Spieß umgedreht

Streik Warum der Bahnkonflikt zum Lehrstück wurde

Das hat es in der sozialpazifistischen Kompromisskultur der Bundesrepublik seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben: Der Tarifkonflikt zwischen Bahn AG und Lokführergewerkschaft GDL hat das Land etliche Monate beschäftigt und will einfach nicht zur erwünschten Friedhofsruhe kommen. Zwar ist der soziale Konsens längst aufgekündigt worden, aber höchst einseitig von oben. Was im Verhältnis von Wirtschaft und Gewerkschaften immer noch unter dem rituellen Label "Kompromiss" firmiert, lief in der Regel auf kompromisslose Einschnitte zu Lasten der Beschäftigten hinaus. Stellenabbau, Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzungen gehörten zu den großen "Erfolgen" der vergangenen Jahre, gerade auch bei der Bahn. Ausgerechnet in diesen Zeiten einer verschärften Konkurrenz auf den Arbeitsmärkten macht sich nun plötzlich der Hauch einer Konfliktfähigkeit geltend, mit der kaum jemand mehr gerechnet hätte. Und ausgerechnet bei der kleinen und bislang ziemlich unbekannten GDL, obwohl es sich um eine der ältesten deutschen Gewerkschaften handelt, die freilich noch nie als kämpferisch aufgefallen war.

Schwelende Wut über den allgemeinen sozialen Abwärtstrend gibt es überall. Aber die individualisierte Ohnmacht und die gesellschaftspolitische Perspektivlosigkeit lassen den Gedanken an Gegenwehr verpuffen. Wenn die GDL unverhofft zum Symbol für die mögliche Macht der Ohnmächtigen geworden ist, dann hat dies nicht allein mit der Schlüsselposition der Lokführer zu tun. Es zeigt sich auch, dass relativ kleine, auf begrenzte Sektoren bezogene Organisationen, in denen sich die Diskussionsfähigkeit nicht auf den Apparat beschränkt, unter den Bedingungen einer globalisierten Just-in-time-Produktion schlagkräftiger sind als die leblos gewordenen, selber längst konzernähnlichen Großgewerkschaften. Die Individualisierung kann in gewisser Weise mit ihren eigenen Mitteln durch Rückbau der Anonymität geschlagen werden. Das gilt auch für die Vertragslandschaft. Es ist kein Zufall, dass jetzt gerade diejenigen in Politik und Management nach dem Einheitstarif schreien, die ihn durch Aufweichklauseln, Umschalten auf Betriebsvereinbarungen und kalkuliertes Outsourcing systematisch ausgehöhlt haben, weil dies eine größere Willfährigkeit der Beschäftigten gegenüber Zumutungen zu fördern schien. Jetzt sind sie geschockt, da sie sehen, dass der Spieß auch umgedreht werden kann. Eine Summe von Konflikten um nachdrücklich eingeforderte Teiltarife à la GDL kann gefährlicher werden als das zahme Vereinbarungsritual von Einheitstarifen, sobald andere Beschäftigtengruppen gleichfalls auf den Geschmack kommen.

Auch in ideologischer Hinsicht scheint es, als wäre das neoliberale Kartell beim Bahnkonflikt auf dem falschen Fuß erwischt worden. Die gewohnheitsmäßige Beschwörung des ausgeleierten "Allgemeinwohls" zieht nicht mehr so gut wie erhofft. Der inszenierte mediale Aufschrei, dass ungezogene Lokführer "ein ganzes Land lahm legen", fand nicht die Resonanz wie erwartet. Klammheimlich sind vielleicht nicht alle zwangsflexibilisierten Individuen so tief traurig darüber, wenn die Mobilität für den Billig-Job ein wenig still gestellt wird. Wo die Normalität nachgerade unerträglich ist, wünscht man sich gelegentlich eine Art Erdbeben. Auch die Anklage, dass womöglich der "Aufschwung" kaputt gestreikt wurde, riss kaum jemanden vom Hocker. Welcher Aufschwung? Bei den allermeisten ist da nichts angekommen. Und wenn die Finanzmärkte krachen, wird man kaum die GDL verantwortlich machen können. Jedenfalls hält sich trotz der Behinderungen des Bahnverkehrs in den Umfragen hartnäckig eine Mehrheit, die für die GDL und gegen den Bahnvorstand Stellung nimmt.

Den biederen Lokführern ist sichtlich nicht ganz wohl in ihrer Haut, seitdem sich ihr "Standing" zum Medien-Hype ausgewachsen hat. Das haben sie so nicht gewollt. Aber was sie gewollt haben, ist ohne ihr Zutun unter der Hand zum Lehrstück geworden. Die Streikführung war bisher eher zögerlich, aus Angst vor der eigenen Courage und vor der Öffentlichkeit. Das Spannende an diesem Konflikt ist gerade, dass er einen Pseudo-Kompromiss wie bei der Telekom, der tatsächlich eine Kapitulation von Verdi war, praktisch ausschloss. Wäre die GDL irgendwann doch im Namen eines aufgeschwatzten "höheren Verantwortungsbewusstseins" einknickt, hätte sie damit nicht nur eine schwere Niederlage erlitten, sondern auch ihr Ende als Organisation besiegelt. Wie lautet doch gleich der Spruch, mit dem eine auf den Kapitalismus vergatterte Menschheit seit Jahr und Tag berieselt wird? Mut zum Risiko!

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Geschrieben von

Robert Kurz

Publizist und Journalist
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