Akropolis ade..

Griechenland Wird man Griechenland tatsächlich pleite gehen lassen? Oder stehen "neue Freunde" bereits in den Startlöchern..
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Schweissgebadet wache ich auf: Griechenland hat sich in meinen Träumen für die Gastfreundschaft in der EU bedankt und jubelt. Die Menschen fühlen sich befreit von einem Gespenst namens EU – hoffnungsvoll wie nach einer gescheiterten Ehe wenn der Richter monoton die Aufhebung des einst so emotionalen Bündnisses verkündet und man die Chance eines Neuanfangs sieht. Bisherige Investitionen des Partners in die gemeinsame Zukunft werden als „laufende Ausgaben“ zur Erhaltung des Lebensstandards abgeschrieben.

Sprich: Die EU und ihre Banken werden auf ihren Kredite an Athen sitzen bleiben. Vielleicht, wenn es dem getrennten Partner besser gehe, könne man ja in akzeptablen Raten etwaige Forderungen begleichen, läßt der Anwalt wissen. Wer den Balkan kennt, der weiß daß dieser Umstand kaum eintreten wird.

Akropolis ade! Ich werde mir wohl ein anderes Urlaubsziel suchen müssen. Und hatte mich doch so sehr an die fröhliche, unbeschwerte Stimmung, die wunderbaren antiken Stätten unddas warme Meer gewöhnt. Aber schließlich ist die Volksseele – wie auch der Mensch als Individuum – nachtragend. Griechenlands Enkel werden noch in ihren Geschichtsbüchern lernen, daß die bösen Deutschen ein zweitesmal, nach dem 2. Weltkrieg, die Welt beherrschen wollten. Angela Merkel in Nazi-Uniform wird zum Logo der Tageszeitungen, Deutschland zum Alleinschuldigen des gebrochenen Treuschwurs. Also nichts riskieren!

Während ich noch über eine Urlaubsalternative nachdenke, hat mich die Traumwelt wieder im Griff. Aber was heißt schon Traumwelt - es ist eine Albtraumwelt ohne Ende....

Europa atmet über den Wegfall eines vermeintlichen Schmarotzers keineswegs erleichtert auf, sondern blickt entsetzt auf die neuen Freunde des Balkanlandes, die bereits in den Startlöchern lauern.

Als erstes meldet sich Washington mit dem Hinweis, daß ein Nato-Verbündeter nicht pleite gehen dürfe – allein schon aus Sicherheitsgründen für die Allianz selbst. Mit Verweis auf die Unfähigkeit der EU, ihre Finanz-Probleme in den Griff zu bekommen, schnürt die amerikaische Regierung milliardenschwere Hilfspakete für Athen. Offiziell um die Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses zu gewährleisten, inoffiziell mit dem Gruß: Macht damit was ihr wollt, wir sind eure wahren Freunde.

Schließlich gibt es Druckmaschinen, die man anwerfen kannn, um die Illussion eines funktionierenden Wirtschaftssystems noch einige Zeit aufrecht zu erhalten, um später andere für den Sinkflug verantwortlich zu machen. Und es wäre auch nicht das erstemal, daß sich die USA auf dem Balkan als Retter profilieren, man denke nur an die Unabhängigkeit des Kosovo oder an das diplomatische upgrade Rumänies und Bulgaries als „neue Verbündete“ – während die zusehends US-kritischeren europäischen Verbündeten kühl als „alte“ Verbündete abgehalftert wurden, nachdem sie bei der Frage der Immunität amerikanischer Soldaten vor dem Internationalen Strafgericht mauerten.

Nein, noch immer läutet auf meinem Nachttisch nicht der erlösende Wecker…

Es ziehen noch dunklere Wolken auf. Moskau bietet Athen großzügig Milliardenkredite an, bis das Land wieder wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen kann. Natürlich mit den üblichen Dankes-Konditionen: Bevorzugte Behandlung bei Investitionen und Privatisierungen.

Russische Oligarchen werden darüber hinaus arme griechische Bauern, deren Land die Meeresküste säumt, über Nacht zu Millionären machen. Gekauft wird erfahrugsgemäß alles –und sei es aus Gründen der Geldwäsche. Auch das wäre kein Novum. Als Montenegro seine Unabhängigkeit von Serbien erklärte, begriff die Regierung dort sehr schnell, daß die wortgewaltige Unterstützung der EU für den Widerstand Podgoricas gegenüber Milosevic nur strategischer Schaum war. Nach der Abspaltung von Belgrad war es vorbei mit der finanziellen Großzügigkeit. Jetzt wurden im Gegenzug Reformen verlangt. Auch Erpressung will indes gelernt sein. Noch bevor man in Brüssel aufwachte, überschwemmten russische Millionäre mit ihren Rubel und Dollars den 650 000 Einwohner-Staat. „Hier wird russisch gesprochen“ steht heute – trotz der mittlerweile begonnenen Gespräche des Landes für einen EU-Beitritt - fast an jedem Provinzkiosk des Landes. Aber auch Bulgarien und Rumänien haben ihre nach dem Fall der eisernen Mauer restriktive Politik gegenüber Moskau längst aufgegeben – nicht aus wiedererwachter Nostalgie gegenüber dem einstigen Peiniger, sondern aus moralischer Enttäuschung über das vermeintliche Paradies einer europäischen Großfamilie.

Es scheint, als gehe ein Ruck durch den Balkan. Selbst Serbiens neuer Premier und ehemaliger Milosevic-Günstling Ivica Dacic machte am Freitag in einem Fernsehinterview aus seiner „pragmatischen“ Haltung gegenüber Moskau keinen Hehl. Er sei nicht mehr und nicht weniger mit Vladimir Putin befreundet als etwa Angela Merkel, sagte er süffisant. „Bis zur Mitgliedschaft in der EU würden noch bis zu 10 Jahre vergehen – und bis dahin müsse das Land überleben, …also warum nicht mit Krediten aus Russland wie es etwa Zypern getan habe.“

Und während ich mir überlege, welchem der selbsternannten Experten (die mich seit Monaten nerven, verwirren und entsetzen) ich nun bezüglich der Folgen des Austritts-Szenarios Griechenlands glauben soll, klingelt der erlösende Wecker.

Ich grapsche nach ihm mit einer auswerfenden Handbewegung , da segelt er auch schon wie ein Flugobjekt durch das Zimmer. Jetzt schieße ich schon in aller Herrgotts-Früh ein Eigentor, murmle ich schlaftrunken.

Vielleicht hat mich ja mein Traum beeinflusst und es ist die Angst vor einem Eigentor der EU.

12:11 14.07.2012
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Geschrieben von

Rita Jaessl

Journalistin
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