Der Neue heißt Kern

Österreich Christian Kern ist der neue Bundesparteivorsitzende der SPÖ und nächster österreichischer Bundeskanzler. Wer er ist und was ihn erwartet
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Der Neue heißt Kern
Stilsicher: Christian Kern

Bild: HANS KLAUS TECHT/AFP/Getty Images

Eng geschnittene, maßgefertigte Anzüge mit schmalem Revers, Manschettenknöpfe, mit anderen Worten: stilsicheres Auftreten. Geschliffenes Hochdeutsch, so anders als das bürgernahe Wienerische eines Michael Häupl – andere würden sagen, er klingt nicht nach Proletariat. Der ÖBB-Chef Christian Kern gilt bereits seit Längerem als Zukunftshoffnung der SPÖ, als aufsteigender Stern der österreichischen Sozialdemokratie. Nun soll er die Partei übernehmen und nächster Bundeskanzler werden.

Offiziell fällt die Entscheidung darüber heute, Freitag, doch acht von neun Landesparteiorganisationen der SPÖ haben ihre Entscheidung bereits im Laufe der Woche öffentlich bekannt gegeben. Einzig und allein Wien hat sich nicht deklariert – bis gestern, als Kern zu einem Treffen mit dem interimistischen SPÖ-Vorsitzenden Häupl ins Wiener Rathaus gebeten wurde. Noch am Abend desselben Tages erhielt er die öffentliche Unterstützung seines potenziellen Konkurrenten, des ehemaligen ORF-Generalintendanten Gerhard Zeiler, in der Zeit im Bild.

Sehnsucht nach der Ära Vranitzky

Der Gedanke, dass die SPÖ nun erneut das "Modell Vranitzky" versuchen würde, liegt nahe. Wie auch der ehemalige SPÖ-Bundeskanzler Franz Vranitzky hat auch Kern Erfahrung in der Politik, als Pressesprecher des ehemaligen SP-Klubobmanns Peter Kostelka, hat aber eine erfolgreiche Karriere in der Privatwirtschaft hinter sich: Zunächst beim Energieversorger Verbund, ab 2010 bei den ÖBB.

Ein Manager also, ein Mitglied jener Spezies, welche Linke mit Argwohn und Skepsis beäugen, soll also die österreichische Sozialdemokratie reparieren, eine Aufgabe, die wahrlich alles andere als leicht ist. Neben inhaltlich-thematischen Diskussionen, wofür die SPÖ nun eigentlich steht, muss ein Bundesparteivorsitzender die Gräben zwischen dem linken und dem rechten Flügel der Partei überbrücken, die sich vor allem an zwei Fragen auftun: Wie hält man es mit Flüchtlingen auf der einen und wie mit der FPÖ auf der anderen Seite?

Der Pragmatiker

Kern hat bereits unter Beweis gestellt, dass er diese Spaltung der Partei zumindest oberflächlich zu kitten imstande ist. Als ÖBB-Vorstandsvorsitzender war er derjenige, der die Flüchtlingskrise Ende 2015 am Wiener Westbahnhof pragmatisch und unkompliziert gemanagt hat, wofür er von der Parteilinken gefeiert wurde. Seit diesen Tagen galt er als möglicher Nachfolger an der Spitze der SPÖ.

Gleichzeitig ist Kern Realist und Pragmatiker, kein glühender Ideologe – Eigenschaften, mit der die rechte Hälfte der Partei gut leben wird können. Ist eine Öffnung der SPÖ in Richtung FPÖ mit einem Kanzler Kern zu erwarten? Unmöglich ist das jedenfalls nicht.

11:34 13.05.2016
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Geschrieben von

rjspoetta

Politikwissenschafler & Blogger Twitter: @rjspoetta
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