Blut tropft aus der ZEIT

Elitäre Kriegstreiber? ZEIT-Kommentatoren fordern Bomben und Krieg. Es fehlt die Besinnung auf gleichberechtigten Umgang in der Politik. Wir brauchen mehr Friedensdemos: Bilder aus Hamburg.
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Aus Versehen habe ich sie schräg gehalten, die ZEIT vom 19. April. Und da ist es dann passiert: Blut tropfte auf die Hose. Es stammt aus der Feder und der Welt des Josef Joffe, des Mitherausgebers der Wochenzeitung „DIE ZEIT“. Gleich auf der Titelseite durften wir von ihm lesen, dass Russland nach Westen und in Nahost expandiert, dass in Syrien „die Schurken ihr eigenes Volk massakrieren und das mit weltweit geächtetem Giftgas“, dass die Bundesregierung „das Gute, aber nicht die tätige Verantwortung“ will. Mit letzterem umschreibt er freundlich Bomben, Granaten und Gewehrkugeln. Und warum seine Aufregung? Weil die Kanzlerin sich weigerte am letzten Bomben-Einsatz der USA, Englands und Frankreichs in Syrien teilzunehmen. Als wenn 14 Bundeswehreinsätze weltweit nicht mehr als genug sind.

Fakten stören die Welt von Herrn Joffe nicht. Sie werden von ihm ausgeklammert:

  1. Seine russische Expansion nach Westen sieht so aus, dass russisches Militär seit 1990 rund 1000 Km nach Osten auf russisches Staatsgebiet zurück verlegt wurde, während deutsche Kampfpanzer und Zubehör inzwischen bis auf 150 Km an die russische Metropole St. Petersburg vorgerückt sind. Für den raschen Transport amerikanischer und deutscher Kampfpanzer u.Ä. an die russische Grenze überdenken die NATO jetzt Autobahnbau, Schnellstraßen usw. ab Bremerhaven. Ähnlichkeiten zu Planungen der 30er Jahre sind natürlich zufällig.
  2. Der sogenannte Giftgasangriff der syrischen Regierung in der Stadt Douma wird bisher nur mit einem Video der „Weißhelme“ begründet, einer u.a. von den USA, England und der Bundesregierung mitfinanzierten und den Dschihadisten-Gruppen in Syrien eng verbundenen Organisation. Alle anderen - Journalisten die vor Ort waren oder Fachleute – haben keine Nachweise für einen Giftgaseinsatz entdeckt und die entsprechende OPCW-Kommission beginnt erst ihre Arbeit. Es wäre allerdings dazu auch völlig unsinnig, wenn die Syrische Regierung unmittelbar vor der militärischen Einnahme des Ortes dort Giftgas einsetzen wollte, wo sie sicher weiß, dass damit mindestens ein heftiger Bombenangriff der USA und ihrer Alliierten provoziert würde. Ist das kein Grund Fakten zu klären? Macht in der Welt von Herrn Joffe aber nichts, den die Syrische Regierung und ihr verbundene Bevölkerungsteile haben die Raketen und Drohnenbomben der westlichen Dreier-Allianz ohnehin verdient.
  3. Und die „tätige Verantwortung“ der Bundesregierung? Das ist in Joffes Welt nicht das Klären der Fakten, das Einhalten einfachster vernünftiger und rechtsstaatlicher Methoden, diplomatischer Umgang auch bei konträrer Meinung, Russland gar ein eigenes Sicherheitsinteresse zubilligen? Er verweist stattdessen auf Clausewitz, an den sich doch die Bundesregierung erinnern soll. Clausewitz, der Militärtheoretiker, der mit seiner Überlegung von 1832 „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ am Ende des 19 Jhd. bei den preußischen Militärs wieder hoch im Kurs stand. Danach begannen sie den Ersten Weltkrieg.

Nein Danke!

Schon jetzt sind die europäischen Armeen ca. vier Mal stärker als Russland und wenn wir die NATO heranziehen kommen wir mit Einschluss der USA auf derzeit 13-14-fache Überlegenheit gegenüber Russland (gemessen an den Militärausgaben). Das reicht den Falken aber nicht. Sie wollen ab sofort eine drastische Erhöhung der Militärausgaben. Wozu? Wohin soll uns der neue Retrokonservativismus der Geheimdienste, Militärs und der politischen Eliten mit Trump, Macron, Merkel und May führen?

Dem Volk, das immer jeden Kriegswahnsinn ausbaden muss, bleibt nur die Chance, bei Zeiten seine Meinung zu äußern. Noch lehnt die Mehrheit der Bevölkerung den Aufbau neuer Feinbilder mit Achtelwahrheiten und bigotter Moral durch die Mainstreet-Medien ab.

Mut machten die in diesem Jahr angewachsenen Ostermärsche. In Hamburg waren es mit 3000 Teilnehmern immerhin fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Wenn wir allerdings etwas gegen die Kriegstreiberei bewirken wollen, müssen sehr viel mehr ihre Meinung auf der Straße äußern. Dabei sollte wenig interessieren, ob die Nebenfrau oder der Nebenmann im Detail die gleiche Meinung wie man selbst vertritt. Niemand muss ein „Putin-Versteher“ sein, um den Zaunpfahl der Überrüstung im eigenen bundesrepublikanischen Auge zu kritisieren. Natürlich vertreten Putin und Russland eigene und selbstdefinierte Interessen. Das muss man ihnen schon zugestehen. Sonst ist ein friedliches Zusammenleben in einer Welt nicht möglich. Und nur über ein gleichberechtigtes Reden miteinander lassen sich divergierende Interessen definieren, einhegen und eine friedliche Zukunft erreichen.

Nur zur Erinnerung, ein kleiner Bilderreigen (Fotos Koelmel)von der Hamburger Friedensdemo am Ostermontag:

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21:20 28.04.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Reinhard Kölmel

Politik, Ökonomie, Gesellschaft, Natur – alles miteinander verbunden, aber wie? Und wer macht daraus ein wozu und für wen?
Reinhard Kölmel

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