Ein Sommer voller Theater

Die Zukunft des Theaters Die Bühnen pausieren, erst im September beginnt vielerorts die neue Spielzeit, doch in den Medien wird eifrig über mögliche Wege diskutiert, die das Theater nehmen könnte
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Die Bühnen pausieren, erst im September beginnt vielerorts die neue Spielzeit, doch in den Medien wird eifrig über mögliche Wege diskutiert, die das Theater nehmen könnte, um auf Interesse und Akzeptanz zu stoßen. Simon Strauß veröffentlichte in der FAZ ein Plädoyer für mehr Mut zu Fremdheit und Verstörung, um einer Provokationsspirale zu entkommen, die ihrer Konventionalität nicht entkommen kann. Abseits des Realismus, durch ‚magische‘ Bilder, erhofft er ein Publikum zurückzugewinnen, das die im Betrieb licht gewordenen Reihen wieder füllt, auch junge Leute anspricht, für die die bürgerliche Institution alles andere als selbstverständlich ist. Doch Worte ‚Magie‘ verweisen auf Traditionen aus steinzeitlichen Gesellschaften, aus zurückgebliebenen ländlichen Bezirken, auch in Europa, oder eine Romantik, die nicht wusste, nicht einmal ahnte, worüber sie sprach.
In einem Spiegelinterview erläuterte András Siebold sein internationales Sommerfestival Hamburg als interdisziplinäre Theaterkunst. Integriert werde auch Musik, Tanz und vor allem Bildende Kunst. Und er verteidigt seinen Rückgriff auf die Avantgarde der letzten Jahrzehnte, wehrte sich gegen die Bühne als Brecht-Museum. Sein spezielles Plädoyer für mehr Offenheit ist allerdings auf ein Festival zugeschnitten. Was wäre in welcher Weise von den Theatern leistbar?
Ebenfalls im Spiegel bespricht Peter Michalzik das Buch „Die falsche Frage. Theater, Politik und die Kunst, das Fürchten nicht zu verlernen“ von der Dramaturgin Kathrin Röggla. Sie steht in der alten Tradition, zu der besonders Heiner Müller gehört. Doch eine Perspektive scheint sich innerhalb dieser Tradition nicht mehr zu eröffnen: „Sie sucht nach der Position des Bewusstseins, das Dinge durchdenkt, verarbeitet, kritisiert – und findet sie nicht.“ Vielleicht wäre es ratsam, die alte Bewusstseinsphilosophie an einen krummen Bühnennagel zu hängen und sich direkt der Sprache zuzuwenden?

Mark Ammern bietet mit seinem Stück „Storming“ sprachanalytisch inspirierte Impulse für das Theater. Nicht etwaige psychische Regungen und Bedeutungen stehen im Zentrum, sondern sprachliche Bezüge. Die Gespräche der vier Hauptpersonen, die vor allem der Kritik, auch und besonders einer Sprachkritik gewidmet sind, über Musik, Literatur, Ökonomie und Bildung handeln, auch über ein anthropologisches Selbstverständnis der Primaten, können Zweifel aufkommen lassen, ob es herkömmliche Menschen sind, die sich getroffen haben, es könnte sich auch um Aliens handeln, die erfahren wollten, was aus den Menschen geworden ist.
Thema des Stücks ist eine ‚neoliberale Revolution‘, die bis in die Utopie verfolgt wird, ein Reich Gottes! Gott aber ist, auch aufgrund eines gesellschaftlich mangelhaften Naturverständnisses, der Tod. Der Tod ist das verbliebene ‚mysterium tremendum‘ der vermeintlich aufgeklärten Welt. Zusammengekommen sind die vier Hauptpersonen auf Bitten der ‚Person 3‘ (Peter), um zu beraten, was angesichts der Revolution, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst, getan werden kann. Ort des Geschehens ist ein ehemaliges Theater, dessen Bühnenraum nur auf eigene Verantwortung und gegen Unterschrift betreten werden darf. Im Entrée hat sich indes eine Szene-Kneipe eingerichtet.
Im Stück wird nicht nur gesprochen, sondern auch Musik gemacht und performt. Einer der Teilnehmer (Person 1, Karl) ist Musiker: Ammern kombiniert das avancierte Sprechtheater auf einfache Weise mit eigenwilliger, skalenbasierter Musik von Helge Bol, die das Alienhafte der Personen noch verstärken kann: sie entzieht sich der alten Ordnung tonal / atonal. Eine Choreografie für die ‚Bewegungen‘ der Darsteller hätte freilich das jeweilige Theater zu entwickeln.
Ammerns „Storming“ ist bislang nur in seinem Blog zu lesen, ein eBook wird laut Verlag im Herbst / Winter erscheinen. Im Blog gibt es auch Verweise auf die integrierte Musik. Der oben beigefügte bzw. das beigefügte Link führt zur Szene 1.1, zu der auch einige allgemeine Informationen platziert wurden. Von dort aus sind alle neun Szenen durch Links am jeweiligen Seitenende erreichbar. Entstanden ist „Storming“ im diesjährigen Juli.

Der Beitrag wurde zuerst bei den Ruhrbaronen veröffentlicht.

11:04 18.08.2015
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