R.M.
02.02.2013 | 13:13 4

Das digitale Herz der Buchbranche

E-Books und Reader Die Buchproduktion auf eBooks umzustellen, hat eigentümliche Konsequenzen. Ein Blick hinter die Kulisse:

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied R.M.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/25/EBook_between_paper_books.jpgDie gebräuchlichsten Dateiformate - ePub und seine geräte- bzw. serienspezifischen Ableger -, sind Container aus verschiedenen Dateien, zentral aus einer XHTML- und einer CSS-Datei, eventuell um professionell angelegte Bildschirm-Zeichensätze erweitert. Sie eröffnen einen relativ großen Gestaltungsspielraum. Leider ist dieser nur begrenzt nutzbar: Was von den Möglichkeiten in den verschiedenen Lesegeräten implementiert wurde, wie groß der Befehlssatz ist, der verarbeitet werden kann, ist ebenfalls zu berücksichtigen. Dies führt dazu, dass man sich als Produzent derzeit mit sonderbaren Kompromissen zu begnügen hat.

Die erste oder letzte Zeile eines Absatzes im Blätter-Modus der Geräte abzubrechen, ‘Hurenkinder’ und ‘Schusterjungen’ bei der Anzeige zu produzieren, ließe sich mit einfachen Mitteln vermeiden (CSS 2), doch die Geräte haben diesen Standard, wie bereits zuvor die Internet-Browser, nicht übernommen. Um einen Unterschied dieser Applikationen, zumal in der Verwendung, hat sich niemand gekümmert. Die Liste wäre nahezu beliebig fortsetzbar: Nicht alle Lesegeräte auf dem Markt können PNG-Bildformate akurat darstellen. Der Vorteil einer verlustfreien Kompression ist deshalb nicht nutzbar. Dass Verlage Schwierigkeiten haben, sich mit solchen Voraussetzungen anzufreunden, ist verständlich. Aus gestalterischer Sicht sind die marktüblichen Geräte insgesamt betrachtet nicht einmal Spielzeuge. Um die technischen Eigenschaften zu verbessern, werden derzeit die Multimediafähigkeiten *blinkblink* ausgeweitet (CSS 3 / HTML 5).

Normalerweise böten Tests den geeigneten Rahmen, um den Technikstand von Leseräten zu prüfen. Gerade die Technik, das ‘digitale Herz’ der Geräte, wird jedoch viel zu wenig beachtet. Eine Aufzählung von technischen Eigenschaften, die aus der Werbung stammen, zu denen üblicherweise auch die Beherrschung von CSS und HTML gehört, sagt wenig über den Grad aus. Fakt ist: Die Geräte beherrschen nicht einmal CSS 2. Die Daten sind nicht nur für Anwender interessant, sie geben auch die Produktionsbedingungen vor. Um Nutzern die marktrelevanten Eigenschaften von Lesegeräten zu erläutern, müsste kein Technik-Exkurs gegeben werden, es würde bereits ausreichen, auf den Umgang mit verlustfreier Kompression und mit satztypischen Anforderungen einzugehen.

Die Shops und die als Belieferer fungierenden Agenturen stellen den Verlagen Bedingungen: Nur die technologisch einfachste, rückständigste Produktion wird akzeptiert! Als einer der Gründe ist zu hören: Es könnte sich z.B. bei der Rezension eines Buches negativ auswirken, wenn ein PNG-Cover durch das verwendete Lesegerät nicht hinreichend darstellbar ist.

Es bleibt zu hoffen, dass die vielfach angeführte 'digitale Revolution' tatsächlich noch in Schwung kommt, dafür muss das Herz aber kräftig genug ausgebildet sein.

Anlass des Beitrags: Der AutorenVerlag Matern stellt die Produktion aktuell auf eBooks um.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (4)

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Ehemaliger Nutzer 02.02.2013 | 14:02

Schöne neue Welt - und eine lediglich partiell dargestellte technische Sicht. Das ist nun wirklich nicht das Kriterium; zumindest nicht für mich.

Aber was ist mit DRM, was mit proprietären Formaten, proprietärer Hardware? Was ist mit der möglichen Verfolgung von Lesegewohnheiten via notwendiger Registrierung als Käufer und Leser? Was ist mit nachträglich möglicher Korrektur von Inhalten, gar Manipulation bis hin zum Löschen des offiziell erworbenen Contents?

Rein technisch und ohne die vorgenannten, notwendigen Rahmenbedingungen zur Aufrechterhaltung einer "Puppet on a string", sprich: Konsument sind E-Book Reader technisch bereits jenseits, kann jedes bessere Tablet diese Funktionalität ebenfalls leisten und bietet darüber hinaus in der Regel die Vorteile eines relativ offenen PC-Systems mit der gewohnten Internetanbindung.

R.M. 02.02.2013 | 14:26

Danke für den Beitrag! Im Zentrum des Artikels stehen Belang der Produktion innerhalb des bestehenden Marktes, letztlich die Vorgaben, die Shops und Agenturen den Verlagen stellen, angesichts der üblichen Lesegeräte. Es gibt mit Sicherheit viele andere Themen in dem Bereich ...

Von der MVB, der Marketing-Organisation, der Buchhändler und Verlage, wird übrigens ein 'weiches' DRM präferiert, das lediglich ein Wasserzeichen enthält. Unabhängig davon wie sich ein Verlag verhält, intergrieren die Shop-Betreiber DRMs, ein weiches, wenn es angeboten wird, muss zusätzlich bezahlt werden ;-)

Wichtig zu beachten ist: ein Verlag kann keine Angebote für Geräte wie z.B. für Tablets machen, sondern nur für allgemein übliche Softwareausstattungen.

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Ehemaliger Nutzer 02.02.2013 | 15:12

"...sondern nur für allgemein übliche Softwareausstattungen."

Nun wage ich die kaum wirklich kühne Prognose, dass Tabletts und deren Softwareumgebung(en) den zukünftig allgemein üblichen Standard darstellen werden. Notebook- und PC-Verkäufe stagnieren oder gehen zurück und reine -in der Regel proprietäre- E-Book Reader werden (ähnlich wie im Druckermarkt) zunehmend beinahe verschenkt; hofft man über den sog. Content auf Gewinn.

Mit einem softigen Wasserzeichen kann ich leben, soweit dieses Wasserzeichen lediglich die Echtheit des Buches darstellen wollte und nicht personifiziert dann doch mit dem Käufer verbunden wird.

Wenn ich in den Buchladen gehe und dort gegen Bargeld ein Buch kaufe, so war es das, kann ich mit diesem Buch tun und lassen was ich will, bin keinerlei Überwachung oder Zuordnung, Profiling etc. unterworfen. Nur das ist für mich akzeptabel.

Btw. Die gewisse Problematik namens "Geschäftsmodell" ist mir durchaus geläufig, gebe ich im Schnitt rund fünfzig Euro monatlich für Medienkonsum aus, ca. 40% davon bereits via Internet, sprich: virtuellem Content.

Nur bin ich eben keine Puppe am Strick", wie bereits erwähnt.

R.M. 02.02.2013 | 17:36

Mir gefällt sehr, dass Sie sich weigern, eine 'Puppe am Strick' zu sein. Wie die Geräte und welche in Zukunft das Rennen: Ich lasse mich überraschen. Die von Ihnen angeführten Verkaufstendenzen sind mir geläufig. Aber Sie reichen (noch) nicht aus, um die Produktionsbedingungen zu verändern. Der AutorenVerlag Matern bevorzugt 'weiche' DRM. Es wäre gesellschaftlich wünschenswert, dass sich diese Form durchsetzt.