Mit 66 Jahren...

Zum Geburtstag der DDR Vor 66 Jahren begann auf deutschem Boden die Umsetzung der großen Idee, eine sozialistische Gesellschaft als Gegenentwurf zum Kapitalismus aufzubauen.
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So zumindest der offizielle Tenor in der DDR, der nicht komplett an den Haaren herbeigezogen war.

In den siegestaumeligen Feierlichkeiten, zum Anschluss der DDR an die Bundesrepublik, wird heute vergessen oder verleugnet, dass die Reformbewegungen in der DDR genau das waren: Bewegungen für die Reformierung des Sozialismus. "Wir sind das Volk" war der Leitspruch, um das Politbüro daran zu erinnern, dass der Sozialismus kein Selbstzweck sein darf.

Ich kann heute sagen, dass ich das Glück hatte, einen Teil meines Lebens in der DDR verbringen zu können. Glück insofern, da ich im Gegensatz zu den Bundesbürgern das Privileg hatte, eine in Teilen andere Gesellschaftsordnung kennen zu lernen und eine Vergleichsmöglichkeit habe, die zugegeben wohl auch nostalgisch eingefärbt ist. Die Opfer des Regimes mögen es anders sehen und hätten auf diese Lebenserfahrung gerne verzichtet. Verständlich, aber so sehr ich es befürworte, diese Menschen für das erlittene Unrecht zu entschädigen, halte ich es für falsch ihren Stimmen mehr Gewicht zu geben als allen anderen.

Die DDR war nicht, wie immer wieder dargestellt, ein Freiluftgefängnis mit 17 Millionen Insassen. Für Millionen von Menschen war sie ein Versprechen auf Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Die Triebfeder war die Überzeugung, eine bessere Gesellschaft ohne Existenzängste aufbauen zu können, in einem Staat, zu dem man nur ein schwieriges, ambivalentes Verhältnis haben konnte. Es war auch nicht der Staat, sondern die Gemeinschaft die zählte. Ehemalige DDR-Bürger vermissen heute zumeist eben dieses starke Gemeinschaftsgefühl. Materieller Wohlstand ist eben keine andere Umschreibung für Lebensqualität, wenn Gier, Neid und Missgunst die Hauptrolle spielen. Die DDR hatte zumindest in ihren Ansätzen gezeigt, dass es auch andere Motivationen, als die Wahrung und Erweiterung des Besitzstandes gibt.

Mit dem Anschluss, bzw. der Assimilation der DDR, wurde den DDR-Bürgern fast alles genommen. Ihr Vermögen steckte im Volkseigentum, das, gar nicht so marode wie immer behauptet, mit unglaublicher krimineller Energie privatisiert, bzw. als unerwünschte Konkurrenz für bundesdeutsche Unternehmen beseitigt wurde. Wie misanthropisch muss man auch veranlagt sein, die Arbeitskraft, den Einfallsreichtum und die Kreativität von Menschen als marode zu bezeichnen. Ihr Idealismus und Engagement wurde geschmäht und sogar kriminalisiert und nur wer "flexibel" genug war fand eine gutdotierte Anschlussverwendung. Für die meisten bedeutete das Ende jedoch ein kalter Neustart. Damit jedoch nicht genug, wird ihr Lebenswerk heute auf die Mängel und Fehler im Rechtssystem der DDR reduziert. Und das zum Teil von jenen, die schon damals am Raubzug beteiligt waren und deren politische, bzw. ökonomische Immunität sie vor dem Gesetz gleicher macht als andere.

Heute wäre die DDR 66 Jahre alt geworden. Über ihre Geschichte und ihr Ende ist viel und aus allen Sichten heraus geschrieben, erzählt und verfilmt worden. Wären die Versprechen erfüllt worden, wenn es die Möglichkeit zur Reformierung des Sozialismus in der DDR gegeben hätte?Gäbe es heute eine DDR, einen demokratischen Sozialismus, mit einer tatsächlichen Marktwirtschaft vieler kleiner Anbieter, statt einer kapitalistischen Monopolwirtschaft, wie es die Linke anstrebt(e)?

Wir wissen es nicht und das ist schade.

15:03 07.10.2015
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Geschrieben von

Ringo Wunderlich

Quer- und selberdenkender Gutmensch und Pazifist mit Anfällen von realitätsnahem Zynismus. Ansonsten ein Mensch.
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