Richard

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RE: Ursprung der Verschwörungstheorie | 18.03.2013 | 16:42

Ursprung? Hintergrund? Erkennen? Aushebeln? Beim Lesen des Titels war ich sehr gespannt, wie fundiert dieser Beitrag ist. Hört sich ja nach einer gut recherchierten, wissenschaftlichen Betrachtung an. Doch was folgt?

Gleich im ersten Absatz wird erstmal gewertet. Was soll an einer Diskussion nervig sein? Erkenntnisgewinn funktioniert nur über Informationsaustausch, auch bei dieser Thematik. Die Frage „Wer kennt das nicht?“ impliziert auch noch, dass das jedem so gehen sollte. Im Folgenden wird dann mit den Formulierungen „Massenphänomen“ und „… prägen die Gesellschaft.“ herumgeworfen, was ich für schlicht falsch halte.

Vor allem, wenn man die folgenden beiden Absätze liest. Die Leugnung des Holocaust ist sicher kein Massenphänomen und schon gar nicht gesellschaftsprägend. Es ist geradezu erschreckend, wie hier die Alle-in-einen-Topf-Strategie so plump daher gereicht wird. Das wird auch nicht wahrer durch die Verwendung von „natürlich“ und „selbstverständlich“, es ist eine undifferenzierte Betrachtungsweise. Plump ist auch der Versuch des Autors, gleich alle mit in das Boot zu holen: „Wir alle wissen: …“. Lustig ist es dann aber schon, wenn im nächsten Satz von „Wahngewissheit“ gesprochen wird. Einerseits wissen wir also alle, das andererseits die Verschwörungstheoretiker alles zu wissen glauben? Nun gut …

Der nun folgende Abschnitt „Ursprung einer Verschwörungstheorie“ hält weder, was die Überschrift verspricht, noch beantwortet er die vom Autor selbst aufgeworfenen Fragen. Betrachtet man historisch erforschte Verschwörungen (Sieben Schwestern, Galdio, Elsberg usw.), stand am Anfang der Verschwörungstheorie keine Guru oder oberparanoider „Begründer“, es waren Journalisten, Schriftsteller, Historiker und manchmal Kommissar Zufall. Auch Zweifel und Skepsis treiben Menschen dazu, sich mit bestimmten Thematiken besonders zu beschäftigen. Die wenigsten von ihnen sind oder waren dabei wahnhaft. Ich bestreite keineswegs, dass mit verschiedenen Themen Schindluder getrieben wird, um Geld zu verdienen. Doch auch hier wünschte ich mir eine genauere Analyse.

Im Übrigen leuchtet mir nicht ein, wie einerseits „…selbst studierte Wissenschaftler und sonst rational denkende Menschen.“ plötzlich an Verschwörungstheorien glauben und einige Zeilen später „Rationale und vernünftig denkende Menschen … solche Verschwörungstheorien leicht entlarven können.“. Es sind dann also nur noch die labilen und naiven Menschen, die an eine VT glauben? Oder wollte der Autor eher zum Ausdruck bringen, dass wenn man einer VT Glauben schenkt, man automatisch naiv und labil ist? Mir erschließt sich das nicht, der Autor paart zu viele Widersprüche und eine Pauschalisierung, die an schlecht recherchierten Beispielen festgemacht wird.

Schön ist der Schlusssatz dieses Abschnitts „ An der ‚Wahrheit‘ sind sie dabei nicht wirklich interessiert.“ Wieso steht Wahrheit hier in An- und Abführung? …

Damit nicht genug, im Folgenden werden Verschwörungstheoretikern Intellekt und Kompetenz pauschal abgesprochen. Kurzum – wer an eine VT glaubt, ist dumm. Oben las ich noch etwas von „Massenphänomen“ und „gesellschaftsprägend“ … jetzt fehlt es den Massen an Intellekt. So langsam wird es entweder unverschämt oder einfach nur schlecht geschrieben.

Beim Lesen des nächsten Ansatzes (Terror-Management) kräuseln sich mir einfach nur die Nackenhaare. Die Betrachtungsweise ist einseitig und ebenfalls ganz schlecht recherchiert. Mittlerweile gibt es zum Terror-Management ganze Vorlesungen an Universitäten und unzählige Bücher (aus renommierten Verlagen, von guten Autoren). Auch das Anlegen einer psychologischen Parallele zwischen 9/11, Holocaust-Leugnung und Klimawandel-Leugnung geschieht meines Erachtens viel zu oberflächlich (das ist sehr diplomatisch ausgedrückt!). Ich kenne unzählige Menschen, die nicht von der surprise-Theorie überzeugt sind, die eher zu mihop oder lihop tendieren. Ich kenne aber keinen (nicht einen einzigen!), der den Holocaust leugnet. Auch hat keiner einen Minderwertigkeitskomplex oder eine der sonstigen Diagnosen, die im Absatz „Es lässt sich also erkennen: …“ angeführt werden.

Der Schlussabschnitt liefert dann allerdings noch einmal einen interessanten Aspekt. Die Welt wird also komplizierter und wir verstehen die alltäglichen Dinge nicht mehr. Nun gut, wenn ich nun aber diese Dinge hinterfrage, nach Informationen suche, darüber nachdenke und ggf. einen Verschwörungs-Verdacht äußere, bin ich Verschwörungstheoretiker, damit also naiv und labil, inkompetent und nicht intelligent, habe Minderwertigkeitskomplexe und gerate auch noch unter den Verdacht, ein Rechtspopulist zu sein. Also tue ich was … nicht mehr denken? Das kann nicht die Lösung sein.

Jetzt aber los zum Aushebeln der Verschwörungstheorien, na gut – nur „beinahe“ kann jede VT ausgehebelt werden. Ganz klar ist mir auch hier nicht, wieso oben noch von „Massenphänomen“ gesprochen wird und von der Komplexität der Welt, wenn doch jeder Laie mit logischem Denken beinahe jede VT aushebeln kann. Ich hätte mir hier das eine oder andere Beispiel gewünscht, gerade im Bezug auf die „Erfahrungen“, die gemacht wurden. Doch der Autor spickt seinen Text jetzt mit „scheinbar“ und „meist“ (wo sind die rationalen Argumente?) und kreist eine Weile über dem Thema, um dann aber sofort wieder herunter zu stoßen und eine weitere Verallgemeinerung vorzunehmen.

Den ganzen geschwafelten Zwischenteil lasse ich mal außen vor. Die Wissenschaftsdiskussion ist müßig, hier reicht eine Stunde Recherche aus um fest zu stellen, dass es hier Automatismen gibt, die nicht unbedingt demokratiekonform sind (Zusatzstoffe, Pphthalate, E-Auto). Das gibt es auch in der Archäologie, in der Pharmaforschung und in vielen weiteren Bereichen.

Auf eines muss ich dennoch eingehen, weil es mich aufregt. Der Absatz „Es wird daran appelliert …“ ist doch wirklich die Krönung. Oben heißt es noch, dass jeder rational denkende Mansch mit logischem Verstand beinahe jede VT aushebeln kann. Nun heißt es, dass aber eine gehörige Portion Fachwissen notwendig ist, um Quellen richtig zu verifizieren und deren Inhalt auch zu verstehen. Die einen, die also an keine VT glauben, die können das total easy klar machen, die anderen sind einfach zu blöd? Auch das erschließt sich mir nicht. Denken ist oke, aber nur in eine Richtung?

Zur Verschwörungsindustrie enthalte ich mich, obwohl eine genauere Betrachtung des genannten Beispiels „Freie Energie“ durchaus interessant sein könnte.

Geld gebe ich grundsätzlich nicht aus für Informationen. Das Netz und Bibliotheken sind da sehr hilfreich.

Nach dem Lesen des letzten Absatzes würde ich auch dem Autor professionelle Hilfe empfehlen. Nichts für ungut …