Trauer um die Künste

R.I.P. Den Künsten ist gesellschaftlich das Ende beschieden: Durch Konservatismus, wirtschaftspolitische Diktion und schlicht durch Unkenntnis
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im sogenannten Bereich ‘Kultur’ zu arbeiten, oder dem wirtschaftswissenschaftlichen Pendant, der sogenannten ‘Kreativwirtschaft’, kann aufgrund der seit einigen Jahrzehnten üblich gewordenen Konzentration auf ‘Nachfrage’ zu depressiven Schüben führen, vielleicht nicht nur bei mir. Es gibt kaum noch Angebote, und falls es solche noch gibt, sind sie nur abseits der Öffentlichkeit zu finden.

Künstlerische Avantgarde, die sich durch die Produktion von Neuem, auf dem Markt durch Angebote auszeichnet, wurde fast vollständig verdrängt. Sucht man als Künstler einen Kontakt zur Wirtschaftsförderung, weil andere Förderungsmöglichkeiten kaum existieren, wird in der Regel schnell deutlich, dass für avancierte Angebote kein Markt gesehen wird. ‘Kreativität’ bezieht sich auf eine Befriedigung von Nachfrage, z.B. auf die Herstellung von Club-Musik, für die es innerhalb der Szene sogar Vorgaben gibt, Aufbauregeln, die Sequenzen und Takte anbelangen, Harmonievorstellungen, die in aller pophaften Konservativität allenfalls durch weitere Einschränkung auffallen, durch zelebrierte Grundtonorgien! Die Szene ist so innovativ wie es Malen-nach-Zahlen war und ist. Kinderkram. Konfrontiert man die Leute mit einem zeitgenössischen Stück Musik, das z.B. auf konzeptionellen Skalen basiert, trifft man leicht auf Unverständnis und die Frage, warum es denn bitteschön derart dissonant klingen muss. Das musikalische Verständnis hat Grundschulniveau. - Alternativ bleibt als Betätigungsfeld z.B. die Klassik, die geradezu zu einer Hitparade der Altertümer degeneriert ist.

Und Literatur? Auch diese Szene ist durch und durch konservativ ausgerichtet, auf eine Simplizität, die dem Anspruch genügt, Bücher für Klo, Bahn und Schlafsofa zu produzieren. Künstlerische Angebote? Nur wenn der Name der Autorin bzw. des Autors noch etwas hergibt, ein leises Versprechen auf Umsatz, wie z.B. bei Brigitte Kronauer und ihrem “Gewäsch und Gewimmel”. Dem Verlag sei Dank! Auch wenn bereits Kritiker (wie z.B. Ulrich Greiner in der ZEIT) begonnen haben, sich über den Konservatismus Gedanken zu machen, auch die Kritik ist in diese antikünstlerische Tendenz verstrickt. Sie hängt vielfach der literarischen ‘Moderne’ nach, nicht ihren experimentellen Richtungen, eher den bürokratischen! Vollständigkeit, eine Plausibilität, die an statistische Durchschnitte gemahnt, also all der gut-bürgerliche Traum vergangener Jahrzehnte, der längst zum Alptraum der Gesellschaft geworden ist, weil sich Streuungen nicht vermeiden lassen und weil ein Maß von außen selten angemessen ist!

Meine Trauer betrifft nicht die ‘Kultur’, dass es eine solche gibt, habe ich anderswo bezweifelt (“Zweifel an der Kultur”), sondern die Künste! Sie werden verdrängt, durch Konservatismus, wirtschaftspolitische Diktion oder schlicht Unkenntnis. Kann es sich eine Gesellschaft ‘leisten’, auf zeitgenössische Künste zu verzichten. Offensichtlich. Kaum jemand bemerkt, was mitten unter uns geschieht. Und ich würde mich nicht wundern, bald zu hören: ‘Endlich sind wir sie los’.

--------------------------------

Eine Erweiterung in Bezug auf 'Klassik'.

15:38 24.11.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 52

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Der Kommentar wurde versteckt