Der heilige Tod

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Nach einem blutigen Schusswechsel zwischen verfeindeten Gangs in Sinaloa, Nordmexiko im Mai 2010 wird ein Massengrab mit 50 Toten entdeckt. Die Leichen sind mit Tätowierungen, Ringen und Anhängern einer Figur geschmückt, die in Mexiko unter dem Namen „la Santa Muerte“, der heilige Tod, bekannt ist.

Sinaloa ist eines der Zentren im Drogenkrieg, der seit Amtsantritt des Präsidenten Felipe Calderon in Mexiko wütet und bisher 28 000 Opfer gefordert hat.

In einem Land, dessen Zeitungen täglich voll sind mit Bildern von Gehängten, Geköpften und Kastrierten, erregt ein solches Massengrab kaum noch Aufsehen.

Es ist das bizarre Detail der Verzierungen der Toten, das die Aufmerksamkeit vor allem der englischsprachigen Presse weckt: Die Verehrung des Todes, personifiziert als la Santa Muerte.

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La Nina Blanca

Der Tod ist für eine erstaunliche und immer weiter wachsende Zahl von Mexikanern eine heiß geliebte Lokalheilige: La Santa Muerte ist auch als La Nina Blanca, das weiße Mädchen bekannt. Tausende von Mexikaner haben Altäre in ihren Wohnungen, auf denen eine Figur des Todes thront, die dem deutschen Sensemann täuschend ähnlich sieht. Die mexikanische Kusine des Sensemanns hält meist die Sense in der einen und eine Weltkugel in der anderen Hand. Oft wird das „Weiße Mädchen“ auch von einer Eule, dem traditionellen Symbol der Weisheit, begleitet.

Die besondere, eher freundschaftliche Beziehung der Mexikaner zum Tod, mit dem „Dia de los Muertos“ als alljährlichem Höhepunkt Anfang November, ist eine der Traditionen, die sich als Verkaufschlager entpuppt haben und unter dem Namen „mexican curious“ Teil einer Industrie geworden sind.

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Totenkoepfe aus Zucker am "Dia de los Muertos"

Der größte Star der ‚mexican curious“ Industrie ist zweifellos die Malerin Frida Kahlo, deren prägnantes Gesicht die Postkarten, Kaffeetassen und Jutetaschen in jedem Souvenirshop schmückt. Aber auch der Tod verkauft sich gut, in Form von bunt bemalten Porzellan-Totenköpfen, knochenköpfigen Musikanten hinter Glas und vielen ähnlichen Mitbringseln.

Die Santa Muerte wurde in Mexiko und den USA berüchtigt als Heilige der Drogendealer. Die mexikanische Polizei zerstörte 2003 eine Reihe von Altären an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, die der Santa Muerte gewidmet waren. Die Berichterstattung in der englischsprachigen Presse, mit Schlagzeilen wie : „Der Kult der Drogenhändler“ und „Narco-Terroristen sind Todesanbeter“ hat dazu geführt, ein Bild zu verfestigen, das sich nahtlos in das aus Kolonialzeiten bekannte Klischee des exotischen, verruchten und gefährlichen Mexikos fügt.

Skrupellose Dealer, die sich mit Bildern des Todes schmücken, den Tod als einen Götzen verehren, was könnte besser in das Klischee der erotisch-geheimnisvollen, blutrünstigen Neuen Welt passen, dass sich heutzutage in Filmen wie „From Dusk til Dawn“, „El Mariachi“ und „Once upon a time in Mexico“ manifestiert.

Einige Anhänger des Kultes behaupten, die Figur der Santa Muerte gehe auf prä-hispanische Traditionen zurück und sehen einen Zusammenhang zwischen der Santa Muerte und den Totenkulten, beispielsweise der Atzteken. Die Ruinen ihrer religiösen Stätten, wie zum Beispiel die mitten im Herzen Mexiko Stadt, dem Templo Mayor, strotzen nur so von steinernen Totenköpfen in allen Größen.

Der Anthropologe Carlos Lomnitz weist diesen Zusammenhang allerdings entschieden zurück und vermutet den Ursprung der Santa Muerte in einem obskuren guatemaltekischen Lokalheiligen des 19. Jahrhunderts.

Der Versuch, herauszufinden, was an dem Klischee der Wahrheit entspricht, macht eine Reise nach Sinaloa unumgänglich. Sinaloa liegt an der Pazifikküste, 650 Meilen von der amerikanischen Grenze entfernt. Eine der Haupteinahmequellen des Staats ist die Fischerei, eine andere ist der meist mexikanische Tourismus, der sich allerdings auf Küstenstädte wie Mazatlan beschränkt. Die andere Einnahmequelle ist der Drogenhandel. Sinaloa ist die Heimat des gleichnamigen Kartells, eines der mächtigsten und gefährlichsten Mexikos.

In dem fruchtbaren Tal um die Haupstadt Culiacan wachsen Tomaten, Auberginen und Melonen, hauptsächlich für den Export in die USA. Östlich von Culiacan beginnt das unzulängliche Berggebiet der Sierra Madre Occidental. Cannabis ist hier eine der Hauptanbaupflanzen und der Versuch, die Kleinfarmer dazu zubringen, dieses lukrative Geschäft aufzugeben, ist ein hoffnungsloses Unterfangen.

Bei der Ankunft am Flughafen von Culiacan zeigt sich ein Bild, das mittlerweile fast überall in Mexiko zur Norm geworden ist. Vor dem Ausgang des Flughafens ist eine Militärpatrouille postiert. Auf einem der Jeeps ist ein großkalibriges Maschinengewehr montiert. Dahinter steht ein Soldat mit Sonnenbrille, den Finger am Abzug. In seinem Krieg gegen die Drogenhändler bedient sich Präsident Calderon der Armee, die in Mexiko ein höheres Ansehen genießt als die oft korrupte Polizei.

Diese Praktik, in Deutschland von der Verfassung verboten, ist allerdings auch in Mexiko äußerst umstritten. Menschenrechtsaktivisten, wie z.B. Mercedes Murillos Monges aus Sinaloa, beschuldigen Soldaten des Mordes, des Raubes und der Vergewaltigung,und fordert die Rückkehr der Armee in die Kasernen. In einem Interview mit der Tageszeitung „La Jornada“ bezeichnet die 74jährige Calderons Krieg gegen die Drogenhändler „als von Beginn an verloren“.

Damit spricht sie aus, was eine große Zahl ihrer Landsleute denkt, die sich nach der Zeit zurücksehnen, in der es eine Art Waffenstillstand zwischen der Regierung und den Narcos gab. Der damalige, unausgesprochene Konsens lautete in etwa :“Hier in Mexiko bekommt ein jeder Stück vom Kuchen, und den Schaden haben die Gringos, die ihre Nasen nicht aus dem Kokain lassen können.“ Präsident Calderon, dessen Krieg von den USA unterstützt wird, hat allerdings deutlich gemacht, dass „das Militär in den Strassen bleiben wird“, solange er im Amt ist.

Der erste Spur des heiligen Todes findet sich schon auf dem Weg vom Flughafen zum Zentrum von Culiacan ; eine kleine Figur der Santa Muerte, auf das Armaturenbrett des Taxifahrers geklebt. Die Frage, ob er an die Santa Muerte glaube, bejaht der Taxifahrer und erklärt:“ Meine Tante in den USA hat mich darauf gebracht.“ Was ihn am Heiligen Tod überzeugt habe? „Sie bewirkt viele Wunder. Sie hat mir schon oft geholfen.“ Auf die Wunder will er nicht im Einzelnen eingehen, das sei Privatsache.

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Santa Muerte in allen Formen und Farben

Die Figuren des weißen Mädchens gibt es in allen Größen und Farben, winzig klein, geeignet für das Armaturenbrett,, und in voller Mannesgröße, für die Kapelle zu Hause. Für jeden ist etwas dabei: In Rot hilft sie Problemen in Liebesdingen, in Gold sorgt sie für Wohlstand, in Grün steht sie den Gläubigen bei Problemen mit der Justiz bei.

Die Hitze in Culiacan ist drückend. Es ist keine schöne Stadt, das Zentrum wirkt heruntergekommen. Wer sich amüsieren will, tut das in dem Bezirk auf der anderen Seite des Flusses. Dort dominieren Restaurants und Nachtclubs, die sich genauso gut auf der amerikanischen Seite der Grenze befinden könnten.

Chapo Guzman, der legendäre Boss des Sinaloa Kartells und einer der meistgesuchten Männer der Welt, wird in Culiacan vermutet. „Es ist ein offenes Geheimnis, das Guzman sich in Culiacan aufhält“ sagt Marianne, eine Studentin, die aus Guasabe, einem Nachbarort, nach Culiacan gekommen ist, um dort Internationale Beziehungen zu studieren. Und warum wird er dann nicht gefasst? Ledya lacht ob der unerhörten Naivität der Frage. „Weil er sie alle in der Tasche hat, deswegen.“ Wie die meisten Mexikaner misstraut Ledya der Regierung und der Polizei zutiefst und ist davon überzeugt, dass sie trotz des öffentlich ausgerufenen Drogenkrieges mit den Bossen der Kartelle unter einer Decke stecken.

Die Präsenz der Dealer in Culiacan ist unübersehbar. Am Wochenende steigt die Zahl der Geländewagen mit den schwarz getönten Scheiben und den Vanity Plates, drastisch an. „Sie amüsieren sich hier, die haben keine Angst gefasst zu werden, warum auch?“ sagt Marianne in einem bitteren Ton.

Eine Familie in Culiacan ist bekannt dafür, eine öffentlich

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Hauskapelle der Santa Muerte in Culiacan

zugängliche Kapelle der Santa Muerte eingerichtet zu haben. Das Haus der Familie liegt in einem ärmlichen

Außenbezirk, die Strasse ist ungeteert. und der Reporter aus dem Ausland zieht viele neugierige, nicht immer freundliche Blicke, auf sich. Trotzdem lädt die Hausherrin bereitwillig zur Besichtigung der Kapelle ein. Was als erstes ins Auge fällt, ist das Kreuz auf dem Dach der Kapelle. Im Gegensatz zum Klischee des finsteren Kults der Narkoterrroristen sehen die Verehrer der Santa Muerte keinen Widerspruch zwischen christlichen Symbolen und denen ihres Kultes.

Hector Villareal, ein mexikanischer Politikwissenschaftler und Journalist, der sich für sich ein in Mexiko Stadt erscheinendes Magazin eingehend mit dem Thema beschäftigt hat, erklärt das so : „Mexiko ist traditionell ein sehr gläubiges Land und es war nie schwer für die Mexikaner, neue Heilige in ihr Pantheon zu integrieren. Das war schon nach der Ankunft der Spanier der Fall, die neuen Gottheiten des Christentums wurden als Ergänzung der bestehenden betrachtet, nicht als ihr Ersatz.“

Im Inneren der Kapelle findet sich ein Sammelsurium von Darstellungen des weißen Mädchens in allen Farben und Formen. Prunkstücke sind zwei Figuren in „Lebensgröße“, eine vor dem Eingang, eine im Inneren der Kapelle. Besonders skurril wirken einige der Beigaben: Eine der stehenden Figuren trägt eine Sonnenbrille, leger auf den Hinterkopf gesteckt, als sei sie am Strand. Eine thronende Figur ist mit einem gelben Ballon geschmückt. Der Ballon hat ein lachendes Sonnengesicht, ist von der Art, wie man sie kleinen Kindern auf der Kirmes kauft.

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Der Tod mit Ballon

Auf die Frage, warum die sie der Santa Muerte diese Stätte eingerichtet habe, antwortet Rosario, die Hausherrin: „Ich habe sie um ein Wunder gebeten, und sie hat mich erhört. Ich hatte ihr versprochen, eine Kapelle einzurichten, falls sie mir hilft. Das hat sie und ich habe mein Wort gehalten. Ich habe die Rechnung mit ihr beglichen.“

Worum es bei dem Wunder ging? „Ein Mitglied meiner Familie wurde entführt.“ Mehr möchte sie dazu nicht sagen. Im Gegensatz zur nach wie vor populären katholischen Kirche fordert die Santa Muerte keine Tugend und hält keine Strafe für Sünder parat. Wenn man ihren Verehrern glaubt, kann sie aber ernsthaft böse werden, wenn man sie um etwas bittet, ihr dafür etwas verspricht, aber sein Versprechen bricht.

Neben der Santa Muerte gibt es in Sinaloa noch einen weiteren Heiligen, der von der katholische Kirche nicht akzeptiert wird, den, Jesus Malverde. Malverde wird meistens als eleganter Senor dargestellt, es gibt ihn aber auch in der Kiffer-Version, mit einem Marihuana-Blatt geschmückt. Wer ihn so darstellt, interpretiert das Gruen, „Verde“ im Namen als Referenz zu der ertragsreichsten Exportpflanz Sinaloas.

Überhaupt scheint es, als gäbe es eine Verbindung zwischen Marihuana, in Mexiko eine billige Massendroge, und den beiden seltsamen Heiligen. Der Santa Muerte werden häufig Joints geopfert. Villareal erzählt von Rosenkranzeremonien zu Ehren der Nina Blanca, während der sich die Gläubigen die Augen rot rauchen.

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Die Kirche des Jesus Malverde

Der Legende nach ist Malverde eine Art mexikanischer Robin Hood, ein rebellischer Landarbeiter aus der Zeit in der in Mexiko noch feudale Strukturen herrschten. Wie sein englischer Kollege versteckte sich Malverde im Wald, in Grün getarnt, raubte von den Reichen und gab den Armen. In seiner Heimatstaat und auch über die Staatsgrenzen Sinaloas hinaus erfreut sich Jesus Malverde wachsender Beliebtheit, wenn er auch im Vergleich zu seiner bleichen Gespielin nur ein Juniorpartner ist.

In Culiacan steht die offizielle Kapelle des Senor Malverde. Sie liegt ein wenig ab vom Zentrum, am Fluss. Von Geländewagen mit dunkel getönten Scheiben ist an diesem lauen Nachmittag nichts zu sehen. An ein paar Ständen vor der Kapelle sitzen gelangweilt wirkende Frauen hinter batteriebetriebenen Ventilatoren und verkaufen Malverde Büsten, T-Shirts, heiliges Wasser, Gebetsblätter, Narcocorrido CDs, Amulette und natürlich die Santa Muerte in allen Größen und Farben. Im inneren der Kapelle ist es ähnlich ruhig und idyllisch. Eine alter Mariachi sitzt vor dem zentralen Heiligtum und spielt die Zieharmonika.

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Entspannte Atmosphaere im Haus des Malverde

Im hinteren Teil der Kapelle massiert eine alte Dame der anderen die Füße. Die Decke des Raums hinter den beiden ist mit Dollarnoten tapeziert. Aus einer Ecke lacht ein Totenkopf aus dem Hollywood Film „Piraten der Karibik“. Die Dollarnoten sind echt ,sagt die Frau, die gerade die Massage bekommt und verweist für weitere Fragen an den Vorsteher, einen, kleinen gebräunten Mann mit grauem Bart. Er erklärt, dass der Malverde Kult keine Kirche sei, sondern eine freie Glaubensgemeinschaft und die meisten Anhänger Christen seien. Auch auf dem Dach der Malverde Kapelle ist ein großes Kreuz.

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Das zentrale Heiligtum des Jesus Malverde

Überall an den Wänden hängen Danksagungen von Familien, denen die Gnade des Heiligen zuteil geworden ist. Im Herz der Kapelle stehen zwei Bänke zum Gebet bereit, Messen werden nicht gefeiert. Auch die Santa Muerte hat einen Altar im Haus des Malverde und zwei Männer in Jeans, T-Shirts und abgewetzten Baseball-Kappen stehen davor. Der eine ist im Gebet versunken, der andere erklärt, dass sie vorhaben, über die Grenze zu gehen, um zu arbeiten und er um ihren Schutz bittet.

Ist die Santa Muerte also die Götze der Kriminellen? Hector Villareal antwortet auf diese Frage: „ Ja und Nein. Selbstverständlich gibt es Kriminelle, die an die Santa Muerte glauben. Eine Heilige, die kein tugendhaftes Leben fordert, ist natürlich attraktiv für Menschen, die außerhalb der Legalität leben. Aber die Gläubigen beschränken sich sicher nicht auf die Kriminellen. Es sind im allgemeinen Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, die ein prekäres Leben führen, wie zum Beispiel alleinerziehende Mütter und fliegende Händler.“

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Santa Muerte Altar in Tepito, Mexiko Stadt

Der Besuch in Sinaloa und ein Gespräch mit Twiggy bestätigen Villareals Eindruck. Twiggy arbeitet als Friseur im sozialen Brennpunkt Tepito, einem der Hochburgen des Santa Muerte Kults. Er traegt einen Pferdeschwanz und spricht mit sanfter, femininer Stimme.In seiner Wohnung steht das weiße Mädchen in friedlicher Eintracht neben Buddha, Ganesha und Christus. Twiggy will von dem schlechten Ruf der Santa Muerte und seines Viertels, einem der ältesten in Mexiko Stadt, nichts wissen. „Die Leute hier arbeiten hart, sie verdienen wenig und der offiziellen Kirche sind sie egal. Der Santa Muerte sind sie nicht egal.“

Die „offizielle“, das heißt die katholische Kirche ist auf die Santa Muerte nicht gut zu sprechen. In einer Stellungnahme der mexikanischen Bischöfe gibt sie bekannt: „Der Santa Muerte Kult ist eine Sekte. Wer in die Hände dieser Sekte fällt, ist verzweifelt. Diese Verzweiflung ist nicht wirtschaftlicher, sondern spiritueller Natur. Die Katholiken, die diesem Kult angehören begehen eine schwere Sünde, die Sünde der Götzenanbetung.“

Auch der selbsternannte Bischof der Santa Muerte, David Romo, und die Kirche, der er angehört, die „Iglesia Mexicana Catholica Tradicional“, die „Traditonelle Katholische Kirche Mexikos“, werden von Rom nicht akzeptiert. „Die -Traditionelle Katholische Kirche Mexikos- ist weder eine Kirche noch ist sie katholisch“ heißt es in der Stellungnahme der Bischöfe.

Die „Iglesia Catholica Tradicional“ ist eine religiöse Splittergruppe, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht akzeptiert und unter anderem darauf besteht, die Messe weiterhin in Latein zu lesen. Sie hat sich als Heimat für die Anbetung der Santa Muerte angeboten, um ihre Zielgruppe zu erweitern, stellt Villareal nüchtern fest. „Die ICT ist keine ernstzunehmende Gruppierung. Sie ist nicht mal ihren eigenen Dogmen treu, wie zum Beispiel der Messe in Latein. Sie ist nur auf den fahrenden Santa Muerte Zug aufgesprungen.“

Nun sitzt die ICT auf dem Zug und nutzt den glamourösen schlechten Ruf des weißen Mädchens für ihre Öffentlichkeitsarbeit. Anfang des Jahres ließ sich ein Paar pressewirksam von Romo im Namen der Santa Muerte trauen. 2009 demonstrierte eine kleine Gruppe von Santa Muertinisten in der Haupstadt unter Romos Führung mit dem Slogan :“Somos creentes, no deliquentes“, „Wir sind Gläubige, keine Verbrecher“. Romo und die Santa Muerte haben sich offensichtlich das postmoderne Totschlagargument der benachteiligten Minderheit zu Eigen gemacht. Im Rahmen der Demonstration verkündete Romo seine Kandidatur als Abgeordneter im Stadtparlament.

Allen Anfeindungen zum Trotz sind Santa Muerte und Malverde ein Teil der Popkultur geworden. Ein mexikanischer Designer hat sein Modelabel Santa Muerte genannt, auch Skateboards gibt es unter dem Namen. Malverde hat es bis auf das Bieretikett eines mexikanischen Brauhauses geschafft und ist der Schutzengel eines angesagten Nachtclubs im hippen Playa del Carmen an der Karibikküste. Der amerikanische Hersteller Nike hat einen Schuh herausgebracht, der den Namen des weissen Maedchens traegt.

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Der Santa Muerte Schuh von Nike

Die Rap Formation Cartel del Santa aus dem im in Norden Mexikos gelegenen Monterrey hat der Santa Muerte ein Lied gewidmet und ein andere mexikanische Rapper hat sich Malverde als Kuenstlernamen ausgesucht. Die Santa Muerte ist Protagonistin eines gleichnamigen Spielfilms und ihr Compadre Held unzähliger Lieder, die von dem abenteuerlichen Leben im Drogenhandel berichten, den sogenannten „Narcocorridos.“

Ähnlich wie Tätowierungen sind die beiden Heiligen der schiefen Bahn offenbar auf dem besten Weg, sich ihren Platz im Mainstream zu sichern. Was sich am Beispiel der Santa Muerte und des Malverde beobachten läßt ist, wie schnell aus verpönt angesagt werden kann. Es ist anzunehmen, dass die Santa Muerte und der Malverde ihr Ende als Bestandteile der „mexican curious“ Industrie fristen werden.

Wirklich verstehen lässt sich das Phänomen wohl nur vor dem Hintergrund der sozialen Realität Mexikos. Der Mindestlohn beträgt 58 Pesos am Tag, etwa € 3,50. Das offizielle Mexiko, der Touristenzentren und der schicken Shoppingmalls der Hauptstadt zahlt soviel für einen Kaffee bei Starbucks. Die sozialen Ungleichheiten bleiben eklatant und Mobilität nach oben ist eine Seltenheit.

Die mexikanische Gesellschaft ist geprägt von einem tiefen Zynismus und großem Misstrauen gegenüber ihren Politikern. Urbane Mythen von Nackten die auf dem Prachtboulevard Reforma demonstrieren, und auf Nachfrage erklären, sie seien hier, weil sie 100 Pesos am Tag bekämen, illustrieren diese Stimmung. Die Politik ist nach wie vor einer der wenigen sicheren Wege es materiell zu etwas zu bringen, die große Mehrheit der Bevölkerung hält ausnahmslos alle Politiker für korrupt.

Das Vertrauen der Mexikaner in die Möglichkeit einer politischen Lösung ihrer Probleme ist äußerst gering. Dies in Verbindung mit dem geringen Bildungsniveau einen großen Teils der Bevölkerung zeugt einen Fatalismus, der sich unter anderem eben auch in der großen Popularität jeglicher Art des Aberglaubens äußerst. Ob es dabei nun die Santa Muerte, die Jungfrau von Guadalupe oder Tarokarten handelt, ist letztendlich irrelevant.

14:08 15.05.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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