Buch ist Widerstand

Wissen Der legendäre „Fischer Weltalmanach“ gibt auf. Brauche man angeblich nicht mehr, sei alles im Netz. Aber das stimmt nicht

Vor zwei Jahren habe ich erstmals etwas beim Otto-Versand bestellt. Ich besorgte mir den Katalog, blätterte geruhsam in der Sonne sitzend das große, aber doch überschaubare Angebot durch und fuhr danach zum Otto-Versand-Laden, um dort der Verkäuferin mündlich meine Entscheidung mitzuteilen. Zwei Tage später wurde meine Waschmaschine geliefert und angeschlossen; wiederum zwei Tage später fuhr ich noch mal zu dem Laden, um sie bar zu bezahlen.

Ich war begeistert über dieses innovative Geschäftsmodell. Kein nerviges Rumgeklicke, kein debiles Check24en, keine Eingabe von Kreditkartennummer und Prüfzahl, nicht einmal einer E-Mail-Adresse. Mehr gekostet hat es übrigens auch nicht. Wenn ich Hipster wäre, ein Start-up-Unternehmen gründen wollte und es dieses Geschäftsmodell noch nicht gäbe: Dann würde ich genau dieses erfinden.

Entsprechend konsterniert war ich, als ich kürzlich hörte, Herr Otto wolle zum nächsten Jahr seinen Katalog einstellen; es werde jetzt fast nur noch online bei ihm bestellt. Der Otto-Versand im Internet? Ich finde das sehr ulkig, ungefähr so, als würde Herr Google in ausgewählten Kleinstädten Kramläden betreiben, in denen er Bügeleisen und Gardinen feilbietet – nur umgekehrt natürlich.

Es geht aber um Wichtigeres. Genau wie der Otto-Katalog erscheint nämlich auch ein anderes, jährlich erneuertes Periodikum, Der Fischer Weltalmanach, 2018 zum letzten Mal – beide übrigens mit der gleichen Vordatierung auf das Jahr 2019; der eine hört nach 68 Jahren, der andere nach 60 auf. Beide machen die Konkurrenz des Internets dafür verantwortlich. Das heißt: Beide, vor allem aber der Weltalmanach, lassen uns genau jetzt im Stich, wo sie am dringendsten gebraucht würden.

Postdigitales Zeitalter is now

Denn eigentlich müsste deutlich genug sein, dass wir uns im postdigitalen Zeitalter befinden. Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, dass jetzt allen plötzlich wieder möglich wäre, sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen – das ist endgültig vorbei. Aber immerhin beschreibt der von Florian Cramer und anderen strategisch verwendete Ausdruck „postdigital“ prägnant einen Zustand, in dem dieses „Digitale“ – also ein den gesamten Alltag strukturierendes elektronisches Dispositiv – einerseits selbstverständlich, andererseits aber auch beobachtbar geworden ist. Oder zumindest: beobachtbar sein könnte.

Denn seltsamerweise wird „die Digitalisierung“ ja von Herrn LindnerBärSpahn noch als „Zukunft“ bezeichnet, bloß weil er endlich gelernt hat, wie man Keksfotos in den asozialen Netzwerken platziert; jetzt befiehlt er die Verlegung von Glasfaserkabeln, um noch den Bewohnern des letzten Einödhofs diese Keksfotos aufzudrängen. „Postdigital“ wäre ein Wort für die Einsicht in den Sachverhalt, dass „digital“ zum Deppenwort geworden ist.

Zugegeben, mir ist Der Fischer Weltalmanach, ebenso wie Versandhauskataloge, aus der großelterlichen Wirtschaftswunder-Bibliothek der 1960er-Jahre-Kindheit bekannt; ich habe mit ihnen das Lesen gelernt, zumal in beiden so schön viele Zahlen sind. Aber ich hatte beide längst vergessen, und beide – ernst meine ich das für den Weltalmanach – erst postdigital wiederentdeckt, also als Alternative zu dem, was uns seit nunmehr ja schon ungefähr zwanzig Jahren eingebläut wird: zu der universellen Verfügbarkeit, der unendlichen Verlinkbarkeit, der uneingeschränkten Ergooglebarkeit.

Der Fischer Weltalmanach bot dazu eine Alternative, weil er beschränkt, nämlich ein Buch ist. Ein Buch ist eine in sich abgeschlossene, unveränderliche Zusammenstellung von Zeichen. Traditionellerweise ist dies mit dem Material des Papiers verbunden; aber dieses Material ist, wenn ich von meinem Papierfetischismus absehe, nicht das entscheidende Kriterium. Eine auf einem Computer les- oder hörbare Variante eines Buches, also zum Beispiel als PDF- oder Audible-, mit Einschränkungen auch als Kindle-Datei, bleibt in diesem Sinne ein „Buch“. Das Deppenwort „digital“ verstellt hier die entscheidende Differenz zwischen abgeschlossenen unveränderlichen Zeicheneinheiten einerseits und unabgeschlossenen veränderlichen Zeicheneinheiten andererseits. Erstere können sich auf bedrucktem Papier oder in elektronisch lesbaren Dateien vom PDF-Typ niederschlagen, letztere gibt es privat in überarbeiteten Notizbüchern, öffentlich aber vor allem in HTML-unterstützten, untereinander verlinkten Webseiten. In einigen der letzteren, in der Wikipedia etwa, können sogar User, welche definitionsgemäß Looser sind, rumkritzeln und rumlinken; dies gilt dann als besonders demokratisch.

Das Buch in jenem Sinne, zwischen handfesten oder elektronisch simulierten Pappdeckeln, hat sich in mehreren Teilbereichen überraschend gut gehalten. Vor allem im Bereich dessen, was „Literatur“ genannt wird. Um die Jahrtausendwende hätte niemand gedacht, dass knapp zwanzig Jahre später noch ganz normale Bücher geschrieben werden. Na gut, vielleicht von Peter Handke. Aber nicht von Helene Hegemann oder Rainald Goetz. Blogs, „interaktive Formen“ usw. waren angesagt und wurden als Zukunft der Literatur vorhergesagt. Inzwischen jedoch gibt es „Abfall für alle“ nur noch, ohne störende Leserkommentare, auf altmodischem Papier. Und sogar Sachbücher werden noch gelesen, solche von Thilo Sarrazin bis Perry Anderson.

Gefährdet ist das Buch also derzeit „nur“ jenseits von Textsorten wie Romanen oder meinungsstarken Sachbüchern. Wieso aber sollte es auch noch eines Buches bedürfen, welches alljährlich auf 736 Seiten bloß Zahlen Daten Fakten, so der Untertitel des Almanachs, über die Welt bereitstellt?

Google mal Nauru

Nun, erstens halte ich die von einem eingespielten, erfahrenen Redaktionsteam zusammengestellten Zahlen, Daten und Fakten für überdurchschnittlich verlässlich. Zweitens, und vor allem, schätze ich gerade den Buchcharakter, der es erlaubt, gleitend zwischen Nachschlagen, Blättern und Lesen zu wechseln. Denn solange man nur sucht, findet man bestenfalls, was man gesucht hat, also eigentlich nichts. Zugegeben: Man kann natürlich auch im Netz mit einer gezielten Google-Suche anfangen, von dort ins Surfen kommen und später finden, was man nicht gesucht hat. Doch surft man dann durch so viele Formen, dass es jedenfalls insgesamt formlos wird. Sogar eine vermeintlich banale Information ist aber doch, wie schon das Wort weiß, auf eine Form angewiesen.

Der Weltalmanach stellt deshalb nicht nur die Zahlen, Daten und Fakten über die Welt vor einen hin, sondern eine eigene Welt auf, die in sich abgeschlossen und rigide formatiert ist. So sind zwar die Einträge in dem alphabetisch geordneten Teil zu den einzelnen Staaten, der über zwei Drittel des Buches einnimmt, verschieden lang. Einige Staaten werden dadurch, in Proportion zu ihren Einwohnern, krass unterrepräsentiert, zum Beispiel Indien mit zwölf Spalten, andere aber überrepräsentiert, darunter aus naheliegenden Gründen Deutschland, mit 96 Spalten. Weil aber jeder Staat nach den gleichen Kategorien beschrieben wird und jedem mindestens zwei Spalten eingeräumt werden, erhalten etwa die 14.000 Bewohner von Nauru proportional noch viel mehr Platz. So erfuhr ich immer im September verhältnismäßig viel über ein Land, das mir im Jahresverlauf in tagesaktuellen Medien nicht begegnet war – seltsamerweise übrigens kurz nach Niederschrift dieses Artikels dann doch, nämlich weil unser Außenminister in New York gerade den mir seit vielen Jahren gut vertrauten Baron Waqa kennenlernte, der Regierungschef und Außenminister in Personalunion ist. Bloß aus „dem Netz“ heraus hätte ich noch nicht einmal gewusst, dass es Nauru überhaupt gibt. Ich werde im kommenden September nicht mehr daran erinnert werden.

Es ist zweifellos ein Merkmal sogenannter totalitärer Regime, Kontrolle über den Internetzugang ihrer Staatsbürger gewinnen zu wollen, und etwa, wie die Regierung von Nauru zwischen 2015 und 2018, den Facebook-Zugang zu sperren (vgl. Der neue Fischer Weltalmanach 2019, S. 333). Es ist Widerstand gegen eine solche Zensur zu leisten. Es ist aber auch Widerstand gegen den nicht ebenso leicht zu beschreibenden, weil sich liberal gebenden Totalitarismus des WWW selbst zu leisten. Bücher sind, oder waren, ein solcher Widerstand, vielleicht nicht der Otto-Katalog, aber jedenfalls Der Fischer Weltalmanach.

Info

Der neue Fischer Weltalmanach 2019: Zahlen Daten Fakten Fischer TB 2018, 736 S., 22 €

Robert Stockhammer ist Professor am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der LMU München

06:00 28.10.2018
Geschrieben von

Robert Stockhammer

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