans. Wer bereits vor Jahrzehnten in Stadien die wunderbare Atmosphäre erlebt hat, die ein Publikum ausstrahlen kann, das durch bengalisches Feuer und viel Glitzerkram ein famoses Happening präsentierte, der ist über den Kampf gegen Feuerwerkskörper überrascht. Auch wenn diese in extremen Ausnahmesituationen bei zweckentfremdendem Einsatz als Wurfgeschosse durchaus gefährlich sein können, so ist – ohne polemisch zu sein – jede Treppe in Stadien ein gefährlicherer Ort und dieser Kampf letztlich ein pseudopolitischer nach dem Motto: Schaut her, wir sind nicht untätig, wir Kämpfen gegen niedere Umtriebe, schaut her, wir sind auch weiterhin ein sicherer Ort für all die potentiell kaufkräftigen Fans, die uns besuchen und einen gemütlichen und familienfreundlichen Tag haben wollen.

Notwendige Medienbilder

Fußball als Stadion-Event-Kultur? Könnte man meinen. Allerdings sehen die meisten Menschen Fußball über Medien. Dort spielen kreischende Stimmungen, der lustvolle Fanbeitrag zum Wohl und Wehe der Heimmannschaft oder die grölenden und mitfiebernden Gastfans keine Rolle. Dieses Stimmungsbeiwerk im medialen Hintergrund ist wichtig, um die notwendigen Medien-Bilder zu produzieren und Stories zu komplettieren: Hier Freund, hier Feind, hier Heim, hier Auswärts, hier Rot, hier Gelb. Vereine generieren über Zuschauereinnahmen nur noch etwas mehr als 20 % Prozent aller Einnahmen. Bedeutung haben vor allem Sponsorengelder und Fernseheinnahmen mit über der Hälfte. Und hier spielt das über mediale Träger produzierte und weitergetragene Image eine entscheidende Rolle.

Es gab schon immer Bestrebungen von Vereinen, mehr Familienkult einkehren zu lassen und dadurch den potentiellen Interessentenkreis – auch an Merchandising-Produkten – zu erweitern: So errichtete die emsig tätige Vereinsführung des damaligen Erstligisten 1.FC Kaiserslautern in den 90er Jahren allen Ernstes einen kleinen Kinderspielplatz auf der Nordtribüne, mit buntem Schaukelpferdchen inklusive.

Keine Angst haben müssen

Der Gedanke war und ist jener: Mehr Familien bedeutet Fannachwuchsförderung, weniger aggressive Stimmung, angenehmere Atmosphäre, in der weitere Merchandisingartikel verkauft werden können. Lediglich Hardcore-Fans zu haben, vielleicht sogar mit Dauerkarte ausgestattet, ist nicht erwünscht, wie Uli Hoeneß in einem TV-Interview 2012 mitteilte, denn dieselben Fans würden, so der Münchner Präseident, weniger Fanartikel kaufen – neue Fans sollen ebenfalls die Chance dazu erhalten. Mehr Familien bedeutet aber auch ein größeres Happening. Wer Angst haben muss ins Stadion zu gehen, geht eben nicht. Es geht also darum, einen größeren Kreis an potentiell Eventinteressierten anzusprechen. Also ums Geld.

Identifikation mit dem Verein

Man mag es gutheißen oder nicht: Wer bereits im Amateurbereich der Bezirksliga oder in Kreisklassen mitbekommen hat, wie Schiedsrichter beschimpft oder Presseschreiber beeinflusst werden, wie aggressiv und voller auch negativer Emotionen der Fußball sein kann, der sollte sich keinen falschen Illusionen hingeben: Fußball ist in seinem Kern kein Volkssport. Er ist vielmehr ein Sport für das Volk, mit mannigfaltigen Ausprägungen, vielen konfliktträchtigen Details, für die jeweils eigene Heimat gedacht, für die Identifikation. Es erscheint doch sehr fragwürdig, wie Millionen Menschen sich wirklich mit einem Verein identifizieren können, ohne je die Elemente kennengelernt zu haben, die für diesen Verein so elementar scheinen: Die noch nie das Vereinshaus von innen gesehen haben, die „mit dem Verein“ nicht aufgewachsen sind, also die eigene Geschichte nicht mit der des Vereins verflochten haben, der ersten Freundin nicht das Stadion gezeigt haben, die Spielernamen großer Vereinsmannschaften nicht mehr kennen, die den Aufbau der Strukturen nicht verfolgen konnten, sondern nur deren heutige konkrete Ausformungen: Was ist das dann aber, mit dem man sich identifiziert? Es ist das medial kreierte Image, mit dem man sich „identifiziert“, das man aber eigentlich mag oder nicht, welches man faszinierend findet oder nicht, dessen Ausstrahlung man so schätzt, dass man sich das Emblem des Vereins als kumuliertem Imageträger gerne ans eigene Revers heftet. Und zugleich erhofft, davon persönliche eigene Stärke zu erhalten. Oder was auch immer.

Einfluss auf Image nehmen

Eine Stadt wie Frankfurt sollte also vor dem Hintergrund der ungewöhnlichen Bevorzugung vor anderen Unternehmungen und den negativen Auswüchsen, die der Fußball mit sich zu bringen scheint, so ehrlich sein und zugeben: Es gibt Fans im eigentlichen Sinne, die sich mit dem Verein Eintracht identifizieren. Und es gibt Fans, die eine Beziehung zu dem Medien-Image des Vereins haben oder die Hoffnung darauf setzen, dass sich dieses plastische Bild des Vereins so entwickelt, dass es die gewünschte Ausstrahlung hat, die man sich erwartet. Fraglich ist, ob Bürger, die mit Fußball rein gar nichts zu tun haben, dafür bezahlen sollen. Basis dafür wäre, dass der Verein ein Attraktivitätsfaktor für eine Stadt wie Frankfurt ist. Nur dann hat eine kommunale Unterstützung Sinn und weist auch nur dann eine gesellschaftlich relevante Funktion auf, wenn also das Image hinreichend in eine Richtung wirkt, die die Kommune wünscht, und wenn diese auf die Bildung des Images maßgeblichen oder soweit wie möglichen Einfluss haben kann.

Falls nicht, und falls die eigentlichen (Hardcore-) Fans immer wieder negativ in Erscheinung treten und der Verein wenig dagegen macht, handelt es sich nur um eine Trick- und reine Bezahlkiste obskurer Spieleanbieter.

Artikel aus aktuellem HessenHORN, Ausgabe August, Edition 2013. http://www.hessenhorn.de

12:32 01.08.2013
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Geschrieben von

Richard Hörner

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