Programme? Schau mir ins Gesicht, Kleines...

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Ich habe die Wahl glatt verschlafen, sagt meine Tochter am Telefon. Ihr Mann auch.

Beide haben gerade ein Haus (natürlich auf Kredit) erstanden und andere Sorgen.

Macht nichts, antworte ich lapidar, ..“die werden auch ohne deine Stimme regieren“.

Aber wenn es auf eine Stimme angekommen wäre?, fragt meine Tochter zurück, …“dann hätte

ich schon ein schlechtes Gewissen.“ Ich frage nicht, das Schicksal welcher Partei sie

in besagtem Fall gerettet hätte.

Ich vermute, sie hätte als Vegetarierin und eifrige Umweltschützerin für die Grünen votiert. Sie gehört zu jenen verantwortungsvollen Bürgern, die jederzeit zu Protesten gegen Luftverschmutzer bereit sind und

Pinkler im Stadtpark auch schon mal eigenhändig verscheuchen. Und natürlich ernährt man sich nur "bio".

Ihr Mann hätte vermutlich sein Kreuz bei Christian Lindner von der FDP gesetzt, wegen des Mutfaktors. Das imponiert dem Computerspezialisten. Schließlich hat der Lindner Rückgrat gezeigt als er den Posten als Generalsekretär der FDP im Dezember 2011 hinschmiß – weil ihm irgendwas gegen den Strich ging. Und er wirkt frisch, sympathisch – und man gönnt ihm den klammheimlichen Triumph über den so langweiligen, blassen FDP-Klassenprimus Rösler.

Nur meine Enkelin – und die darf noch nicht wählen – würde sich in der Familie für die Piraten

entscheiden. Die sind „in“, „cool“, kommentiert sie. So, wie sie auch Luca von DSDS cool findet oder die

neueste McDonald-Kreation. Soll allerdings nicht heißen, daß die Piraten nur die cool-Alternative für

politisch Desinteressierte sind. Kenne viele in meinem Bekanntenkreis, die darin das einzige wirksame

Mittel sehen, die etablierten Sprechblasen-Politikern das Fürchten zu lehren und darauf hinzuweisen, daß das Volk nicht so dumm ist, wie es für dumm gehalten wird.

Den Vater meines Schwiegersohns, Hans-Georg, siedle ich wahltechnisch bei der Union an – einer Frau als Regierungschefin steht er generationsabhängig noch immer suspekt

gegenüber. Auch wenn es beim Votum für das Wahlkampf-Zugtier Röttgen ebenfalls emotionale Hürden zu überwinden galt. Was für eine Blasiertheit, ein Mann mit dem Charisma eines beamteten Roboters, dem Nordrhein-Westfalen so wurst zu sein scheint wie die Wüste Sahara. Allerdings, Hans-Georgs Wahlkreuz für die Christdemokraten ist auf Landesebene beschränkt. Bei Bundestagswahlen würde er nachweislich nicht die Union wählen. Weniger wegen seiner bereits angesprochenen Skepsis gegenüber Führungsqualitäten von Frauen. Schließlich kann Angela Merkel - bis auf einen Lapsus in Bayreuth als sie mit tiefem Dekollete auftrat – niemand feminines Image anlasten..

Nein, hier geht es für den Rentner Hans-Georg, der 40 Jahre im Außendienst schuftete und jetzt sein

Erspartes genießen will, um Sein oder Nicht-Sein, um Urlaub auf dem Land oder auf Teneriffa. Wenn die in Nordrhein-Westfalen Mist bauen und gar die Banken bankrott gingen, philosophiert er, dann hätte ich bislang keine schlaflosen Nächte gehabt, „ Berlin hätte alle anderen Bundesländer zur Kompensation verpflichtet.“ Doch mittlerweile keimt Unheil. Frau Merkels EU-Euphorie erinnert Hans-Georg immer mehr an ein Spenden-Kabinett, das seinen Schuldkomplex aus dem 2. Weltkrieg mit der großzügigen Umverteilung unseres Ersparten auf die Nachbarn wettmachen will. Die verteilt mein Geld an die faulen Griechen, empört er sich trotz nervenberuhigendem Bierkonsum : „Die lügt wie gedruckt, wider besseres Wissen behauptet sie, wir Deutschen würden nur auf dem Papier für die desolate Wirtschaft anderer Staaten bürgen. Ha! Und wenn all diese Staaten ein Komplott bilden und sich weigern, ihre Schulden zurückzuzahlen, nur um die deutsche Wirtschaftsvormacht endlich zu brechen? Was die von uns denken sei ohnehin klar - Merkel in Nazi-Uniform auf den Titelseiten und der Vorwurf, Deutschland wolle schon wieder mal "führen"!Da könne der Schäuble noch so gebetsmühlenartig Entwarnung geben und einen Staatsbankrott Griechenlands als verkraftbar einstufen.“ Die Taktik kenne er, giftet der Schwiegervater meiner Tochter: Auch bei der letzten Wirtschaftskrise seien die Valium-Botschaften Merkels einzig darauf ausgerichtet gewesen, einen Ansturm der Sparer auf die Banken zu verhindern. Warum sonst hätten die die Garantiesumme auf ein Niveau gehievt, das den Normalsparer in Sicherheit wog. Andernfalls wäre Deutschland nämlich in Anarchie versunken und das Prestigeprojekt „Vereintes Europa“ schneller abgesoffen als die Titanic.

Mindestens 80 % der Bevölkerung wären bei einer Volksbefragung in Deutschland gegen diese Europa-Sanierung auf unsere Kosten, vermutet Hans-Georg. Vielleicht gar nicht so falsch. Ehrlich, auch mir fehlt die rechte Aufklärung darüber, warum wir – wie unsere Politiker behaupten – nur deshalb so wohlhabend sind,

weil wir einen Großteil in die EU exportieren. Irgendwie ist mir in Erinnerung, daß Deutschland auch vor dem Euro ein führendes Exportland war, oder nicht? Kann mir mal einer der Experten in den nutzlosen und widersprüchlichen Diskussions- und Quasselrunden im Fernsehen klar machen, wie groß der Unterschied ist zu hochgerechneten Einnahmen die wir bei Beibehaltung der DM gehabt hätten und jenen die wir

mit dem Euro erzielten – letztere gemindert um die abgeschriebenen Darlehen an griechische Banken

und die möglicherweise auf uns zukommenden Garantieleistungen bei einem griechischen Bankrott oder

gar mehrerer EU-Staaten. ??

Solche Zahlen könnten mich eher überzeugen von der Notwendigkeit des Vereinten Europa und meine

Trauer über die verlorene DM mildern.

Naja, lassen wir doch am Ende Elfriede nicht außen vor – Hans-Georgs Ehefrau, anerkannte

Bäckerin von köstlichen Butterkeksen. Die läßt sich zwar immer noch von ihrem Gatten über die politischen Hintergründe aufklären, aber ich würde ihr zutrauen, daß sie zur familiären Protestwählerin wurde und für Hannelore Kraft von der SPD kreuzte. Die 71-jährige kann sich mit Frau Kraft irgendwie identifizieren: bodenständig, herzlich, man traut ihr eher Butterkekse zu als die Bevölkerung um der eigenen Karriere willen zu betrügen. Früher wäre solch wahlpolitisches Fremdgehen unvorstellbar gewesen. Elfriede stammt aus Bayern und erzählt immer gerne, wie der Priester in ihrem Heimatdorf noch am Wahltag von der Kanzel alle entweihte, die für die teuflischen Sozialisten Sympathien hegten. Aber die Frage „Paradies oder Hölle nach dem Wahlgang“ ist Vergangenheit. Heute sollten wir nicht daran zweifeln, daß wir in dem kleinen Kabinett mit der Wahlurne über unser Schicksal entscheiden.

Es ist vielleicht abwegig: Aber manchmal frage ich mich, was würde sich gravierend ändern, wenn „die anderen“ an die Macht kämen? Schließlich regieren in zahlreichen Bundesländer buntgemischte Koalitionen und ich kann keine nachvollziehbare Linie erkennen wie sich dort jeweils der Lebensstandard oder die Alltagsumstände unterscheiden. Niemand aus meiner Verwandt- und Bekanntschaft kennt Programme oder Statuten der einzelnen Parteien oder gar, wodurch sie sich konkret unterscheiden. Schließlich hören sich alle Wahlkampfparolen an wie der letzte Fluchtweg in eine bessere Zukunft. Und was sind schon Programme, wenn sie hinterher in Kompromissen aufgeweicht werden oder neue Gesetze, für welche die Mehrzahl der Abgeordneten nur deshalb stimmt, weil sonst die Regierungsmacht und damit die eigenen Privilegien gefährdet wären.

Also orientieren wir uns an den Gesichtern, dem Sympathiefaktor, dem Versuch – trotz aller negativer

Erfahrungen – irgendwo einen Politiker zu finden, der unser Vertrauen im nachhinein rechtfertigt. Dabei hatte Hannelore Kraft diesmal zweifellos die besten Karten.

13:19 14.05.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rita Jaessl

Journalistin
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