WER bitte verteilt WELCHEN Kuchen - eine kleine Replik

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Ein Blog aus der Überarbeitung meiner Kommentare, zu Berthold Seliger, Schneiden wir den Kuchen neu an - www.freitag.de/kultur/1219-schneiden-wir-den-kuchen-neu-an


Wer das Urheberrecht angreift, sollte sich nicht wundern, wenn der Schuß nach hinten los geht. Wer beispielsweise Künstlern helfen will, mag am Ende mit ansehen müssen, daß es eben Künstler sein werden, in der Mehrzahl eben arme Künstler, die in Zukunft nur noch eine verdammt versalzene Suppe zum löffeln haben werden.

In einer Gesellschaft, in der sich niemand darüber empört, daß Künstler aus der KSK herausgeworfen werden, weil sie zu wenig verdienen, erwarte ich kein neues Urheberrecht, das die Interessen der Künstler stärkt. Eine Gesellschaft, die bereit ist Künstler schlechter zu behandeln als Hartz VI-Empfänger, die wird auch in der Frage Urheberrechte, die Rechte der Urheber weiterhin mit Füssen treten. Wer etwas anderes erwartet ist ein Traumtänzer.

Gehen wir ins Detail. Ernsthaft wird da von Pauschalen für ein Werk gesprochen. Pauschalen für ein Werk, ohne eine Angabe von möglichen Unterschieden. Werk ist Werk? Da fällt der banale Einwand mal eben so unter den Tisch, Schlager wird mit Oper, Jingle wird mit Symphonie, Klingelton wird mit Musikal, Alles wird mal schlechterdings mit Allem pauschal gleichgesetzt. Bei so viel Naivität bleibt mir die Spucke weg.

Besonders gern werden die bestehenden Schutzfristen für das Urheberrecht ins Visir genommen, sind angeblich viel zu lang. Doch reden zuvor wir doch bitte über das geistige Eigentum an sich. Und davor halten wir doch bitte fest, wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der das Eigentum nun einmal nicht mehr aber auch nicht weniger als die Quintessenz des Lebens darstellt. Und der einzige Maßstab, in dem Eigentum hierzulange gemessen wir ist Geld. Nicht daß mir dies besonders gefallen würde, aber so ist es nun einmal.

Und das Geld, Gold und Klunker, Fabriken wie Vermögen, Wechsel wie auch Wertpapiere, Haus und Hof, alles, wirklich alles wird vererbt bis auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Bücher, Bilder, Skulpturen, alles, aber wirklich alles. Wirklich alles? Nö, geistiges Eigentum, also so ungefähr das Einzige, was jemand der nicht mit dem Silberlöffel im Maul geboren wurde aus sich heraus erschaffen, so gut das einzige, womit auch ein armer Schlucker sich aus seinem Elend befreien könnte, diese Werte die hätten ein Verfallsdatum. Denn nein es kann nicht sein, daß auf diese Weise die gottgegebenen sozialen Schranken auch nur ein wenig sich verändern dürften. Wo kämen wir dahin.

Schon höre ich das laute Schreien, ich würde nicht verstehen, worum es jetzt hier geht. Nein, wirklich nicht? Ich sage Euch, das ist nur eine Frage der Perspektive. Und wer jetzt glaubt ich irre mich, der muß sich von mir sagen lassen, Euch, mein Herr, fehlt die Fähigkeit, sich in die Lage derer zu versetzen, die wieder einmal mehr angeschissen werden sollen. Daher verkauft ihr uns die neue Scheiße in güldenen Papier. Zu derb, zu grob? Nein, der Angriff ist es, der Versuch, den bestehenden Diebstahl, der 70 Jahre nach dem Tode eines Künstlers bislang einsetzt, der soll nun aus geweitet werden.

Und Pardon, so lang niemand erklären kann, worin er nun besteht, der Unterschied, der es Rechtens machen würde, geistiges Eigentum, zu entwerten, so lang ist jeder Angriff auf geistiges Eigentum nur Ausdruck von schlichter Gier.

Und kommt mir nicht mit dem Patentrecht. Nicht weil mich als Künstler das nicht einmal peripher interessieren könnte. Nein! Welch abstruser Grundsatz verbirgt sich denn dahinter? – doch nur der, daß ein Unrecht das Andre legitimieren könnte.

Ja, gern würde ich die zentrale, am besten öffentlich rechtlich und wirklich demokratisch kontrollierte Instanz sehen, wo jeder Künstler seine Werk registrieren lassen könnte. Schön wäre dies. Nur warum sollten dafür Gebühren fällig werden, die über die reinen Verwaltungskosten hinaus gehen. Wozu horrende Gebühren, die sich eine armer Künstler eben nicht leisten kann? Solche Gebühren fürs Registrieren sind ein Witz. Und wenn ein Land noch rudimentäre Ansätze der Förderung von Kunst für sich reklamieren möchte, dann dürften überhaupt keine Gebühren anfallen. In einem Land, das sich nicht nur in Sonntagsreden als Kulturnation hochjubelt, sondern das sich tatsächlich als eine solche begreift, wäre eben jenes Register in Instrument zur Förderung von Kunst an ihren Wurzeln. Da eben, wo es Förderung bedarf.


Aber nur zu gern geben in unserer Gesellschaft die, die 99% des Überflusses besitzen, in ihren Medien jenen Raum, die zwar in Wahrheit auch nur arme Habenichts sind, jedoch verwöhnt genug, um auf infantile Weise laut zu grölen, sie hätten ein Recht auf Konsum ohne Entgelt.

Zu allem Überdruß, gesellen sich zu diesen nun auch jene, die diese Mentalität der Gier, sozial verbrämen. Diesen sei gesagt:

Selbst im Sozialismus würde immer noch gelten Eigentum ist Eigentum. Der Sozialismus schafft das Eigentum nicht allgemein ab – da geht es um das Eigentum an Produktionsmitteln. Also noch einmal: Eigentum ist Eigentum. Es ist so schlicht und simpel. Es sei denn man ist ein Dieb. So nennt sich nun einmal das altmodische Wort für den der stiehlt.

Toll hört sich so Manches in den Ohren armer Künstler an. Von Stärkung deren Rechte ist da gern die Rede. Doch all dies fällt in die Rubrik illusionär, da die Profitgier der Verwerter nicht eingegrenzt wird. Wie auch?

Die die Interessen der „Kreativen“ existieren nur in Sonntagsreden. Weshalb sollten Künstler in Zeiten allgemeiner Gier eine Verbesserung ihrer Situation erwarten?

Phantasien entwickelt der Kapitalismus nur, zur Profitmaximierung. Wer darauf hofft, diejenigen, die etwas Neues wagen, die Kunst produzieren, die uns irritiert und verändert, könnten Nutznießer einer Gesetzesänderung werden, übersieht die systemimmanenten Logik, die vorschreibt, eben Solches nicht zu fördern.

Künstlern Fortschritt vorzugaukeln, wo es nur einen geben könnte, würden Künstler solchen Fortschritt kollektiv erkämpfen, der betreibt ob er will oder nicht, das Geschäft der Bosse und Konzerne.

Ganz im Sinn der Konzerne ist es auch den Schutz geistigen Eigentums als Zensur von Kunst zu diffamieren. Hört es sich doch im ersten Moment so gut an. So stark. Gegen Zensur! In Wahrheit ist es ein Interesse derer die an der Verbreitung von Musik verdienen – woran man immer mehr verdient als der Künstler – wenn der eine Künstler dem anderen was klaut. Dem der Musik vertreibt, ist es egal wenn ein Künstler bestohlen wird. So lang er mit den scheinbar neuen Songs ganz reales neues Geld verdienen kann ist ihm das immer recht.

Und einem Hip-Hop-Künstler muß man es gegebenenfalls deutlich sagen – deutliche Sprache ist ja auch ihr Ding – wenn es einer nicht draufhat, etwas selbst zu kreieren, dann muß er nun einmal etwas für die Rechte abtreten. Wären diese Samples etwas derart wertloses, warum schafft ihr es dann nicht selbst? Der eine hat es drauf, der andre eben nicht. So what? Der eine verdient dann was, wofür der andere dann zu löhnen hat. What’s the big deal? Wer dies gar dazu hochstilisiert: Wir benötigen ein Urheberrecht, das Kunst ermöglicht, statt sie zu verhindern – zeigt nur sein Unverständnis über das Wesen der Kunst. Denn wer glaubt zum Künstler bereits dadurch gereift zu sein, weil er über Grundkenntnisse am PC verfügt, der muß sich sagen lassen, er ist kein Künstler, sondern ein meinetwegen hervorragenden Kunsthandwerker.

Der Streit um Urheberrechte ist einer um Besitzrechte und dies im Kapitalismus. Nicht das digitale Urheberrecht steht am Abgrund – Künstler leben am Rande des Existenzminimums. Nicht wenigen bleibt zum Leben weit weniger als Hartz IV. Es wäre an der Zeit für ein neues Urheberrecht, das die Rechte der Künstler stärkt und der ganzen Gesellschaft dient - nur das werden wir nicht bekommen. Die traurige Wahrheit: Es wird sich nichts nachhaltig zum Guten ändern, so lange wir nicht diese Gesellschaft verändern.

Das Argument, das Internet habe nun einmal eine Art von Gewohnheitsrecht dadurch geschaffen, daß der Diebstahl geistigen Eigentums nun quasi als Gewohnheitsrecht einklagbar wäre, hat nicht mehr Substanz, als würde man nun auch die Abschaffung von Tempo 50 in geschlossenen Ortschaften fordern, weil sich so gut wie niemand daran hält.

Wer in der Frage des geistigen Eigentums ernsthaft so argumentieren will, der sagt letztlich, weil ein Unrecht in der Vergangenheit zu spät als solches erkannt wurde, müßte nun aus Unrecht Recht werden.

Conclusio: Weder ist das Urheberrecht ein Hebel, um den Kapitalismus zu überwinden, noch können wir ein besseres Urheberrecht ohne Systemwechsel erwarten, es sei denn es würde solidarisch von denen erstritten, um deren Eigentum es geht.

18:54 12.05.2012
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