Götterdämmerung des Kaiserreichs

August 1918 Eine unerwartet erfolgreiche Offensive der Entente markiert die Wende im Ersten Weltkrieg - danach bleibt Deutschland nur Rückzug um Rückzug
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Götterdämmerung des Kaiserreichs
Ypern im Dezember 1918

Foto: Lt. Ira. H. Morgan. (US Army)/Wikimedia/gemeinfrei

Nach Millionen Toten und endlosem Leid brachte dieser Tag die Wende im Ersten Weltkrieg. Erstmals zeigte sich an der Westfront eine neue Überlegenheit der deutschen Kriegsgegner. Von diesem Tag an errangen sie mit jeder Offensive an den Frontabschnitten Siege und die deutsche Option war nur noch der Rückzug. Endlich wurden die jahrelang verwüsteten Städte und Landschaften befreit und bei den deutschen Soldaten verstärkte sich das Nachdenken über die eigene Situation.

Im Südwesten Belgiens liegt die kleine flandrische Stadt Ypern (flämisch: Ieper). Die Industrieregion von Lille in Frankreich ist nicht weit. Diese Stadt hat im Ersten Weltkrieg gelitten wie nur wenige andere. Auf den umliegenden Hügeln trifft man kaum auf einen Bauernhof, zwischen dessen Feldern nicht die strengen Kreuzreihen eines Soldatenfriedhofs oder wie in den Straßen der Stadt Denkmale zu sehen sind.

Im Oktober 1914 brachten hier Belgier, Franzosen und vor allem die Soldaten englischer Hilfstruppen die in das neutrale Belgien einmarschierten deutschen Armeen zum Stehen. Auf den bewaldeten Höhen um Ypern tobte dann vier Jahre lang der Stellungskrieg. Wenige Versuche einer Offensive änderten daran nichts. Die historische Stadt wurde von deutscher Artillerie samt Allen die nicht entkommen konnten zu Schutt zerschossen. Die Soldaten der Entente gruben sich tiefe Tunnel, in die sie sich zwischen ihren Einsätzen zurückzogen.

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Hill 60/Hügel 60 heißt dieser Ort nach der englischen Armee-Bezeichnung. Zwischen 1914 und ’18 lagen sich hier bei Ypern/Belgien Deutsche und Briten in den Schützengräben gegenüber. Heute bedeckt die Natur mit Gras und einzelnen Bäumen das Land des Grauens. Sieben Mal wechselte die militärische Kontrolle. Granattrichter, Geschosse und Leichenteile bildeten die Oberfläche zwischen den Frontlinien. In der Tiefe sollten Tunnel und Minen den Erfolg bringen. Seit 1918 bleibt der Hügel als vieltausendfaches Grab der Natur überlassen. Foto: Kölmel

Churchill schlug in den 1920er Jahren vor, die Trümmer Yperns als Denkmal des Schreckens zu erhalten. Die Einwohner wollten jedoch der deutschen Mord- und Zerstörungsmaschinerie einen solchen dauerhaften Sieg nicht zugestehen. Sie bauten die Stadt mit den spätmittelalterlichen Tuchhallen und der Kathedrale wieder auf. Ypern heute versteht sich als Friedensstadt. An jedem Abend seit dem Wiederaufbau 1927 wird der Verkehr gestoppt und mit einer Zeremonie am Menen-Tor der toten Soldaten des Commonwealth gedacht.

Etwa 350.000 alliierte Soldaten starben bei der Verteidigung der Höhen um die Stadt, 150.000 deutsche Angreifer in den oft nur wenige Meter ihnen gegenüber liegenden Schützengräben. Hier erprobte die deutsche Armee 1915 über viele Kilometer Frontlinie Chlorgas und später weitere Giftgase unter Missachtung des Verbots der auch durch Deutschland unterschriebenen Haager Landkriegsordnung. Der Chemieforscher und spätere Nobelpreisträger Professor Haber von der Universität Berlin entwickelte diese Gifte. Für seine Frau Clara war das eine unerträgliche Perversion der Wissenschaft. Sie nahm sich nach der Erstanwendung 1915 das Leben. Franzosen und Engländer zögerten dann nicht, ähnliche Kampfstoffe zu produzieren (vorher hatten sie Tränengas eingesetzt).

Direkt vor den Toren Yperns ist bis zum 100 Jährigen Datum des Kriegsendes die eindrucksvolle Kunstinstallation „ComingWorldRememberMe“ zu sehen. Kleine Tonfiguren, die einen niederkauernden Menschen mit deutlichem Rückgrat darstellen, erinnern an die Toten des Ersten Weltkriegs. 600.000 Tonfiguren haben der Künstler Koen Vanmechelen und zehntausende Helfer_innen, Schulklassen u.a. aus Belgien, Frankreich, England, Kanada und einige auch aus Berlin modelliert und auf dem damaligen Niemandsland heute dem Park De Palingbeek aufgestellt (1).

Jede Figur steht für ein in Belgien zerstörtes Menschenleben. Ein großes Ton-Ei, aus dem sie herauszukommen scheinen, symbolisiert den Gegenpart zu Granaten, Gewehren und Mordmaschinerie: Beginn und Anfang des Lebens sowie unsere Verantwortung für Frieden.

Foto: Kurt Desplenter/AFP/Getty Images

Das Land-Art-Projekt „ComingWorldRememberMe“ im Niemandsland von De Palingbeek erinnert an die 600.000 Kriegstoten in Belgien und gibt ihnen ihre Namen zurück. Künstler Koen Vanmechelen organisierte 10.000de Helfer, die kleine, kauernde Tonfiguren formten, eine für jeden Toten. Die wurden hier dicht aneinander aufgestellt. Das riesige Ton-Ei gibt der Hoffnung auf das Leben Gestalt und symbolisiert den Gegensatz zu Militär und Tod, die früher dieses Gelände beherrschten.

Offensive der Entente bringt Wende

In den Stellungskrieg an der Westfront kam Anfang August mit einer lange vorbereiteten alliierten Offensive Bewegung: Am 8. August 1918 begann die Götterdämmerung der deutschen Militärmaschinerie und des Kaiserreichs. Die Entente beantwortete die im Juli 1918 stecken gebliebene Frühjahrsoffensive der Deutschen. Armeen mit hunderten neuer schneller Panzer von Renault und aus England, ausgeruhten Soldaten aus Britannien und den zwischenzeitlich in den Krieg eingetretenen USA erprobten eine neue Offensivtaktik (2).

Die Panzer drangen schnell hinter die deutschen Linien vor, zerrissen die Telefonleitungen der Fronttruppen und entwerteten mit raschem Vorstoß Technik und Ausbauten der Frontlinien. Zahllose Flugzeuge bombardierten die deutschen Nachschublinien. Die Alliierten errangen zunächst nahe Amiens, dann an der Somme, bei Verdun und an immer weiteren Frontabschnitten Siege. Mit jedem weiteren Kriegstag zeigte sich jetzt eine technische, moralische und damit militärische Überlegenheit der deutschen Gegner. Zug um Zug wurde das geschundene belgische und französische Land befreit.

Bei Ypern begann am 28. September die fünfte und letzte Flandern-Schlacht. Auch hier wurden die Deutschen zurück geworfen. Einen Tag später, am 29. September 1918, telegrafierte Ludendorff für die Oberste Heeresleitung an die zivile Regierung die Aufforderung, Waffenstillstandsverhandlungen vorzubereiten. Die deutschen Siegträume zerplatzten. Am 11. November 1918 wurde der Waffenstillstand im Wald von Compiègne unterschrieben. Die deutschen Militärs überließen das Feld jetzt der Politik. Später behaupteten sie, an der Front seien sie nicht besiegt worden. In Deutschland begann die Revolution.

Zerschossene Landschaften und Nekropolen

In Ypern und Flandern, wie auch in Frankreich an der Marne, der Somme oder bei Verdun ist das Gedenken an diesen furchtbaren Krieg in den Städten und Landschaften, aber auch in den Köpfen der Menschen sehr präsent. Eine der eindrucksvollsten Nekropolen steht in Frankreich auf den weiten zerschossenen Hügeln nahe Verdun: Das Beinhaus von Douaumont. Knochen von 130.000 Menschen, die keinem Leichnam mehr zugeordnet werden konnten, ruhen dort. Weitere zehntausende namentlich bekannte Toten liegen im Umfeld.

Jedes Jahr reisen mehrere hunderttausend Briten nach Ypern um ihrer Toten zu gedenken. Auf deutsche Staatsbürger trifft man an diesen Erinnerungsstätten wenig. In Deutschland wird dieser Krieg mit dem Mantel des Allgemeinen zu gedeckt, er war furchtbar und alle haben versagt. Vor Ort in Ypern oder Douaumont verwandeln sich abstrakte Tote in gestorbene Menschen: Es geht um den von den Deutschen erschossenen Freund oder Ur-Onkel. Selbst nach einhundert Jahren sind viele Beziehungen und weite Familienbande lebendig. Den deutschen Ur-Onkel, der dies mit angerichtet hat, will man da lieber vergessen.

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Auch nach 100 Jahren kommen Traditionsvereine, Privatpersonen und Schulen aus Britannien und dem Commonwealth in großer Zahl um ihrer Toten zu gedenken, wie an einem Bunkerbruchstück von „Hill 60“. Das Bedürfnis aus dem gegenwärtigen Leben mit einem Symbol etwas zurück zu geben in die Vergangenheit ist allgegenwärtig. Foto: Kölmel

Der Künstler Koen Vanmechelen vermutet die Ursache für die Zerstörungsenergie, die Millionen Tote produzierte, liege in den menschlichen Genen. Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel erklärten in Douaumont: „Lasst uns das Grauen nicht vergessen“. Andere heben hervor, dieses Sterben sei „sinnlos“ gewesen. Aber solche Erklärungen befriedigen nicht. Kein Mensch schlägt einen anderen tot, weil seine Gene ihm das befehlen. Kein Staat setzt sein Staatsvermögen, seine Produktivkräfte und Millionen Menschenleben ein, weil er es für „sinnlos“ hielte. Es gibt Gründe, warum das alles so passiert ist.

Ein Krieg wird auch gewollt

1914 und in den Jahrzehnten davor waren die deutschen Eliten vom „Sinn“ eines Krieges überzeugt. Dass sie ihn verlieren könnten war nicht vorgesehen. Diesen „Sinn“ muss man mühsam aus einem Geflecht von Lügen, Verschleierungen und Halbwahrheiten freilegen. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer veröffentlichte 1961 seine bahnbrechenden Forschungen zum deutschen Kriegseintritt im Juli 1914 und gab ihnen den Titel „Deutschlands Griff nach der Weltmacht“. Damit traf er den Kern des deutschen Kriegswillens, machte sich aber alle deutsch-national gesinnten Historiker (und Politiker) zu Gegnern (3).

Neuere Forschungen von Christopher Clark („Die Schlafwandler“), Herfried Münkler („Der Große Krieg“) und weiteren Historikern wollen von Schuld nicht mehr reden. Die gegenwärtige Wissenschaft präsentiert immer neue Details und überzeugt letztlich mit solcher Schlussfolgerung nicht. Aber sie kommt der Politik und der Bevölkerung entgegen. 58% der Teilnehmer einer Forsa-Umfrage in Deutschland sahen 2014 die Verantwortung bei allen beteiligten Staaten (4).

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Die Nekropole von Fleury bei Douaumont nahe Verdun gehört mit ihrem 60 Meter hohen Turm zu den monumentalen Erinnerungsbauwerken an den ehemaligen Kampflinien. Hier ruhen die Knochen von 130.000 Menschen/Soldaten, die man keinem identifizierbaren Leichnam zuordnen konnte. Foto: Kölmel

Nicht nur die Spitzen von Militär und Staat auch der Adel, das Bürgertum mit seiner Wirtschaftsmacht und die Bildungseliten wollten 1914 diesen Krieg. Deutschland fühlte sich benachteiligt und sollte zur herrschenden Macht Europas aufsteigen. In einem seltsamen Gegensatz zum Kriegsjubel von 1914 wurde Deutschland als Opfer präsentiert. Kaiser Wilhelm II tönte 1915: „Wir haben den Krieg nicht gewollt …“ (5).

Tatsächlich wollte die Regierung diesen Krieg seit einer Geheimkonferenz im Dezember 1912. Sie suchte nur nach einer Gelegenheit Russland als Aggressor dar stehen zu lassen, um die deutsche Öffentlichkeit bis einschließlich der Sozialdemokraten für den Krieg zu gewinnen. Kriegsziele wurden hinter verschlossenen Türen besprochen: Weite Gebiete im Osten bis ans Schwarze Meer sollten annektiert, Frankreich und Belgien gezwungen werden ihre politische Selbständigkeit aufzugeben. Dieser Weltmachtanspruch war letztlich eine Folge der Wirtschaftsentwicklung und des ökonomischen Aufstiegs Deutschlands seit 1871 (6).

Die Chance kam im Juli 1914 als die Regierung nach dem Attentat auf den österreichischen Kronprinzen Österreich-Ungarn zum Krieg gegen Serbien ermunterte, wissend, dass Russland Serbien nicht zerstören lassen würde. Als die Mitteilung der russischen Mobilmachung am 31. Juli 1914 in Berlin eintraf jubelten Kaiser, Militärs und Regierung. Jetzt konnte Deutschland seine jahrelangen Kriegsvorbereitungen als Reaktion auf Russland präsentieren (7).

Auch die Gegner Deutschlands waren keine Friedensengel. Raubzüge, Herrschaft und Kriege in ihren Kolonien führten sie brutal und menschenverachtend. Ihr Interesse in Europa war die Verteidigung ihrer Imperien und Weltherrschaft. Doch in diesem Krieg verteidigten sie an der Westfront auch Selbstbestimmung, Recht und Freiheit ihrer Bevölkerungen. Deutschland organisierte dagegen eine brutale Kriegsführung im Stil der Kolonialkriege. Diese Gräber und zerstörten Landschaften fordern einen Aufklärungswillen, wie ihn Fritz Fischer und Kollegen seit 1961 oder schon hundert Jahre zuvor Sozialisten, Unabhängige Sozialdemokraten und spätere Kommunisten mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und einige weitere gezeigt haben. Ohne ihn gelingt kein Weg in eine friedliche Zukunft.

Anmerkungen

(1) Siehe www.cwrm.be

(2) Vgl. Hindenburg, Paul: Aus meinem Leben. Leipzig 1920, S.357ff.

3) Vgl. www.jungewelt.de/artikel/150143.expansion-als-staatsziel.html?sstr=Deutschland%7CWirtschaft%7Cvor%7C;

Wolfram Wette: Seit hundert Jahren umkämpft: Die Kriegsschuldfrage. Blätter für Deutsche und internationale Politik 9/2014

(4) www.stern.de/politik/deutschland/stern-umfrage-deutsche-interessieren-sich-fuer-den-ersten-weltkrieg-3129136.html

(5) Münchner Neueste Nachrichten vom 1. August 1915 (Abendausgabe) in: www.sueddeutsche.de/politik/zeitung-vom-august-erfolge-ueberall-deutsche-erfolge-1.2590783

(6) Vgl. www.jungewelt.de/artikel/193330.je-eher-je-besser.html?sstr=Deutschland%7CWirtschaft%7Cvor%7C

(7) Der englische Historiker John C. G. Röhl in der Süddeutschen Zeitung: www.sueddeutsche.de/politik/ausbruch-des-ersten-weltkriegs-wie-deutschland-den-krieg-plante-1.1903963-4

16:17 08.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Reinhard Kölmel

Politik, Ökonomie, Gesellschaft, Natur – alles miteinander verbunden, aber wie? Und wer macht daraus ein wozu und für wen?
Reinhard Kölmel

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