Lebenslust kontra Marketingfrust

Denkmalpflege Orte, die die Denkmalpflege zu bewahren versucht, sind mehr als Abspielorte für klassische Konzerte und mehr als Hintergrundkulisse für sonntägliche Kaffeekränzchen.
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Der Co-Vorsitzende der französischen Linken und Europaabgeordnete, ein gewisser Jean-Luc Mélenchon, machte Anfang Juni diesen Jahres Aufruhr mit der Bemerkung, dass ein Mensch, der Lust am Leben hätte, „niemals Deutscher sein“ wolle.

Eine weitere Nachricht schreckte gleichzeitig auf: Nordrhein-Westfalen (NRW) will die Gelder für die Archäologie und Denkmalpflege bis 2015 vollständig streichen. Bereits nächstes Jahr gibt es nur noch knapp ein Viertel. In Hessen sieht die Situation auf den ersten Blick weniger dramatisch aus: Für Denkmalschutz und –pflege sind 2013 8,3 Millionen Euro vorgesehen, wobei in diesem Bereich Einnahmen i.H.v. 2,14 Millionen Euro gegenüberstehen, was eine wirkliche Belastung von etwa 6,2 Millionen Euro ergibt. Für 2014 sind Ausgaben i.H.v. 9,76 Millionen Euro bei Einnahmen von etwa 1,1 Millionen Euro vorgesehen, also eine Belastung von ca. 8,7 Millionen Euro. Zumindest wird in Hessen nicht gekürzt.

Unbedeutende Denkmalpflege

Bei einem hessischen Ausgabenplan 2013 von über 31 Milliarden Euro und 2014 von über 32 Milliarden Euro sieht die Sache schon anders aus: Die Denkmalpflege erscheint unbedeutend und unter ferner liefen, fast nicht mehr messbar. Der Sport wird 2-3 Mal mehr gefördert, kirchliche Angelegenheiten 8-9 Mal mehr, eine weitere Auflistung nützt nichts, verlängert nur die Erkenntnis der Bestandsaufnahme: Denkmalpflege ist uninteressant. Selbst dann, wenn man mit einbezieht, dass der denkmalpflegerische Mehraufwand bei Erhaltungs- und Restaurierungsmaßnahmen an Kulturdenkmälern durch die Eigentümer steuermindern sind und damit der Staat in Form geringerer Einkommensteuern an den Investitionen indirekt beteiligt ist.

Eine Liga mit Versailles

Was hat die Aussage des Franzosen Mélenchon mit der Bestandsaufnahme, dass Denkmalpflege aus politischer Sicht in Ländern wie NRW oder Hessen eher uninteressant scheint, zu tun? Eine weitere Beobachtung ist vielleicht hilfreich: Kassel freute sich darauf, dass der Bergpark mit Herkules und den Wasserspielen von dem Welterbekomitee der UNESCO vor kurzem als Kulturdenkmal anerkannt wurde. Der Oberbürgermeister sah sich bereits in einer Liga „mit Versailles“, er erkannte einen „Ritterschlag“. Und man freue sich auf mehr Besucher, er strich die wirtschaftlichen Aspekte für Gastronomie und Tourismus heraus. Der Hessische Rundfunk betonte im Vorfeld der Auszeichnung vor allem die Publicity, die der Titel „Weltkulturerbe“ mit sich bringen würde. Denn dieser mache den Park international noch bekannter und locke noch mehr ausländische Besucher an, erwartungsgemäß etwa zehn Prozent mehr Touristen pro Jahr, wie andere Beispiele gezeigt hätten. Kassel zeigt: Erst die Auszeichnung, die mehr Geld verspricht, scheint bedeutend, 400.000 Besucher im Jahr erfreuen sich bisher an dem Wassergeplansche, doch wie viele davon kennen die Geschichte des Baus, dessen Probleme, die dahinter liegende Idee?

Fassen wir zusammen: Der freche Franzose Mélenchon, der eine scheinbar fehlende Lebensfreude konstatiert, die wenigen Gelder von politischer Seite für die Denkmalpflege in Bundesländern und die Sucht nach dem Marketingtitel „Weltkulturerbe“ in Kassel – alle drei Beispiele deuten auf eine mögliche Geringschätzung der kulturellen Besitztümer und auf ein Desinteresse an deren wirklicher geschichtlicher und gesellschaftlicher Bedeutung hin.

Marketing und Tourismus

Ganz klar: Würden sich die Deutschen der Werte der zahlreichen denkmalpflegerisch bedeutsamen Bauten und Orte von der Pfalz bis ins Erzgebirge auch ohne Marketing und Titeln und Publicity bewusst machen − so könnte man postulieren −, würde dies zu mehr Lebensqualität und Lust am Leben führen. Was den Deutschen ja von außen scheinbar abgesprochen wird.
Wieso eigentlich? Die UNESCU beschrieb die Anlage mit den Wasserspielen in Kassel beispielsweise als ein "hervorragendes Beispiel aus der Ära des europäischen Absolutismus". Darüber hinaus sei die Herkulesfigur technisch und künstlerisch die anspruchsvollste Großskulptur der Frühen Neuzeit. Auch gebe es keinen anderen Ort der Welt, an dem eine am Hang gelegene Parkarchitektur mit vergleichbaren Ausmaßen und einer technisch so vollkommenen Wasserarchitektur ausgestattet worden sei. Ära eines europäischen Absolutismus? Technisch und künstlerisch anspruchsvoll? Großskulptur der Frühen Neuzeit? Parkarchitektur und technisch vollkommene Wasserarchitektur? Alles Begriffe, die bei den Aussagen der zahlreichen Kasseler Beteiligten nach der Verleihung des Titels Weltkulturerbe für die Kasseler Wilhelmshöhe scheinbar fehlten, die dafür aber eher von Marketing und Tourismus fabulierten.

Weshalb scheint der Wert eines Kulturschatzes erst dann richtig Einkehr in die Köpfe der Beteiligten zu erhalten, wenn er von einem Titel „Weltkulturerbe“ oder von einer Bewertung á la „Stufe mit Versailles“ geadelt wurde, wieso bedarf es solcher Auszeichnungen überhaupt und dem Run danach, damit man Aufmerksamkeit erhält und vielleicht mehr Touristen? Falls der Wert eines Ortes von solchen Titeln abhängt, kann dies ja nicht mehr viel mit dem eigentlichen Bauwerk zu tun haben. Könnte dies – zusätzlich zu der finanziellen Geringschätzung − ein Hinweis auf die emotionale Geringschätzung sein, die der Denkmalpflege in Deutschland, in vielen Bundesländern zumal, entgegengebracht wird? Dabei bieten die deutschen Bundesländer eine unendliche Fülle an Kulturdenkmälern und zahlreiche Stätten, die auch fernab touristischer Überlegungen aus mannigfaltigen Gründen heraus beschützenswert erscheinen und daher auch für nachfolgende Generationen konserviert werden müssten.

Plätschernde Brunnen

Das Ergebnis einer solchen Geringschätzung, die sich nicht nur politisch zeigt, sondern auch bereits im Kindergarten und der Schule durch lustlose Zwangsbesuche entlanghangelt und eigentlich bis in den universitären oder beruflichen Alltag reicht, ist, dass viele Menschen bei dem Begriff Denkmalpflege an Grabstätten und Reiterstatuen irgendwelcher Aristokraten, Politiker oder Militärführer denken. Oder an plätschernde Brunnenanlagen wie in Kassel, die man im Sommer als Ausflugsziel besuchen kann und vor dessen Hintergrund sich mit den Kindern ein Eis lecken lässt. Neuschwanstein lässt grüßen. Oder an die unangenehm hohen Sanierungskosten für innerstädtische Bauten und Eigenheime. Oder an Schulfreizeiten mit nervig-plappernden Stadt- oder Reiseführern.

Aber Denkmalpflege ist weit mehr als Tourismusförderung: Zwar reisen Touristen in Scharen nach Italien, besuchen die Uffzien in Florenz, die römischen Badehäuser, die Via Appia, gerade viele Deutsche zieht es nach Spanien, man bewundert die Sagrada Família in Barcelona, genießt Madrid, bewundert die Altstadt von Sank Petersburg. In Frankreich ist man überwältigt von der Schönheit des Seine Ufers, man will auf den Eifelturm hinauf, sich von Sacré-Coeur beeindrucken lassen. In den meisten Ländern werden Kulturdenkmäler gehegt und gepflegt, weil man sich Touristen erhofft, die Gelder einbringen, sprich: der wirtschaftliche Aspekt dominiert. Aber, und dies darf man nicht unterschätzen: Die dortigen Bevölkerungen wollen darüber hinaus genießen, den Ort, das Leben, wollen sich von Bauten und deren Geschichten beeindrucken und inspirieren lassen. Man will hinabsinken in die Erfahrungswelt der Vorfahren und erfühlen, was sie dachten, als sie am selben Ort gesessen haben. Will darüber diskutieren, was hier oder dort bereits diskutiert wurde. Will darüber debattieren oder schimpfen oder sich auch nur klar machen, weshalb Politiker wie Mitterand „Staatsarchitektur“ als wichtig erachteten und erleben, was es heißt, diese persönlich zu erfahren und was dadurch in einem ausgelöst wird und was oder wie man sich dadurch verändert.

Emotionale und finanzielle Gerungschätzung

Bei der Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland fehlen diese vielen Assoziationen und Nebenbedeutungen, fehlt dieser emotionale und verstandesmäßige Genuss an Geschichte und Schönheit der Vergangenheit. Könnte gerade dies der Grund sein, weshalb man in Deutschland Denkmalpflege finanziell und emotional gering schätzt und nur an wenigen Orten politisch ordentlich betreibt? Was sagt dies über das Verhältnis zur eigenen Kultur und Geschichte, zur Heimat aus?

Ohne ein geschichtliches Bewusstsein lassen sich keine zukunftsgerichteten und fruchtbaren Lebensperspektiven finden. Der Ort, von dem wir kommen, definiert den Ort, an dem wir uns befinden. Und nur mit genauer Kenntnis der Geschichte, der Personen, der Umstände und Lebenssituationen können wir die gegenwärtigen Positionen und Lebensräume erfassen, auf deren Basis jeder Bürger planen, konstruieren, entwickeln kann. Dabei ist die Definition dieses genauen Punktes, an dem man sich gegenwärtig befindet, wesentlich diffiziler als man glaubt: Der einzelne Mensch weiß, ob er auf einer bestimmten Straße, auf einem Feld oder auf einem Weg steht. Wo aber befindet sich eine Gesellschaft kulturell, wo politisch, wo wirtschaftlich oder in der Vernetzung mit ihren Nachbarn, wenn man die Vergangenheit nicht untersucht, nicht analysiert und nicht konserviert hat – und nicht beobachtbar, nicht erlebbar macht. Orte, die die Denkmalpflege zu bewahren versucht, sind mehr als Abspielorte für klassische Konzerte, mehr als Pflichtbesuchsorte für Schüler, bedeuten mehr als Hintergrundkulisse für sonntägliche Kaffeekränzchen. Die Fotografen, Zeichner, Restauratoren, die Bauarbeiter und Kunsthistoriker tragen dazu bei, Denkmäler und kulturell wertvolle Orte und Gegenstände zu bewahren, damit die jetzige und nachfolgende Generation Vergangenheit „sinnlich erfahren“ kann. Mit einer richtigen informationellen Aufbereitung kann die Erfahrung an einem Ort der Geschichte nachvollzogen und neu gemacht werden, kann Vergangenheit und können Prozesse hin zur Gegenwart plastisch aufbereitet und verstanden werden.

Kunstgeschichtliches Bewusstsein führt vor diesem Hintergrund zu einer klaren Gegenwartsposition, die wiederum beitragen hilft, bessere Zukunftsentscheidungen zu treffen.

Sinnvolle Zukunft generieren

Darüber hinaus machen diese sinnlichen Erfahrungen, die auch die ästhetischen Bedürfnisse befriedigen können, Spaß und führen zu einer persönlichen Einordnung im Leben. Wer bin ich, woher komme ich als Teil einer Gemeinschaft, wieso stehe ich hier, was kann ich tun – für mich und die Gemeinschaft? All dies leistet die Denkmalpflege. Wer seine Eltern und Großeltern liebt, der liebt auch die Pflege des Andenkens an deren Zeiten, an deren Denken und Leben.

Was kann die Denkmalpflege nun konkret leisten, um diesen Geist der kulturellen Vergangenheit aufrecht zu erhalten, um sinnvolle Zukunft überhaupt erst zu ermöglichen? Zuerst einmal: Es ist völlig egal, wie Diskussionen darüber enden, ob man beispielsweise Gebäude so herrichten soll, wie sie einst dastanden. Oder sie in ihrem jetzigen Zustand erhalten will und so vielleicht auch deren Zerfall dokumentiert. Was fehlt, ist eine Konzeption, die die „Dimension Besucherrezeption“ sinnvoll inkludiert. Und dies jenseits von Zwangsveranstaltungen, die Schüler erdulden müssen und nur dazu dienen, die Besucherzahlen künstlich in die Höhe zu treiben.

Erlebbare Bezugspunkte entstehen lassen

Wichtig scheint, dass sich zuerst der Betreuer der Stätte, des Gebäudes, der denkmalpflegerisch wertvollen Sache etwas abverlangt und dann den Besuchern. Beides ist elementar. Der Betreuer muss eine Konzeption darüber aufstellen und durchführen, wie man den Ort und die Geschichte sinnlich erfahren kann, wie Hintergrundinformationen modern aufbereitet werden und wie man den Betrachter bzw. den Besucher in seinen Bann zieht. Und zwar auf eine Art und Weise, die den Besucher in eine Erlebnisatmosphäre entführt, die Gerüche mit einschließt, das Auge, den Tastsinn, Geräusche, also sämtliche Sinne. Zudem noch das Denken anregt und eine Verbindung schafft von Erfahrung und für die Zukunft Erlernbarem. Wo erlebbare Bezugspunkte entstehen, mit multimedial aufbereiteten Geschichten und Wissenselementen. Dies kann – man möge nur in die USA blicken – durchaus auf spielerischem Weg geschehen, dies scheint nicht immer zu einer Banalisierung des Ortes zu führen.

Was spricht dagegen, der Imaginationsfähigkeit und –tiefe des Betrachters mit einer Kombination aus Inszenierung und Präsentation ein wenig nachzuhelfen? Es fehlen in Deutschland überwiegend derartige Erlebniskonzepte mit dem Ziel: Eintauchen in andere Zeiten und Welten. Was konzipiert werden muss sind Abläufe, wie dieses „Eintauchen“ auch durchgeführt werden könnte. Derzeit wird meist ein Hotel promotet, werden meistens gastronomische Angebote oder musikalisch umrahmte Veranstaltungen angeboten, ein paar Pädagogen schreiben aus Schulbüchern langweilige Texte ab und entwerfen daraus Faltblätter für Besucher. Das reicht aber nicht aus. Das Aufstellen eines Tafelbildes mit wenig Text, damit der Besucher intellektuell nicht allzu abgeschreckt ist, sowie der Bau einer Besuchertoilette und eines Kioskstandes des Schwagers des Dorfbürgermeisters reichen hierfür sicherlich nicht aus.

Der Besucher muss ebenfalls gefordert werden: Nicht schulisch und lehrmeisterhaft. Dessen Bereitschaft, sich auf das Bauwerk, den Zauber der Skulptur, die Schönheit und Geschichte des Gemäldes einzulassen, muss durch eine moderne und sinnliche Aufbereitung zuerst hergestellt und dann eingefordert werden. Dazu gehören beispielsweise spielerische Elemente für Kinder und Jugendliche sowie durchaus auch rollenspieltechnische Erfahrungswelten, die aus mehr bestehen müssen als aus der Darstellung von ein paar Laienschauspielern im Rahmen eines jährlich durchgeführten Festes, Würstchenbude inklusive. Interaktive Elemente sind gefragt und gefordert. Und durchaus auch die spielerisch mögliche Wissenstestung am Ende einer Führung, für einen angebotenen Gewinn, für einen guten Zweck, aber in jedem Fall für die Bildung des Rezipienten.

Steigerung der Lebensqualität

Ein Bundesland, das erreicht, dass die Besucher inspirierter und aufgeschlossener, offener für Geschichte und fremde Erfahrungswelten werden sowie mit einem spielerisch erarbeiteten Lernerlebnis den denkmalpflegerisch wertvollen Ort verlassen, oder eine Kommune, die es schafft, das Interesse und die Beschäftigung für ein Monument oder eine Skulptur, für die Gegenstände eines Museums interaktiv hervorzurufen – hat viel für die eigene Geschichte und viel für die Zukunft der eigenen Gesellschaft getan. Und viel für die Lust am Leben und die Lebensqualität der eigenen Bürger. Und damit ließe sich auch Geschichte machen.

Artikel aus aktuellem HessenHORN, Ausgabe August, Edition 2013. http://www.hessenhorn.de

15:12 08.08.2013
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Geschrieben von

Richard Hörner

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