Kick it like Schweini

Fußball Martin Suters Buch über Bastian Schweinsteiger wird zu Recht von vielen Kritikern verrissen. Unser Rat: Lesen Sie lieber Andreas Bernards Fußballbuch

Bemerkenswert spät in Andreas Bernards schmalem Fußballbuch beziehen die Jungs erstmals die Zäune ihres Bolzplatzes ein und spielen, statt den Ball nach jeder Überschreitung der Seitenauslinie neu einzuwerfen, über Bande. Diese Metapher, die ja ihrerseits schon aus einer anderen Sportart kommt, liegt nahe, um auch das Verfahren des Autors zu beschreiben, der kurz vor Veröffentlichung seines eigenen Fußballbuches ein anderes, seinerseits eben erst erschienenes, in der Süddeutschen Zeitung so ausführlich wie gnadenlos verriss: Martin Suters biografischen Roman über das bisherige Leben von Bastian Schweinsteiger.

Wäre dieser Literaturkampf tatsächlich ein Fußballspiel, so müsste es sich um ein Pokalspiel handeln, weil Suter offenbar „in einer anderen Liga“ als Bernard spielt. Wobei die Frage, wer hier aus welcher Liga kommt, unterschiedlich beantwortet werden kann: In Kategorien des Buchmarkt-Kapitals ist Suter, dessen Buch schnell an die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste aufstieg, heillos überlegen – in Kategorien fußballschriftstellerischer Kompetenz hingegen ist Bernard ein Profi, der über einen Amateurfußballer (sich selbst) schreibt, während Suter sich als Amateur an einen Profi (eben Schweinsteiger) wagt.

Den Verrissen von Suters Einer von euch – denn derjenige Bernards war ja keineswegs der einzige – ist wenig hinzuzufügen. Eine solch hagiografische Darstellung kommt heraus, wenn ein Autor sich vornimmt, von den Tatsachen dann und nur dann abzuweichen, wenn es „freundlich gemeint“ ist, wie er in seinem Vorwort betont. Offenbar gilt diese Absicht inzwischen nicht mehr nur in der Alltagskommunikation, sondern sogar schon in der Literatur als Lizenz zu sprachlicher Beliebigkeit. Weil der Einwand naheliegt, der Rezensent habe als Literaturprofessor zu hohe Ansprüche: Ich habe in den beiden vergangenen Novembern jeweils einen Öko-Thriller von Dirk Rossmann gelesen, die ebenfalls beide in der Spiegel-Bestsellerliste ganz oben standen, und ich halte jetzt den Drogeriemarktkettenbesitzer für einen begabteren Schriftsteller als Suter, jedenfalls hinsichtlich dieses Romans. Ihm ist offenbar noch nicht einmal klar, dass Ausdrücke wie „alle drei Pötte“ oder „Zuckerflanke“ inzwischen sogar von Redakteuren des Kicker unterkringelt werden.

Von Krämpfen geplagt

Interessant ist allenfalls, dass Suter auch die schwierigen Zeiten von Schweinsteigers Karriere einigermaßen ausführlich nacherzählt. In den besten Passagen entsteht dabei eine Ahnung vom zähen Alltag eines Profifußballers, zumal eines, der sich so oft verletzte, behandelt werden musste, Einzeltrainingseinheiten absolvierte und erst nach und nach wieder seine verlässliche Form fand. Das passt in dieser kruden Wiederkehr immer ähnlicher Verläufe so gar nicht in einen Entwicklungsroman, der das Buch sonst krampfhaft sein will. Ebenso wenig wie Kurzberichte von Spielen des FC Bayern gegen den FSV Mainz 05 oder Energie Cottbus, irgendwann an einem 12. oder 23. Spieltag einer Bundesligasaison, in Phasen, in denen – ja, das kam in frühen Phasen von Schweinsteigers Karriere noch mehrmals vor – die Qualifikation für die Champions League gefährdet war. Leider wird der an solchen Stellen entstehende Einblick in den zermürbenden Alltag schnell von, vorgeblich weniger langweiligen, Berichten über rauschende Partys oder die mitlaufende Parallelgeschichte von Schweinsteigers heutiger Frau Ana Ivanović unterbrochen.

Andreas Bernard, der offenbar über ein enzyklopädisches FC-Bayern-Wissen verfügt, könnte sich wohl noch an dessen Spiele gegen Energie Cottbus erinnern. Als Kultur- und Medienwissenschaftler, der er hauptberuflich ist, interessiert er sich aber mindestens ebenso sehr für den Vorgang des Erinnerns selbst. So stellt er etwa fest, wie anders sich Bilder von wichtigen Szenen aus Fußballspielen eingeprägt haben, als es sich „wirklich verhielt“. Denn der Abgleich mit dem Bilderarchiv in Youtube ist ja erst seit relativ kurzer Zeit möglich; zuvor konnten sich „falsche“ Erinnerungsbilder lange unkorrigiert halten.

Der wichtigste Gegenstand von Bernards Buch ist freilich das eigene Fußballspiel als Kind und Jugendlicher in den 1970er und 80er Jahren, von dem es ohnehin nur wenige Bildaufnahmen gibt. Damals durchlief der Autor Mannschaften bei einem Verein, der seinerzeit immerhin der drittwichtigste in München war (und damit leicht als der inzwischen in die Kreisliga abgestürzte FC Wacker zu identifizieren ist). Wichtiger noch als die Karriere im Verein ist ihm jedoch das alltägliche improvisierte Spiel auf öffentlich zugänglichen Plätzen, dem „Abenteuer“ zuerst, dem „Gummi“ sodann. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Fußballsprache, etwa den unzähligen, lokal unterschiedlichen Namen für bestimmte Spiele wie das „Danteln“, auf die man sich einigt, wenn noch nicht genügend Spieler für ein Match auf zwei Tore auf dem Platz sind.

Um daran alles fesselnd zu finden, muss man schon eine große Begeisterung für Fußball mit einer Neigung zur Meta-Reflexion verbinden. Wer darüber nicht verfügt, erfährt bei Bernard trotzdem mehr als bei Suter. Bei diesem werden Ereignisse wie „Mauerfall“ oder „9/11“ nur in banalstmöglichen Einschüben evoziert, um damit die Heldengeschichte historisch zu verorten. Bernard hingegen skizziert nebenbei eine Kindheit und Jugend in einem unspektakulären Randbezirk der Münchner Innenstadt. Dass sich diese Alltagsgeschichte so nahezu ausschließlich um den Fußball dreht, beispielsweise nicht um Mädchen, und nur, gegen Ende, ein wenig um Literatur – nun gut, das ist sicherlich nicht realistisch gemeint, sondern eine fiktionale Voraussetzung, die man beim Lesen teilen können muss.

Info

Wir gingen raus und spielten Fußball Andreas Bernard Klett-Cotta 2022, 160 S., 20 €

Einer von euch: Bastian Schweinsteiger Martin Suter Diogenes 2022, 384 S., 22 €

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Geschrieben von

Robert Stockhammer

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