Unter nervösen Bedingungen

Porträt Tsitsi Dangarembga erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wie wäre es, ein Buch von ihr zu lesen?

Als in der vergangenen Woche über den Literaturnobelpreis entschieden wurde, hatten manche Beobachter mit einem afrikanischen Preisträger gerechnet – den konkreten, Abdulrazak Gurnah, hatte jedoch niemand auf dem Schirm. In ähnlicher Weise durfte man erwarten, dass auch der seit 1950 verliehene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nach 1968 und 2002 mal wieder an eine Person aus dem subsaharischen Afrika geht – aber auch in diesem Fall ist die Preisträgerin, Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe, offensichtlich weniger gut etabliert, als es Léopold Sédar Senghor und Chinua Achebe zu den Zeitpunkten der entsprechenden Preisverleihungen waren. Mit einer etwas abgedroschenen, aber angemessenen Redewendung: Auch diese Jury hat mit ihrer Entscheidung Mut bewiesen.

Vielleicht hat dabei eine Rolle gespielt, dass Tsitsi Dangarembga zeitweise in Deutschland gelebt hat, um in Berlin an der Hochschule für Film und Fernsehen zu studieren; vermutlich hat sie dort die kenianische Germanistin Auma Obama kennengelernt, die bei der Preisverleihung am 24. Oktober die Laudatio halten wird. Aber welcher Deutsche außer den Jury-Mitgliedern und ihren besten Freunden hat schon einmal einen ihrer Filme gesehen? Auf die Schnelle zugänglich ist ausschließlich der halbstündige Film Kare Kare Zvako (auf Youtube, über die Seite des Friedenspreises verlinkt). Und wie viele Deutsche haben schon einen ihrer drei Romane gelesen? Den mittleren, The Book of Not (2006), gibt es bis heute nicht in deutscher Übersetzung; die Übersetzung des ersten, Nervous Conditions (1988), war lange vergriffen und wurde erst vor zwei Jahren im kleinen Orlanda Verlag wieder aufgelegt. Dort ist jüngst unter dem Titel Überleben auch eine Übersetzung des dritten Romans This Mournable Body (2018) erschienen. Immerhin ist die Lage also noch besser als im Fall von Abdulrazak Gurnah, bei dem alle deutschen Übersetzungen vergriffen sind. Gegen die Übersetzungen der Romane von Dangarembga ist wenig einzuwenden; ihre Titel allerdings überführen die Originaltitel ins diffus Allgemein-Existenzielle: Aus „Nervöse Bedingungen“ wurde zuerst Der Preis der Freiheit, dann Aufbrechen; aus „Dieser betrauerbare Körper“ wurde Überleben. Man will deutschen Lesern nichts Sperriges zumuten, wenn es um Afrika geht, und streicht die in beiden Originaltiteln enthaltenen Anspielungen auf kritische Auseinandersetzungen mit dem Kolonialismus (von Jean-Paul Sartre respektive Teju Cole).

Aber die Texte von Tsitsi Dangarembga sind teilweise ja auch sperrig. Zweifellos hat die Autorin mit ihnen, ebenso wie mit ihren Filmen, nicht zuletzt auch mit ihrem kulturpolitischen Engagement, zur Emanzipation von Frauen in Simbabwe, ja in größeren Teilen Afrikas beigetragen. Welche konkrete Gestalt dieser Einsatz jedoch hat, ist nur in der Auseinandersetzung mit ihren Werken auszuloten. Ich beschränke mich auf wenige Bemerkungen zu Nervous Conditions, einem Roman, der unter Kennern afrikanischer Literatur fast den Status eines Klassikers besitzt – aber eben nur in dieser ziemlich kleinen, in Deutschland besonders kleinen Gemeinschaft. Von den beiden weiblichen Hauptfiguren des im Rhodesien der 1960er Jahre spielenden Romans beweist die eine, die zugleich erzählt, eine bewunderungswürdige Beharrungskraft bei der Erreichung ihrer Ziele, pflanzt etwa schon als Siebenjährige ihren eigenen Mais, um damit das Schulgeld zu erwirtschaften, das der lethargische Vater ihr nicht geben kann. Aber sie, oder spätestens die Erwachsene, die von sich als Kind erzählt, misstraut ihrer allzu großen Fähigkeit, sich an die Gegebenheiten anzupassen, um das gerade noch Beste herauszuholen, das es in einer Nahezu-Apartheid-Gesellschaft gibt. Ihrer hyperintellektuellen Cousine hingegen, die sich allmählich, in gnadenlosem Klartext, zur Magersüchtigen entwickelt, kann dieser Vorwurf, sich anzupassen, nicht gemacht werden – aber sie ist unter den nervösen Bedingungen des Spätkolonialismus auch schlicht nervig geworden.

Selbst wenn ich annähme, ich wäre eine afrikanische Frau, könnte ich mir nicht vorstellen, mich mit einer dieser beiden Figuren vorbehaltlos zu identifizieren. Was der Roman darstellt, sind eben die Bedingungen, unter denen eine vorbehaltlose Identifikation unmöglich ist – sosehr man auch mitfiebert mit den Mädchen. Sprachlich wird das Wechselspiel von Nähe und Distanz dadurch hergestellt, dass die Erzählstimme einerseits offensichtlich Sympathie für die Erzählten hegt, andererseits aber auch nie so tut, als handle es sich bei ihr um die Stimme der Erzählten selbst.

1968, bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Senghor, seinerzeit senegalesischer Staatspräsident, gab es wütende, vielleicht begründete Proteste. Solche sind diesmal weder zu erwarten, noch gäbe es einen Grund dafür. Es besteht aber die sozusagen gegenteilige Gefahr: Alle finden es ohnehin prima, dass einer so sympathischen Schwarzen Frau ein so wichtiger Preis verliehen wird, und dann muss man sich auch nicht mehr weiter darum kümmern. Daniel Cohn-Bendit kassierte für seinen Protest gegen die Preisverleihung an Senghor eine Bewährungsstrafe – vielleicht sollte man für die Zustimmung zur Preisverleihung an Dangarembga wenigstens ein Buch von ihr lesen oder einen Film von ihr anschauen?

Info

Lesen Sie hier eine Rezension zu Überleben

Robert Stockhammer lehrt Literaturwissenschaft an der LMU in München. 2016 erschien von ihm Afrikanische Philologie im Suhrkamp Verlag

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06:00 22.10.2021
Geschrieben von

Robert Stockhammer

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