Verlasst die Universitäten!

Wissen Wissenschaftspolitik, die nicht an der jeweiligen Sache ausgerichtet ist, geht fehl ...
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https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/fb/Italy_Bologna_-_Portico_cattedrale_di_San_Pietro_%28lato_di_Via_Altabella%29_01.JPG/800px-Italy_Bologna_-_Portico_cattedrale_di_San_Pietro_%28lato_di_Via_Altabella%29_01.JPGWissenschaftspolitik, die nicht an der jeweiligen Sache ausgerichtet ist, geht fehl, besonders dann, wenn ein Reduktionismus auf erfassbare Ziffern betrieben wird, die kaum etwas preisgeben, lediglich eine unangemessene, eine irrationale Buchhaltung. Unter solchen Bedingungen ist der Betrieb vor allem Joblieferant und Marketing-Maschine, der seit einiger Zeit über verteilbare „Exzellenzen“ für gesellschaftliches Ansehen sorgt und zusätzliche Mittel vergibt, die forschungsrelevant sein können, besonders zur Schaffung weiterer Arbeitsplätze und zum Ankauf von Gerätschaften.

Im einfachsten Fall geht es um die jeweiligen Anzahlen an Veröffentlichungen und um deren Zitierhäufigkeit. Doch über eine Qualität sagt dies gar nichts! Forschung wäre ohne einbringbare Kreativität nicht leistbar, Forschung ist auf Neues aus, auf noch Unbekanntes, nicht auf einen industriellen Ausstoß und auf Popularität. Die Mittel, mit denen gemessen wird, sind schlicht der Industrie und ihrer Produktion entlehnt.

Ist man selber nicht kreativ tätig, sondern administrativ, fällt ein relevanter Unterschied von Wissenschaften zum industriellen Komplex eventuell gar nicht auf. Die Vokabeln ‚Menge‘ und ‚Erfolg‘ sind bereits in der Umgangssprache fest verankert, dass es scheinbar völlig unnötig wäre, sich darüber Gedanken zu machen. Zudem sind sie pragmatisch abgesichert, wenn man einem primitiven Pragmatismus glauben schenkt, der sich seinerseits nur auf die Umgangssprache berufen kann. Die Umgangssprache ersetzt mögliche Grundlagen!

Der neoliberale Umbau der Universitäten hatte allerdings Gründe, auch in Bezug auf eine vermisste Leistungserbringung. Ich persönlich erinnere mich an eine in den 80er Jahren weitverbreitete Forschungsuntätigkeit des universitären Personals, besonders in den Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Doch lassen sich Kreativarbeit und relevante Ergebnisse erzwingen, und dies mit industriellen Mitteln?
Erinnert sei an Bertrand Russells „Lob des Müßiggangs“ ([1957] 2002). Russell betonte, dass tugendhafte Tüchtigkeit und rastloser Fleiß nicht zu den Merkmalen gehören, die Weiterentwicklungen ermöglichten noch ermöglichen. Der neoliberale Umbau indessen zerstört sogar, was zu motivieren war: Wissenschaften als industriellen Komplex zu behandeln, untergräbt ihre Grundlagen!

Der Text erschien zuerst bei den Ruhrbaronen.

17:13 17.08.2015
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