Historisch in die neuen Zeiten

Österreich Erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik hat kein Kandidat der Großparteien Chancen, Bundespräsident zu werden. Wie diese Wahl auch ausgeht, sie wird historisch
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Historisch in die neuen Zeiten

Bild: JOE KLAMAR/AFP/Getty Images

"Wir, die Außenseiter". Selten hat ein Kandidat zur österreichischen Bundespräsidentschaftswahl die Lage so adäquat zusammengefasst wie Richard Lugner. Der Baumeister, auch "Mörtel" genannt, rechnet sich keine Chancen auf das Amt aus, nicht einmal auf die Stichwahl, sofern kein Kandidat in der ersten Runde des Wahlgangs eine absolute Mehrheit erreicht. Was an dieser Aussage so bemerkenswert ist, ist nicht die Tatsache, dass Lugner sich selbst keine Chancen einräumt, sondern, dass er mit "Außenseiter" sich selbst und die Kandidaten der beiden Regierungsparteien, Andreas Khol (ÖVP) und Rudolf Hundstorfer (SPÖ) meint.

Seit Wochen liegen Hundstorfer und Khol in den meisten Umfragen abgeschlagen auf den Plätzen vier und fünf, einzig und allein vor Baumeister Lugner. Als Favorit gilt der langjährige Bundesparteisprecher der Grünen, der als unabhängiger Kandidat antretende Alexander Van der Bellen, dicht gefolgt vom Kandidaten der Freiheitlichen Partei, dem dritten Nationalratspräsidenten Norbert Hofer, sowie der unabhängigen Kandidatin und ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes, Irmgard Griss.

Riesenpleite für die Regierung

Diese Wahl reflektiert vor allem die Unzufriedenheit mit den österreichischen Regierungsparteien. In einer Diskussionssendung des ORF spekulierte der Chefredakteur der "Kleinen Zeitung", Hubert Patterer, sogar, dass Hundstorfer und Khol deshalb so schlecht in den Umfragen lägen, da es mehr oder weniger im Trend läge, gegen SPÖ und ÖVP zu sein – das "Shy-Tory"-Phänomen einmal anders. Stimmen diese Umfragen (wovon Viele nicht ausgehen), zeichnet sich eine gigantische, nicht wiedergutzumachende Pleite für die Regierung und für die Traditionsparteien ab.

Vor einem Jahr hätte dies noch kein seriöser Meinungsforscher für möglich gehalten, insbesondere den rasanten Aufstieg von Irmgard Griss. Sie sei politisch zu unerfahren, habe keinen Parteiapparat, der sie unterstützen könnte, praktisch keine Spendenbasis und sie sei zu unbekannt unter der Bevölkerung – all das hat sich gewandelt. Mittlerweile ist das Rennen zwischen Van der Bellen, Hofer und Griss so eng, dass sich die endgültige Entscheidung, wer in die Stichwahl kommt, auf Montag verschieben könnte – dem Tag, an dem die Wahlkarten ausgezählt werden.

Grün, blau, unabhängig?

Wer von diesen zwei Kandidaten und der einzigen Kandidatin tatsächlich in die Stichwahl kommt, lässt sich nicht seriös abschätzen. Wird es der Wirtschaftsprofessor Van der Bellen, der in der Flüchtlingspolitik für einen eher liberalen Zugang steht? Wird es die Juristin Griss? Sie wäre die bisher erste Frau in diesem Amt, eine Kandidatin des konservativen Bürgertums. Oder doch eher Norbert Hofer, der Rechte, der Deutschnationale, der vor laufender Kamera ankündigt, der FPÖ könne sich nichts und niemand in den Weg stellen und, dass man sich noch wundern werde, was er als Bundespräsident alles tun werde, wenn er gewählt ist?

Eines scheint sicher: Erstmals wird kein Kandidat der ehemaligen Großparteien Bundespräsident. Dies ist in einer Republik, in welcher die Kandidaten der Großparteien oft zusammen 100% der Stimmen errungen hatten, revolutionär. Dennoch: Genaueres wird man erst am Sonntag (oder am Montag) wissen – doch bleibt es dabei, dass Hundstorfer und Khol gemeinsam bei unter 40% liegen werden, steht Österreich, zumindest langfristig gesehen, vor einer Zeitenwende.

15:53 23.04.2016
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Geschrieben von

rjspoetta

International relations and security policy aficionado, diplomat by training.Twitter: @rjspoetta
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