ästhetisch, politisch, philosophisch

Kunst im Netz Jahresausstellung der AdbK München 2014 – und so gut wie nix im Netz ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Da will ich über die beeindruckende Jahresausstellung schreiben, und mich zuvor im Netz schlaumachen, doch googeln hilft so gut wie gar nicht. So ärgerlich dies fürs Schreiben dieses Blogs hier ist – mir gefällt der Gedanke von der Unvollständigkeit des Netzes. Was ja nicht mehr und aber nicht weniger heißt: das Netz bildet die Wirklichkeit nicht ab, ersetzt das eigene ErLeben nicht und – ja, wie banal – wer die digitale Welt nicht verläßt, der lebt auch nicht.

Doch zurück zur Jahresausstellung, von der es keine Zusammenfassung gibt. 13 Bildkens auf Homepage der Akademie. Aber nix zum Amity-Kube aus Pappmaché. Nix zur sorgsamen Gruppenarbeit mit dekonstruktivistischen Blick auf modernes Design, für die sich mir der Name Alessi und Colani go Kafka aufdrängt ... Eine geschlossene, braune Zelle mit mutiertem Stahlrohrmobiliar in die man nur durch völlige Dunkelheit gelang und deren Wände bei Berührung hallig-verzerrte Klänge generieren ...

Erstaunlicherweise finde ich auch nix zu der für mich hintergründigsten Arbeit – Frank Balves Installation Timber la ruin. Die auf fünf Monitoren zappelnden Videos können meinen Blick kaum vom gewaltigen schwarzen, tonnenschweren Ungetüm ablenken. Die Treppe auf die Galerie ist zugänglich und ich genieße die Übersicht. Und nun bekommt das Medienflimmern für mich Sinn. Noch weiß ich nichts vom Konzept, nicht einmal den Titel, ich sehe, ich denke also nicht an einen verbrannten Baum – für mich liegt da ein menschlicher Torso, gefällt von einer Überdosis allgegenwärtiger Bilderflut. Ein geradezu philosophischer Gedanke. Und dann, beim zweiten Blick auf die Videos beginne ich wirklich zu staunen. Da werden mir keine schnell geschnitten Bildfolgen der Beliebigkeit vorgesetzt! – da wird nicht das visuell Sinnlose zelebriert, oder gar nur Schnittsoftware ausprobiert – nein, da ist alles durchdacht, durchkomponiert. Und ich weiß, die Erinnerung wird bleiben. Und darüber hinaus regt die Kunst einmal wieder zum Denken an ...

Im bislang nie bespielten Raum unter der großen Freitreppe zum Haupteingang wird es dann schließlich ebenso überraschend wie gekonnt politisch. Nicht der zweite Blick sondern erst im Nachhinein – nur für den, der sich wie ich immer erst dann informiert, wenn das Werk das Interesse aus eigener Kraft zu wecken in der Lage ist. So spüre ich, hier wird nicht schlicht Vorhandenes neu arrangiert – auch hinter dieser Installation steckt eine Geschichte. Eine Geschichte, die ich nun erfahre, eine Geschichte, die sich im Ansatz bereits über ihren Titel ‘Humanitarian Bombing‘ erschließt. Laurel Severin erzählt mit seiner mehrteiligen Rauminstallation vom Krieg in Serbien. Ich ergoogle weder den Artikel der Süddeuten Zeitung in dem ausführlich über die Jahresausstellung berichtet wird, noch irgendein Bild.

Aber ist dies nicht letztlich gut so? Könnten Bilder den Eindruck wiedergeben? Läßt sich das Wesen eines Kunstwerks tatsächlich beliebig reproduzieren? Nein natürlich nicht! Dafür können Bilder – wenn sie können – ihre eigene Ästhetik entfalten.

Zu guter Letzt doch noch ein Bild – eins der 13 Bilder die die Akademie selbst ins Netz stellte – Lena Policzkas, 250 Gramm Optimatics: http://www.adbk.de/modules/mod_btslideshow_pro/images/original/ecb160764cab60fb2cb275e2eafd9b67.jpg

Nur kann das beste Bild nicht das, was diese dezent beleuchten 20 Glasgefäße auf fünf Gestellen in der abgedunkelten historischen Aula vermögen – mich heranholen, mich an die schützenden Hauben heranziehen, die mir kleine, filigrane Formen präsentieren, deren leichtes, atmendes sich Aufpumpen erst auf dem zweiten Blick zu erkennen ist. Es sind seltsame Wesen. Keines gleicht dem anderen und gehören wohl doch der gleichen Spezies an. Phantasieorgane, Backwerk oder unbekannte Bewohner aus der Tiefsee.

Und noch etwas, was kein Bild vermag: Ich erkenne, wie sich ganz sicher auch an mir ein Ausdruck von Zufriedenheit am Gesicht ablesen läßt – was mir aber erst durch das zarte Lächeln bewußt wird, das ich bei nahezu allen Betrachtern beobachte. Ein wenig mehr Infos: http://www.flachware.de/lena-policzka/

15:36 05.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von