Sackgasse Ukraine

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Die Macht der Diktatoren beruht auf ihrer Kunst, die Bevölkerung davon zu überzeugen daß sie tatsächlich „allmächtig“ sind. Deshalb dürfte der ukrainische Präsidenten Janukowitsch im Fall Timoschenko wohl nur dann die Notbremse ziehen, wenn er tatsächlich einen politischen Boykott oder gar die Verlagerung der Fußball-Europameisterschaft in ein anderes Land befürchten muß. Die Frage stellt sich also: Kann sich Europa auf einen gemeinsamen Kurs einen oder wird am Ende Deutschland, eventuell unterstützt von Österreich, Italien, Tschechien und Slowenien ein Eigentor schießen, das Janukowitsch zynisch als wirkungslose Methoden des Kalten Kriegs kommentieren kann. Janukowitsch geht es vor allem um die Wahrung des Gesichts. Auch eine „Ausnahme“ würde

er lt. Vizeregierungschef Waleri Choroschkowski nicht ausschließen, wenn dadurch die Verhandlungen über ein EU-Assoziierungs-abkommen sichtbare Fortschritte aufwiesen. Also ein Pokersieg, bei welchem Janukowitsch zweifellos nicht der Verlierer wäre. Was aber, wenn er mit inszenierter Hilfe angeblich unabhängiger Rechtssprechung – etwa einem Gerichtsbeschluß, einer Empfehlung der Staatsanwaltschaft oder von Gesundheits-Institutionen,

tatsächlich einlenkt und einer Ausreise der ukrainischen Oppositionellen zustimmt ? Werden Merkel & Co. dann trautselig auf derselben VIP-Tribühne sitzen wie Janukowitsch, ihm zwangsläufig die Hand drücken und

sich bemühen, dabei nicht zu lächeln? Läßt sich – wie Frau Timoschenko hofft (die im übrigen gegen einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft ist) dann tatsächlich nachhaltig die Welt über die Mißstände in diesem Land informieren oder gar das dortige Regime zu mehr Demokratie bekehren?

Ich befürchte – nein. Also könnte unsere Hoffnung wohl nur in einer Stärkung der Opposition beruhen, die von Timoschenko als Ikone aus dem Ausland gesteuert wird und eine erneute orange Revolution bewirkt. Gewiß – nach ihrer erfolgreichen Heilung.

Daß Timoschenkos Bandscheibenleiden eher ein Vorwand ist, sie aus der zweifellos ungerechtfertigten Haft (7 Jahre wegen Amtsmißbrauch) zu befreien, werden wir zwar ungern aussprechen – und dennoch vermuten.

Millionen Menschen leben in Deutschland mit Bandscheibenschäden, deren Behandlung meist erfolglos ist (schade, daß sie nicht an die Spezialisten weitergeleitet werden, die Frau Timoschenko angeblich heilen können),

und gehen zudem ihrer Arbeit nach. Daß Julija Timoschenko die Situation vor der Europameisterschaft nutzt, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, ist verständlich, nachvollziehbar und auch legitim.

Geht es uns also tatsächlich um deren Befreiung aus ungerechtfertigter Haft und den damit verbundenen Schikanen ihrer Gegner , dann sollte man auf Philipp Rösler hören, der sagte: „es ist Diplomatie gefragt“.

Wir alle applaudierten Bundespräsident Gauck, derspontan eine Einladung nach Kiew absagte. Gleichzeitig möchte ich nicht ausschließen, daß es eine diplomatisch Brücke für Janukowitsch hätte sein können, dem Deutschen als Morgengabe – vertretbar als großzügige Geste – die Oppositionsführerin

auf dem Rückweg ins Gepäck zu laden. Zumindest hätte man eine solche Variante im Vorfeld „klären“ können.

Und kommen wir am Ende auch noch auf jene zu sprechen, die im Juni die tatsächliche Hauptrolle spielen sollen: Unsere Fußballer.Sie wollten mit dem Ball kämpfen und werden nun zu Komparsen in einem politisierten Spiel.

Wohmöglich noch von einer Sondereinheit der Polizei gegen organisierte Angriffe radikaler Janukowitsch-Anhänger geschützt.

Und dann frage ich mich noch: Was, wenn der russische Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski, der vermutlich ebenso wie Timoschenko aus politischen Gründen verurteilt wurde und in einem russischen Gefängnis schmort,

kurz vor den olympischen Winterspielen2014 in Russland ebenfalls einen Bandscheibenschaden erleidet?

Wir sollten uns da schon mal diplomatisch warm anziehen.Und noch ein Rat: Holzhammer-Methoden wirken nur selten bei Diktatoren. Man muß sie von unten aushöhlen und dann zur Vergangenheit machen.




11:14 01.05.2012
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Geschrieben von

Rita Jaessl

Journalistin
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